Niko Kovac fühlte sich zuletzt oft missverstanden.

DFB-Pokal
Nur "irgendwie" reicht nicht: Bayern stellt die Charakterfrage
30/10/2019 AM 10:26

Auch am Donnerstag musste der Coach des FC Bayern München auf der Pressekonferenz im Vorfeld des Auswärtsspiels bei Eintracht Frankfurt wieder mehr über bereits Gesagtes sprechen, als ihm lieb war. Mehr rechtfertigen, als analysieren. Mehr zurück als nach vorne.

Ja, auch die Aussage über den VfL Bochum und dessen Trainer Thomas Reis, die den großen FCB am Dienstag beinahe aus dem DFB-Pokal geschmissen hatten (1:2), habe man ihm falsch ausgelegt.

"Da sieht man, dass es funktioniert, wenn alle das machen, was der Trainer sagt", hatte Kovac da nach dem hochemotionalen Spiel etwas lapidar von sich gegeben. Natürlich sei das kein Seitenhieb gegen sein Team gewesen, klärte Kovac zwei Tage später auf, fügte aber an: "Die Jungs setzen es im Moment nicht so um."

Heißt im Umkehrschluss: Sie machen nicht das, was der Trainer sagt. Oder?

Niko Kovac schimpft mit seinem Team während der Pokal-Spiels in Bochum

Fotocredit: Getty Images

FC Bayern: Die Situation ist angespannt

Die Aussage ist nur eine von vielen unbedachten Formulierungen, mit denen sich der Bayern-Coach das Leben aktuell noch schwerer macht als es ohnehin schon ist.

Auf dem Platz laufen die Münchener nämlich seit Wochen ihrer Form hinterher. Die Fast-Blamage gegen Bochum war nur der Höhepunkt einer Reihe von enttäuschenden Leistungen. 1:2 zu Hause gegen Hoffenheim, 2:2 in Augsburg, ein hart erkämpftes 2:1 gegen Aufsteiger Union Berlin.

Zwar kaschieren die Tore von Robert Lewandowski (19 in 15 Pflichtspielen) die teilweise erschreckenden Auftritte derzeit noch auf dem Papier, doch Abstimmungsprobleme in der Defensive und Ideenlosigkeit in der Offensive sind nicht von der Hand zu weisen.

Ähnliche Probleme hatte Kovac auch im vergangenen Herbst als Coach der Münchner. Damals musste häufig die "Ausrede" herhalten, ein Trainer könne einem Team in so kurzer Zeit keine Spielidee vermitteln.

Kovacs unglückliche Aussagen über die Mannschaft

Ein Jahr später sind es abwechselnd individuelle Fehler, mangelnde Chancenverwertung und nun ein "Fehlpass-Festival", die der 48-Jährige als Gründe vorschiebt.

"Der Trainer leitet, aber die Spieler müssen es umsetzen", ist auch so ein Satz von Kovac. Dass "der Trainer" selbst Teil des Problems sein könnte, scheint dem Übungsleiter bislang nicht in den Sinn gekommen zu sein.

Zwar stimmte Leon Goretzka ("Es liegt an den Spielern, nicht am Trainer") Kovacs Argumentation nach dem Bochum-Spiel zu, doch den Spielern und Bossen dürfte nicht entgangen sein, wie ihr Trainer argumentiert.

Kein Wunder, dass Kovac sein Vergleich mit dem FC Liverpool ("Man kann nicht versuchen, 200 km/h auf der Autobahn zu fahren, wenn sie nur 100 schaffen") in der öffentlichen Wahrnehmung auf die Füße gefallen ist. Auch wenn er hier wohl tatsächlich nur das Pressing der Engländer meinte und sich nicht generell über seinen Kader beschweren wollte.

Kovac: Man kann nicht 200 fahren, wenn man nur 100 schafft

Kovacs unglückliche Aussagen über die Fans

Auch bei den Fans droht Kovac seinen Kredit als Malocher, der in der vergangenen Saison von Karl-Heinz Rummenigge zu Unrecht an den Pranger gestellt wurde, zu verspielen.

Die öffentliche Rückendeckung der Anhänger, die nach dem Pokalsieg in Berlin noch als Zeichen des Vertrauens seinen Namen skandiert hatten, schwindet.

Da hilft es nicht, dass Kovac - ohne direkt darauf angesprochen worden zu sein - die Fans seines ehemaligen Klubs und kommenden Gegners Frankfurt als "die besten Fans der Liga bezeichnete".

Natürlich kam das in Fan-Kreisen nicht gut an – und natürlich war Kovac auch hier eine Erklärung schuldig:

Ich habe mir am Anfang der Saison drei Quali-Spiele von Frankfurt angeschaut. Wenn ich dann eine tolle Choreo sehe - ich fand, das war toll. Darauf habe ich es bezogen. Das ist nichts Verwerfliches.

Nicht verwerflich, aber erneut: ungeschickt. Besonders, weil er sein Plädoyer mit den Worten "wir haben auch klasse Fans, aber ..." beendete.

Kovac über seine Beste-Fans-Aussage: "Daran ist nichts Verwerfliches"

Kovac und die gefährliche Ehrlichkeit

Kovac will sich jedoch weiter treu bleiben. "Ich werde mich, meine Person und meinen Charakter nicht ändern", verteidigte Kovac seine Ehrlichkeit trotzig, gab aber zu:

Vielleicht darf ich nicht so in Metaphern oder wie ein Dichter irgendwas erzählen.

Dass der Kroate sagt, was er denkt, sollte man ihm nicht negativ auslegen. Es ist die Art und Weise, mit der er jüngst immer wieder aneckte. Die fragwürdige Notwendigkeit seiner Aussagen, das Gespür für die Situation, das beispielsweise sein Vorgänger Jupp Heynckes so bravourös beherrschte.

In Frankfurt (Samstag, 15:30 Uhr im Liveticker bei Eurosport.de) werden Kovacs Entscheidungen und Formulierungen deshalb erneut unter dem Brennglas liegen. Mehr, als es in der aktuellen Situation - Platz zwei in der Liga, neun Punkte aus drei Spielen in der Champions League - eigentlich nötig wäre.

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