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Kommentar: Gut gebrüllt, Uli!

Kommentar: Gut gebrüllt, Uli!

16/11/2019 um 17:43Aktualisiert 16/11/2019 um 21:19

Der LIGAstheniker blickt auf das Lebenswerk und den Abschied des langjährigen Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß zurück und bezweifelt, dass sich der 67-Jährige vollständig von der Säbener Straße zurückziehen wird. Hoeneß' Spielfigur im Epizentrum der Bayern wird in Zukunft Sportdirektor Hasan Salihamidzic sein, glaubt der LIGAstheniker. Ein Vater könne schließlich nicht von der Familie zurücktreten.

Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath

Lieber Uli Hoeneß,

das wars jetzt? Im Ernst? Erlauben Sie mir, dem "Bayern-Hasser", ein paar versöhnliche Worte zum Abschied. Ein Abschied, der nach aller Stochastik kein endgültiger sein wird.

Sie mögen funktional mit gestern aus dem Amt getreten sein. Als Faktotum, als Identitätsstifter kann man Sie aus dem Verein gar nicht herausschneiden und den Verein nicht aus Ihnen. Dann bliebe von Ihnen beiden ja kaum noch was übrig.

Sie haben den Verein Bayern München immer als Ihre Familie betrachtet und so geführt, das war für den Ruhestand, den Rücktritt oder den Rauschmiss schlau vorausgedacht: Ein Vater kann aus der eigenen Familie nicht zurücktreten.

Aber tun wir mal für einen Moment so, als wäre es das wirklich gewesen, gestern Abend in der Olympiahalle, Ihr Bad in der Menschenmenge, die einen bedingungslos liebt und verehrt. Vergessen der Stunk bei der Jahreshauptversammlung von vor einem Jahr. Das war noch einmal, womöglich Ihr letzter großer, nennen wir ihn, den Mick Jagger-Moment.

Um diese lebensverlängernde Träneninfusion Tausender muss man Sie beneiden, die totale Liebe von so vielen, wer bekommt die schon? Kein Wunder, dass Rockstars ewig leben, anders als Fußballfunktionäre. Jagger ist 76 und immer noch stoned. Und Sie, was sind Sie jetzt eigentlich? Pensionär? Sie wissen besser als ich, dass Sie das gar nicht können.

Kritik ist kein Hass

Ich habe 2015 ein kritisches Buch über Sie geschrieben ("Die Akte Hoeneß", CBX-Verlag), das den Untertitel trägt "Portrait eines Potentaten", eine Zeitung schrieb darauf von einer "Vernichtung". Seitdem gelte ich wahlweise als "Bayern-Hasser" oder als "Hoeneß-Hasser" oder als beides in Personalunion.

Erst diese Woche wurde mir zugetragen, dass auch einer meiner Nachbarn mich so sieht, selbst wenn er es mir nicht direkt ins Gesicht sagt. Natürlich hasse ich weder Sie noch den FC Bayern. Hass ist kein journalistisches Stilmittel, das zum Erkenntnisgewinn taugt.

Das Buch war grundsatzkritisch, das mag man im Fanwesen Fußball nicht so, eine Vernichtung war es nicht, es gibt Sie ja immer noch. Warum Sie 2019 tatsächlich zurücktreten, das würde ich wirklich gerne wissen. Aus freien Stücken ist das nicht denkbar. "Bis zum letzten Atemzug" wollten Sie dem FC Bayern dienen. Was ist passiert? Hat Sie Ihr Vorstandsvorsitzender endgültig von der Bühne geschupst?

Video - "Wenn du geschwiegen hättest...": Uli Hoeneß' beste Sprüche

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Alle mögen Sie: die da unten & die da oben!

Ihr Leben und Werk ist längst Allgemeinwissen. 40 Jahre lang haben Sie einen Fußballverein nach Ihrem Gusto geformt. Damals, 1979, als Sie sich das erste Mal hinter den Schreibtisch setzten, hatte der FC Bayern sieben Millionen Mark Schulden, heute setzt der "Bayern München Konzern" (Pressemitteilung) im Jahr 750 Millionen Euro um, das wären rund 1,5 Milliarden Mark.

Das haben Sie anfangs gerne gemacht, die neue Euro-Währung in die alte D-Mark übersetzt. Dass ein eingetragener Verein zu einem Konzern werden kann, mit einem Renditeversprechen, das heute selbst die Deutsche Bank staunen lässt, das ist Ihr Verdienst.

Sie haben aus dem Arbeitersport Fußball ein Ereignis für die Mitte der Gesellschaft gemacht. Sie haben es geschafft, dass der Fußball anschlussfähig ist nach unten wie nach oben. In Ihre nach einem großen Versicherungskonzern benannte Arena, drängen heute Arbeitslose, Angestellte, Promis und CEO’s gleichermaßen, ohne dass die da unten Ihnen übelnehmen, dass Sie mit denen da oben paktieren, es geht ja um die auf dem Feld.

Für das einfache Volk sind Sie der Uli, der Wohltäter, der Gutmensch mit Herz, einer der ihren. Für Winterkorn, Diess, Höttges & Co. sind Sie der bewunderte Erfolgsmanager, der Mann mit den VIP-Karten für die Lounge. Der Mann, der eines der begehrlichsten Produkte geschaffen hat, die dieses Land kennt, einfach weil man es jedem verkaufen kann, unabhängig von Einkommen, Milieu und Alter, sogar Kindern: Ihren FC Bayern!

