Nachdem alles in trockenen Tüchern und der Vertrag mit Julian Nagelsmann unterzeichnet war, traf Vorstandsmitglied Oliver Kahn eine bemerkenswerte Aussage.
"Allein schon Julians Vertragslaufzeit von fünf Jahren zeigt, wie sehr er sich mit dem FC Bayern identifiziert", betonte der 51-Jährige. Das wirft umgekehrt die Frage auf, wie sehr sich der Verein mit dem neuen Coach identifiziert. Oder anders gesagt: Bekommt Nagelsmann mehr Macht als Vorgänger Hans-Dieter Flick?
Der Trainer, der sein Amt am 3. November 2019 von Niko Kovac übernahm, kämpfte trotz des historischen Sextuple-Erfolgs stets um mehr Mitsprache in der Personalpolitik. Vergeblich.
Bundesliga
Vom Meister zum Absteiger? Der dramatische Fall von Bayern II
30/04/2021 AM 21:46
Letztlich war der daraus resultierende Streit mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic ein Hauptgrund, weshalb Flick im Sommer wieder von Bord geht.

Bayerns Problem: Flicks Transferwünsche verhallten

Schon vor Beginn der Saison hatte der 56-Jährige Verstärkungen gefordert und bemängelt, dass er nicht wisse, "wer uns verlässt oder wer noch dazu kommt". Plötzlich nahm der Verein Spieler wie Douglas Costa unter Vertrag, die bei Flick - vorsichtig ausgedrückt - nicht auf der Wunschliste standen.
Dafür stellte die Klubführung während der Saison klar, dass man das auslaufende Arbeitspapier von Jérôme Boateng nicht verlängere.
"Jeder weiß, wie ich zu Jérôme stehe, jeder weiß, welche Qualität er hat", unterstrich Flick noch Anfang April. Es sei "eine gute Sache, wenn man solche Spieler hat, die erfahren sind, die eine enorme Qualität haben". Damit, so Flick, sei "alles gesagt". Es bedurfte keines Insiderwissens, um zu verstehen, dass Flick das Vorgehen seines Arbeitgebers in der Causa Boateng gewaltig gegen den Strich ging.
Salihamidzic wiederum ließ immer wieder durchblicken, dass er sich mehr Einsatzzeiten für "seine" Transfers - wie Bouna Sarr oder Tanguy Nianzou-Kouassi - wünsche.

Nagelsmann zum Bayern-Streit: "Mutter hat immer gesagt..."

Das also sind die Rahmenbedingungen, die Nagelsmann an der Säbener Straße vorfinden wird.
Angesprochen auf die Dissonanzen seines Vorgängers mit dem Sportvorstand, wiegelte der Neue in typischer Nagelsmann-Manier ab. "Meine Mutter hat immer gesagt: Wenn sich im Kindergarten zwei streiten, misch' dich da bitte nicht ein."

Nagelsmann erklärt sich: So liefen die Gespräche mit den Bayern

Der 33-Jährige kommt ohnehin aus einer Position der absoluten Stärke nach München, stellte sein Trainertalent bereits bei der TSG Hoffenheim und bei RB Leipzig unter Beweis. Bis zu 25 Millionen Euro sollen die Bayern dem Vernehmen nach auf den Tisch gelegt haben, um den europaweit umworbenen Coach bei den Sachsen loszueisen.
Dazu unterschrieb Nagelsmann einen Vertrag über fünf lange Jahre. Zum Vergleich: In dieser Zeitspanne hatte der Rekordmeister zuletzt fünf verschiedene Trainer. Der bis dato letzte Coach, der länger als drei Jahre bei den Münchnern arbeitete, war Ottmar Hitzfeld von 1998 bis 2004.
Nagelsmann soll eine ähnliche Ära prägen, die Verpflichtung des jungen Coaches ist eindeutig als Langzeitprojekt angelegt. Will der Klub die Erfolgschancen maximieren, muss er Nagelsmann in der Gestaltung des Kaders mit mehr Macht ausstatten als dies bei Flick der Fall war.

Gerücht um Wijnaldum: Liverpool-Star bald bei Bayern?

Sollte etwa das Gerücht des Online-Portals "Anfield Central" stimmen, dass Nagelsmann sich Liverpools Mittelfeldspieler Georginio Wijnaldum als Verstärkung für die kommende Saison wünsche, wäre es clever, diesen Transfer anzugehen. Denn der Leipzig-Coach hat in den vergangenen Jahren eindrucksvoll gezeigt, wozu er mit seinen Mannschaften in der Lage ist. Wenn man ihn denn lässt.

Nagelsmann beteuert: Wechsel zu Bayern "war nicht geplant"

Immerhin: Mit Dayot Upamecano hat der FCB ohnehin schon einen von Nagelsmanns Leistungsträgern in Leipzig für die kommende Spielzeit verpflichtet. Das wird helfen, dem neuen Trainer den Einstieg zu erleichtern.
Denn: Nagelsmann ist keiner, der seine Wünsche immer nur im stillen Kämmerlein äußert. Als er in Leipzig vor einem Jahr Bedarf an Außenverteidigern sah, verlieh er diesem Ansinnen auch öffentlich Nachdruck. "Da können wir auf beiden Seiten nachlegen", betonte er damals im Interview mit der "Sport Bild". Kurz darauf ließ er wissen, dass er in Sachen Transfers "schon mit dem Sportdirektor gesprochen" habe.
Wie auch immer: Zu Saisonbeginn nahm Leipzig Außenverteidiger Benjamin Henrichs unter Vertrag - zunächst auf Leihbasis, ab kommender Spielzeit mit einem bis 2025 laufenden Festvertrag.

Nagelsmann-Gleichung: Mehr Macht gleich mehr Erfolg?

Nun ist es eine Sache, wenn ein Trainer in Leipzig mit Forderungen an die Öffentlichkeit geht - und eine ganz andere, wenn er dies beim FC Bayern tut. Vor allem das mediale Echo dürfte alles übertreffen, was Nagelsmann bislang kannte.
Doch auch die Bayern-Verantwortlichen um Karl-Heinz Rummenigge, Kahn und Salihamidzic werden sich nach der Erfahrung mit Flick genau überlegen, ob sie dem Trainer nicht per se mehr Einfluss geben wollen. Der Erfolg und die Dauer der Ära Nagelsmann werden maßgeblich davon abhängen.
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