Markus Gisdol saß nach dem 1:4 seiner Kölner gegen den FC Bayern etwas vereinsamt im Presseraum. Der Münchner Kollege Hansi Flick, der schon während der Partie auffallend oft in seine Faust gehustet hatte, ließ sich erkältungsbedingt entschuldigen.
Mit dem ungewohnten Solo ging FC-Coach Gisdol allerdings souverän um und schlug lächelnd vor: "Ich kann mich ja fünf Minuten auf die eine Seite setzen – und fünf Minuten auf die andere." Das sei auch deshalb kein Problem, weil er sich "in beide Seiten hineinversetzen" könne.
Bundesliga
Bei Generalprobe für Chelsea: Flick muss in der Bayern-Abwehr erneut improvisieren
16/02/2020 AM 20:03

Bekannter Hang zur Bequemlichkeit

Schließlich war die erste Halbzeit eine Machtdemonstration der Bayern, schon nach zwölf Minuten hatten sie mit atemberaubendem Passspiel durch Robert Lewandowski, Kingsley Coman und Serge Gnabry ihre 3:0-Pausenführung herausgeschossen.
Im zweiten Durchgang, als für die Gäste erneut Gnabry und für den Geißbock-Klub Mark Uth trafen, kam Köln dann immerhin zu einem Remis. Weil die Münchner einmal mehr mit dem Feuer spielten.
"In der ersten Halbzeit haben wir super Fußball gespielt – mit Kombinationen, an denen alle Spieler beteiligt waren. Das war zum Mit-der-Zunge-schnalzen", schwärmte Offensivmann Thomas Müller, der zugleich monierte:
Nach der Pause ist dann leider das aufgetreten, was wir schon in den letzten Partien beobachten konnten. Wenn wir einen großen Vorsprung haben, verstecken wir uns, machen es uns bequem.

K.o.-Spiele werfen ihre Schatten voraus

In der Liga genügte diese Haltung, um im Titel-Vierkampf mit Leipzig, Dortmund und Mönchengladbach die Tabellenführung zurückzuerobern.
Auf internationaler Bühne könnte der Hang zur Teilzeitarbeit jedoch fatale Folgen haben. In der Champions League gastieren die Bayern am 25. Februar zum Achtelfinal-Hinspiel beim FC Chelsea, am 18. März wird beim Gegenbesuch der Londoner die Eintrittskarte unter die Top acht des Kontinents verteilt.
Und dazwischen steht auf Schalke zudem das unangenehme Viertelfinalspiel im DFB-Pokal an.

Problem erkannt - Bekämpfung dauert an

Alle diese Termine kennt auch Manuel Neuer. "K.o.-Spiele sind immer eng, das wissen wir", betonte der Münchner Schlussmann in Köln:
Da muss man hochkonzentriert sein und so ins Spiel gegen, wie wir das zuletzt gezeigt haben.
Entscheidend wird aber sein, wie Flicks Ensemble diese herausfordernden Duelle dann weiterführt. Denn das Problem des regelmäßigen Qualitätsverlusts nach der Pause haben die Bayern zwar erkannt.
Ein Mittel zur Bekämpfung des Übels haben sie kurz vor dem Gang in die heiße Phase der Saison aber noch immer nicht gefunden.

Vergleich mit der Ära Guardiola

"Mit einem klaren Vorsprung im Rücken fühlen wir uns womöglich zu sicher und gemütlich. Das ist menschlich, aber solche Erklärungen bringen uns nicht weiter", tapste Thomas Müller bei der Ursachenforschung stellvertretend für seine Teamkollegen im Dunkeln.
Reaktionen: "Hätten bis zu zehn Tore schießen können - Köln aber auch fünf bis sechs"
Wobei der 30-Jährige den letztlich klaren Sieg in der Domstadt als nicht sonderlich hilfreich erachtete.
Denn auf der einen Seite gestattete Kapitän Neuer angesichts der rasanten Positionswechsel und des messerscharfen Kombinationsspiels des Rekordmeisters in der ersten Hälfte sogar einen Vergleich mit der dreijährigen Ära unter dem Cheftrainer Pep Guardiola.
Andererseits mahnte Müller: "Wenn wir am Ende trotzdem 4:1 gewinnen, unterstützt das diesen Hang zur Bequemlichkeit noch. Aber in der Champions League, mit Hin- und Rückspiel, wenn es wirklich ums Ergebnis geht, können wir uns so etwas absolut nicht erlauben."

Kritischer Müller schlägt Medizin vor

Der kritische Oberbayer, der neben seinen fünf Ligatreffern in dieser Runde auf mittlerweile 14 Torvorlagen kommt, scheute sich bei seiner ersten Analyse auch nicht, einen zentralen Grund für die immer wiederkehrende Leichtfertigkeit des Flicks-Teams nach der Pause zu benennen.
"Gerade die Mittelfeld- und Offensivspieler bieten sich dann nicht mehr so an", bemängelte er – und schlug zur Bekämpfung der Symptome sogleich eine Medizin vor.
"Wir müssen verstehen, dass wir, wenn wir gemeinsam verteidigen, auch gemeinsam angreifen sollten. Das ist wichtig. Wenn jeder in unsere Angriffe involviert ist, macht es auch Spaß, dann kommt etwas Produktives dabei herum", betonte Müller, der mit Blick auf die anstehenden englischen Wochen noch überlegte: "Vielleicht müssen wir es einfach schaffen, ein bisschen mehr die Balance zu finden."
Geschmunzelter Zusatz:
Dieses wunderschöne Wort Balance – das eigentlich nichts sagt, aber doch so viel.
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