Uli Hoeneß wird bei seiner Abschlussrede emotional

Uli Hoeneß wird bei seiner Abschlussrede emotionalEurosport

Sie haben den Fußball von Anfang an kapitalistisch gedacht. Das, lieber Uli Hoeneß, ist die Leistung, für die Sie bis zu Ihrem Steuerfall auch die hohe Politik bewunderte. Wie haben Sie das gemacht?

Sie sind ein Charismatiker und Strippenzieher

Die Ihnen ganz eigene Impulsivität und Zornesröte verleiht Ihnen, nach dem ersten Moment der Fremdscham, eine derartige Glaubwürdigkeit, dass nach Ihrem Anruf sicher viele das Gefühl hatten, da wird dem armen Hasan, stimmt schon, übel mitgespielt. Denkt man nochmal darüber nach, haben Sie vor einem Millionenpublikum klargemacht, dass hier ein erwachsener Mann, in gehobener Position, nicht in der Lage ist, für sich selbst zu sprechen.

Video - Hoeneß kitzelt Kahn mit witzigem Spruch

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Wenn es also noch eines Beleges bedurfte, dass Salihamidzic für den Job nicht geeignet ist, dann war es Ihr Anruf. Dass Sie am nächsten Tag im Aufsichtsrat ausgerechnet ihn als Sportvorstand vorschlagen, zeigt wiederum, dass sie nicht nur der unbeherrschte und unbeherrschbare Charismatiker sind, sondern vor allem der Strippenzieher, der von der Macht nicht lassen kann.

Der brave, zu großem Dank und Loyalität verpflichtete Hasan wird künftig Ihre Spielfigur im Epizentrum der Bayern. Denn dass sich die unterkühlten Herren Rummenigge und Kahn von Ihnen, noch dazu von außen, noch was sagen lassen? Sie kennen die Antwort besser als ich…

Sie kommen mit allem durch!

Seit Franz-Joseph Strauß hat es keine öffentliche Figur mehr gegeben, die den Unterschleif mit einer derartigen Verve in ein Heldenwerk umdeuten konnte wie Sie. Als Franck Ribéry mit einer minderjährigen Prostituierten erwischt wurde, haben Sie einen Reporter der Abendzeitung angepafft, er würde im Puff schließlich auch nicht nach dem Alter der Dame fragen.

Die berühmte Menschenrechts-PK, auf der Sie der kritischen Öffentlichkeit eine Hetzjagd auf den FC Bayern unterstellten, mit Klagen drohten, um im nächsten Augenblick den ehemaligen Bayern-Spieler Juan Bernat selbst an die Wand zu stellen, die Beschimpfung der eigenen Mitglieder während einer Hauptversammlung - das alles sind Bonmots der Weltklasse, für die sie heute geliebt werden in einem Business, das jedes Wort in Sagrotan einlegt, bevor es das künstliche Licht der Fußballwelt erblickt.

Sie waren immer schon Ihre eigene Legislative, was Sie mit ihrer letzten offiziellen Mitgliederbeschimpfung in der vergangen Nacht erneut eindrucksvoll unter Beweis stellten. In Ihnen kämpfen zwei Prinzipien um die Deutungshoheit Ihrer selbst: der Menschenfreund und der Machtmensch, meist gewinnt der zweite. Das kann man an Ihrer Nürnberger Wurstfabrik sehen, die Sie, nach eigenen Worten, reich gemacht hat. Ihre Mitarbeiter haben Sie bis 2010, dem letzten Jahr Ihrer Prokura, für maximal sieben Euro die Stunde diesen Knochenjob verrichten lassen (falls Sie sich nicht mehr erinnern, in der "Akte Hoeneß" habe ich einen Originalvertrag abgedruckt).

Auch vor Gericht, als es darum ging, das volle Ausmaß Ihres Betrugs öffentlich zu machen, agierten Sie wie ein überforderter Zweitligakicker: kleinlaut, taktierend, nicht wahrhaftig. Die Frage ist vielleicht auch, was macht das aus einem, wenn man einen Flugzeugabsturz überlebt und Steuerhinterziehung im großen Stil und eine Haftstrafe, die für andere, wie den ehemaligen Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff in die gesellschaftliche Verachtung führt, Sie aber schnell wieder umschwärmt sind von den Eliten? Alles nur, weil es der Fußball ist?

Video - Letzte Worte als Präsident: Hoeneß wird gefeiert

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Werden Sie jetzt "Heckenschütze"?

Und ab Montag? Als Sie vor Jahren Ihren beiden Kindern die Wurstfabrik übertrugen, haben sie beinahe täglich, ein halbes Dutzendmal und öfter, ihren Sohn Florian angerufen, um ihm zu sagen, was er zu tun hat und was er lassen soll.

Sehr wahrscheinlich, dass Sie auch an der Säbener Straße zum "Heckenschützen" ("SPIEGEL") werden, der seine Nachfolger auf Schritt und Tritt mit Ratschlägen erschlagen wird. Twitter in Trump-Manier böte sich dafür an. Oder vielleicht ein gemeinsamer Podcast. Was denken Sie? Arbeitstitel: "Abteilung Attacke gegen Bayern-Hasser". Mein Nachbar würde ihn sicher abonnieren.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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