Oliver Kahn war sich sicher, alles getan zu haben.
"Wir haben David Alaba den roten Teppich ausgerollt und sind an unsere Grenzen gegangen. David und speziell sein Berater Pini Zahavi sind nicht über diesen roten Teppich gegangen", resümierte Bayerns Vorstandsmitglied schon vor einigen Wochen in der "SportBild".
Schon damals war dem kommenden Bayern-Boss klar, dass die Causa Alaba wohl nicht mehr umzukehren sein würde. "Ich wüsste im Moment nicht, wie das passieren sollte", sagte der 51-Jährige.
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19/01/2021 AM 22:18
Was Kahn meinte, nimmt nun immer deutlichere Formen an: Bayern-Urgestein Alaba wird den Rekordmeister im Sommer sehr wahrscheinlich verlassen. Sein neuer Arbeitgeber heißt wohl Real Madrid.
Auch wenn noch letzte Details zu klären sind, Bayern-Trainer Hansi Flick seinen Spieler zwar so gut wie abgehakt, aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat und von Beraterseite beschwichtigt wird, ist der Transfer auf der Zielgeraden.
Warum aber hat sich der Österreicher dem roten Bayern-Teppich verweigert um im Gegenzug über das feinsäuberlich ausgerollte königlich-weiße Exemplar zu gehen?

Gibt wirklich nur Geld den Ausschlag?

Zunächst einmal dürfte logischerweise den Ausschlag gegeben haben, dass der spanische Weltklub bereit war, die von Alaba und seinem Team vorgetragenen Gehaltsforderungen weitestgehend zu erfüllen.
Das zumindest berichtet die dem spanischen Hauptstadtklub nahe "Marca" in ihrer Ausgabe vom 19. Januar. Demnach haben die Königlichen eine Vereinbarung mit dem Defensiv-Allrounder getroffen, die einen Vierjahresvertrag samt Salär von elf Millionen Euro netto per anno umfasst.
Doch der Wechsel hat selbstredend eine andere, nicht finanziell motivierte Seite. Für Madrid könnte die Verpflichtung des österreichischen Nationalspielers zum Königstransfer des kommenden Sommers werden.

David Alaba und Pep Guardiola

Fotocredit: Imago

Alabas Ruf in Spanien ist hervorragend - wegen Pep

In Spanien setzt man große Hoffnungen in den erfahrenen Verteidiger vom amtierenden Triple-Sieger. Dass ein Spieler solcher Güteklasse den Madrilenen in wirtschaftlich derart angespannten Zeiten ablösefrei in den Schoss fällt, gilt im Umfeld des Vereins als großes Glück.
Auch weil das letzte Jahrzehnt gelehrt hat, dass man bei den Blancos mit Spielern, deren Verträge der FC Bayern nicht verlängern möchte, gut fährt. Toni Kroos gewann in Madrid vier Mal die Champions League.
"In Alaba bekommt Real einen der besten Defensivspieler Europas und es sagt viel über die Strahlkraft des Klubs aus, dass er nach Madrid geht, wenn auch andere große Klubs wie Manchester City, Manchester United, PSG und Juventus Turin versucht haben, ihn für sich zu gewinnen", schätzt Real-Experte Felix Martin von Eurosport-Spanien ein.
Alaba genießt in und um La Liga seit seiner tollen Entwicklung unter dem ehemaligen FCB-Trainer Pep Guardiola einen hervorragenden Ruf. Der heute 28-Jährige bewies damals, dass er sich auf fast allen Position blitzschnell zurechtfinden und das Spiel eines Spitzenklubs nachhaltig prägen kann.
"Seitdem ist einige Zeit vergangenen, die Alaba noch erfahrener und smarter in seinen Entscheidungen gemacht hat", meint Martin, der erwartet, dass der Neuzugang im Starensemble der "Königlichen" eine wichtige Rolle übernehmen wird. Besonders die strauchelnde Defensive benötige dringend frische Kräfte.

Alaba soll auf zwei Problempositionen helfen

Der neunfache deutsche Meister könnte dabei sowohl als Innenverteidiger als auch im zentralen defensiven Mittelfeld zum Einsatz kommen.
"Jedes Mal, wenn entweder Casemiro oder Sergio Ramos nicht auf dem Platz standen, hatte die Mannschaft große Probleme, die Null zu halten", berichtet Experte Martin. Auch Raphael Varane performe seit Monaten weit unter seiner Bestform. Nacho und Eder Militao werden höchsten Ansprüchen nicht dauerhaft gerecht.
Hinzu kommen die stockenden Verhandlungen um eine Verlängerung des im Sommer auslaufenden Vertrags von Ramos, der Begehrlichkeiten beim finanzstarken PSG geweckt hat. Sein Verbleib gilt zwar als wahrscheinlich, ein Selbstläufer ist er aber auf keinen Fall.
Alaba ist dementsprechend auch eine Versicherung für alle Eventualitäten, die in den kommenden Monaten aufzutreten drohen. Trainer Zinedine Zidane erhält so neben zusätzlicher spielerischer Klasse und einem Innenverteidiger mit starkem linken Fuß auch ein Stück weit Planungssicherheit.

