Freiburg - Bayern | Der FC Bayern lebt - aber nicht (mehr) von seiner Klasse
Der FC Bayern München gewinnt glücklich mit 3:1 (1:0) beim SC Freiburg und demonstriert dabei zumindest großen Willen - Klasse jedoch nicht. "Wir haben das Glück erzwungen", sagte Trainer Hans-Dieter Flick. Erneut brach das Spiel der Münchner jedoch nach einer dominanten Anfangsphase in sich zusammen - was tiefergehende Ursachen hat als nur eine Reihe an verletzten Profis.
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Wer den FC Bayern München am Mittwochabend vor der Fankurve im Schwarzwald-Stadion tanzen sah, der bekam das Gefühl: diese Mannschaft lebt.
Glücklich war er, der 3:1 (1:0)-Auswärtssieg beim SC Freiburg. Dessen waren sich alle Beteiligten beim FC Bayern sehr wohl bewusst.
Umso größer war aber auch die Freude über den noch unerwarteten Dreier, heraufbeschworen durch einen Teenager: Bundesliga-Debütant Joshua Zirkzee, 18 Jahre, hatte nur 104 Sekunden nach seiner Einwechslung für das 2:1 (90.+2) und damit für Ekstase vor der Bayern-Bank gesorgt. Serge Gnabry setzte später noch den Schlusspunkt (90.+5).
Sehr wichtige Punkte für den FC Bayern
Zurück blieben konsternierte Freiburger. "Es fühlt sich richtig beschissen an. Das war nicht gerecht, wir hätten den Punkt verdient gehabt. Fußball ist manchmal brutal", haderte Sportvorstand Jochen Saier. "Es tut einfach weh im Herz, dass man hier nicht mit mindestens einem Punkt nach Hause fährt", sagte der von Zirkzee bezwungene Torwart Mark Flekken.
Die Bayern dagegen waren heilfroh. "Es war ein Sieg des Willens", meinte Kapitän Manuel Neuer. "Wir haben schon länger nicht mehr so ein Spiel für uns entschieden", sagte David Alaba und meinte: ein so enges. "Aber das sind die Spiele, die man sehr gerne für sich entscheidet und die am Ende des Tages sehr wichtig sind", so der Österreicher.
Statt sechs Punkten Rückstand auf die Spitzenreiter RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach sind es vor dem Hinrunde-Abschluss gegen den VfL Wolfsburg (Sa., 15:30 Uhr im Liveticker) so schließlich nur vier. "Wir haben das Glück letztlich auch erzwungen und ich bin froh, dass wir uns belohnt haben", meinte Flick.
Mangelnde Chancenverwertung, bröselnde Dominanz
Wer die Bayern am Mittwochabend im Schwarzwald-Stadion zuvor jedoch erneut am Rande einer Niederlage balancieren sah, der bekam auch das Gefühl: der Rekordmeister hat mehr Probleme als sieben verletzte Profis.
Da wäre erneut eine fahrlässige Chancenverwertung zu nennen: im halben Dutzend ließen die Bayern diese, zunächst furios aufspielend, in der Anfangsphase liegen.
30 Minuten lang fegten die Bayern wie ein Orkan über den Schwarzwald, heraus sprang aber nur die Führung durch Robert Lewandowski (16.), heraufbeschworen durch den 70-Meter-Sprint eines anderen Teenagers, Alphonso Davies. "Wir haben am Anfang wieder nicht die Tore gemacht", meinte Sportdirektor Hasan Salihamidzic leicht angesäuert.
Und weil die Bayern ihre Chancen nicht umsetzten, machte die Partie nach einer halben Stunde eine harte Wende. Denn Bayerns Dominanz bröselte erneut in wenigen Minuten nur so dahin.
Alaba als Sinnbild für den Bruch im Spiel
Eine Szene aus der 31. Minute gefiel den Verantwortlichen dabei überhaupt nicht: Dort standen nämlich plötzlich drei Freiburger gegen nur noch einen Bayern-Verteidiger.
Und hätte Mike Frantz den Ball etwas dosierter auf Lucas Höler gespielt, hätte es wohl schon früher 1:1 gestanden. "Wir haben gut gespielt, aber dann nachgelassen und die Spielanteile aus der Hand gegeben", sprach es Salihamidzic aus.
Hatten die Bayern bis dahin wirklich ein makelloses Auswärtsspiel geliefert, die Freiburger stets früh gepresst und bei Ballbesitz hinten phasenweise eingeschnürt, war plötzlich die Ordnung dahin.
Kurz vor der Frantz-Höler-Szene hatte man David Alaba - wohlgemerkt als Innenverteidiger spielend - nur 25 Meter vor dem Freiburger Tor attackieren sehen. Bayern eroberte den Ball. Ein paar Minuten später lief Alaba nur noch hilflos umher und versuchte hotelsuitegroße Löcher zu stopfen.
Bayern reagiert defensiv auf den Ausgleich
"Wenn Bayern Gegenpressing spielt, gibt es irgendwo auch Räume. Und wenn du dann Chancen hast, kriegst du auch eine breitere Brust", erklärte Freiburgs Saier den Turnaround.
Bayern schwamm immer mehr, daran änderte auch die Halbzeit nichts. Vincenzo Grifo nutzte das Freiburger Chancenplus schließlich zum längst verdienten Ausgleich (59.). "Wir haben viel Druck gemacht", sagte Dominique Heintz, "Bayern kam teilweise gar nicht mehr raus. Schade, dass wir uns nicht belohnt haben."
Auf der Zunge zergehen lassen muss man sich die Maßnahme, wie Flick auf den Ausgleich reagierte: Der FC Bayern München, Rekordmeister, Champions-League-Titelanwärter brachte einen defensiven Mittelfeldspieler für einen offensiven - Javi Martínez für Thomas Müller.
Der letzte Strohhalm
Ein Wechsel, der durchaus Sinn machte: Die eigene Defensive schwamm, Bayern brauchte zusätzliche Absicherung. Martínez gesellte sich fortan zu Thiago auf die Sechs, ein Systemwechsel von 4-3-3 auf 4-2-3-1 war die Folge. Es änderte nur nichts: Freiburg blieb der Führung näher als Bayern.
"Ich bin ja von Haus aus positiv, aber wenn man sieht, wie die Angriffe auf unser Tor gerollt sind - wir haben es mit Glück überstanden", musste Flick hinterher gestehen und begründete:
Kurz vor Schluss einen 18-jährigen Debütanten für den 120-Millionen-Euro-Mann Philippe Coutinho einzuwechseln, war der letzte Strohhalm, der dem Bayern-Trainer geblieben war.
"Wir haben uns gepusht und daran geglaubt, dass wir gewinnen", sagte Neuer. In einer Verletzungspause kurz vor Schluss habe man sich nochmal "eingeschworen, das hat gewirkt", so der Kapitän. Zirkzee versüßte schließlich die Heimfahrt mit dem Bus.
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