FC Bayern | David Alaba (links) und Hansi Flick (rechts)

Fotocredit: Getty Images

Flick hofft weiter auf Alaba-Verbleib

Trotzdem darf nicht unter den Tisch gekehrt werden, dass auch der 28-Jährige in der aktuellen Saison einem durchaus auffälligen Leistungsverfall unterliegt. Ihm scheint nicht nur die kräftezehrende Terminierung der Corona-Spielzeit zuzusetzen.
Auch haben Alaba die Diskussionen um seine Zukunft offenbar durchaus beschäftigt. Seine Leistungskurve zeigt - im Vergleich zur Vorsaison - eher nach unten.
So ist seine Zweikampfquote gesunken, der Bayern-Star gewinnt nur noch knapp über die Hälfte seiner direkten Duelle und gehört damit zu den in dieser Kategorie statistisch schwächsten Innenverteidigern der Bundesliga.
Auch seine Fehlpassquote stieg und die Anzahl seiner Ballaktion sank. Trotzdem erhält er weiter die Rückendeckung seines Noch-Trainers Flick.
"Ich erlebe David sehr fokussiert", sagte der 55-Jährige auf die Real-Gerüchte angesprochen und führte weiter aus: "Natürlich ist David auf dem Platz, in der Kabine und auf dem Trainingsplatz sehr wertvoll."
Der Triple-Coach betonte auch, die Hoffnung auf einen Verbleib seines Abwehrchefs nicht aufgegeben zu haben. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagte Flick, dessen Erfolgsaussichten in dieser Sache aber gering erscheinen.

Flick fordert Alaba-Ersatz: "Der Verein muss jemanden holen"

Für Alaba bietet sich in Madrid eine besondere Chance

Spätestens seitdem der Rekordmeister das eigene Angebot an Alaba öffentlichkeitswirksam zurückgezogen hatte, scheint die Beziehung zwischen Verein und Spieler nachhaltig beschädigt.
Alaba hatte das Vorgehen in der Folge hart kritisiert und den Fokus auf die Akquise potenzieller Interessenten gelegt. Man darf davon ausgehen, dass er die großen Chancen, die ihm ein Wechsel ins blütenweiße Trikot des Weltklubs bietet, durchaus zu schätzen weiß.
Denn in Anbetracht der weltweiten Strahlkraft dürfte ein Transfer zu Real Madrid auch für die Marke David Alaba einen Boost bedeuten. Persönlich würde nach 400 Spielen für den FC Bayern die neue Liga, Sprache und Herausforderung eingefahrene Abläufe neu beleben.
In seiner österreichischen Heimat würde er das eigene Alleinstellungsmerkmal in der Fußballgeschichte weiter zementieren. Nie zuvor war ein Österreicher Stammspieler in der ersten Mannschaft der Königlichen gewesen.
Ohnehin wäre Alaba erst der Zweite, der das Trikot des Champions-League-Rekordsiegers überstreift. Der heutige Freiburger Philipp Lienhart trug es einst. 2014 in einem Pokalspiel - für zwölf Minuten.

Leipzigs Dayot Upamecano (links) soll bereits mit dem FC Bayern verhandeln

Fotocredit: Imago

Auch Bayern könnte auf lange Sicht vom Abgang profitieren

Für Real Madrid und Alaba scheinen die Sterne im Umfeld des Blockbuster-Wechsels also gut zu stehen. Was aber ist mit dem FC Bayern?
Immerhin verliert der deutsche Rekordmeister einen jahrelangen Leistungsträger, doppelten Triple-Sieger und polyvalent einsetzbaren Spieler von internationaler Klasse. Das Ganze umsonst und obendrein an einen direkten Konkurrenten um den Champions-League-Titel.
Doch auch für die Münchner hat der Abgang des Eigengewächses positive Aspekte. So wahrt der Verein im Poker sein Gesicht und sendet auch für kommende Vertragsgespräche mit internen sowie externen Kräften ein starkes Signal: Der FC Bayern lässt sich nicht von Beratern treiben und steht zu seinem Wort.
Und auch der Umbruch innerhalb des Kaders kann weiter vorangetrieben werden. Dazu wäre ein Abgang Alabas zwar nicht zwingend nötig gewesen, er hilft aber, um im Werben um international begehrte Spieler wie Leipzigs Dayot Upamecano eine weitere Perspektive aufzuzeigen.
"Wenn ein Spieler mit dieser Qualität den Verein verlässt, ist es klar, dass man einen anderen Spieler holen muss, holen wird", meinte Flick. Er wisse, "dass es aktuell in eine Richtung geht, die für die Mannschaft einen Wechsel, eine Veränderung bedeutet. Änderungen sind ja oftmals für etwas Neues da und um die Entwicklung der Mannschaft voranzutreiben", sagte er weiter.
Man kann also durchaus von einer Win-Win-Win-Situation sprechen.
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