Liebe Fußballfreunde, der FC Bayern hat in den vergangenen sechs Monaten alles gewonnen, was man national und international gewinnen kann, auch aktuell steht man an der Tabellenspitze und doch reicht eine Niederlage wie am Freitag in Gladbach, um das Branchenübliche loszutreten: Das Gerede von Kritik und Krise.

Wobei das Wort selbst, also Krise, gar nicht in den Mund genommen wird. Noch nicht. Aber es sind die überspannte Wortwahl und die historischen Bezüge, die gar keine andere Deutung zulassen. "Die Unantastbarkeit, die Unbesiegbarkeit der letzten Jahre ist einfach weg", unkt "Sky"-Experte Didi Hamann.

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Die "Süddeutsche Zeitung" rechnete nach: 24 Gegentore in 15 Spielen, das gab es zuletzt 1981. In jener Saison wurde dann auch der HSV Deutscher Meister – dass kann heuer zumindest nicht passieren.

Die "SZ" erhöhte nach der zweiten Saisonniederlage der Bayern dann auch den Druck auf den amtierenden Übungsleiter: "Hansi Flick muss erklären, warum dem FC Bayern derzeit immer wieder die gleichen Fehler unterlaufen".

Das ist noch keine Trainerdiskussion und wer auch sonst als der Trainer sollte sich nach einer Niederlage erklären müssen und doch stecken die Bayern – ganz ähnlich wie in den vergangenen zwei Winterperioden unter dem bereits vergessenen Ex-Trainer Niko Kovac – im eigenen Anspruch fest. Die Form der Titelmonate ist wie weggeblasen, der Schweiß der Umkleide riecht nach Selbstzweifel. Und was macht Hansi Flick?

Bayern-Trainer Hansi Flick (l.) und Joshua Kimmich

Fotocredit: Getty Images

FC Bayern: Flick als Krisenmanager gefordert

Auf ihn, den Trainer, kommt es jetzt an. Hansi Flick ist ja nicht irgendein Trainer, sondern derjenige, der die Mannschaft vom ungeliebten und – so der allgemeine Tenor innerhalb des Teams – ahnungslosen Niko Kovac Ende 2019 befreite. Was zu der sportlichen Wunderheilung führte, dass dieselbe Mannschaft wie unter Kovac unter Flick plötzlich erfolgreichen und attraktiven Fußball spielte.

Da legte sich eine Mannschaft sichtlich ins Zeug für einen Trainer, der nominell noch Interimstrainer war, dem die Klubführung das Dickschiff Bayern München eigentlich gar nicht zutraute.

Kein Spiel verging, nach dem nicht einer der Kapitäne oder Leader des Teams - Müller, Neuer oder Lewandowski – öffentlich kundtaten, wie sehr Ihnen Hansi Flick den Spaß an der Arbeit zurückgeben konnte, buchstäblich flehten sie die Klubbosse über die Mikrofone der TV-Sender an, mit ihm weiterarbeiten zu dürfen.

Auch Flick selbst betonte das außergewöhnliche Binnenverhältnis zwischen Mannschaft und Trainer. Die Bosse kamen ins Grübeln, übten sich in Geduld, der Rest – fünf Titel – ist heute die jüngste deutsche Fußballgeschichte. Nur: Das reicht heute schon nicht mehr!

Nicht der Spielerliebling Flick ist ab sofort gefragt, sondern der Krisenmanager Flick, der mit seinen Spielern auch hart ins Gericht gehen muss. Die Erkenntnis ist offensichtlich: Der Flow ist vorbei, jetzt muss bekrittelt werden. Aber kann Flick überhaupt Krise?

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Bayern-Defensive macht Sorgen - Flick rügt Alaba

Man wäre heute gerne dabei, wenn der Trainer mit seinen Abwehrspielern Benjamin Pavard, Alphonso Davies und Niklas Süle das Gespräch sucht, alle drei waren mit ihren Fehlpässen und Ballverlusten maßgeblich an den drei Gegentoren in Gladbach beteiligt. Die Formschwäche der drei und sagen wir vier – siehe Boatengs schwacher Auftritt in Mainz - im Grunde also der gesamten bayerischen Defensive war in den letzten Tagen immer wieder Thema.

In der Pressekonferenz nach dem Gladbach-Spiel belegte Flick dann aber ausgerechnet Abwehrchef David Alaba mit einem Tadel, der seiner Meinung nach vor dem ersten Gegentreffer zu früh nach vorne rückte, anstelle den Pass in die Tiefe abzusichern. Die anderen kamen namentlich nicht vor. Ausgerechnet Alaba also, den er nach der gescheiterten Vertragsverlängerung als unverzichtbar erklärt hatte und damit indirekt die Vereinsführung rüffelte. Wie gehen die Spieler damit um?

Flick lobt viel, aber er tadelt jetzt auch. Oder er sorgt mit seinen Entscheidungen für Unmut, die schnell das Klima in der Kabine vergiften könnten. Leroy Sané dürfte Flick dessen Ein- und Auswechselspielchen von Leverkusen kurz vor Weihnachten noch eine Weile nachtragen.

Auch die Neuverpflichtungen wie Marc Roca, Bouna Sarr oder Douglas Costa, die weder die gemeinsame Anti-Kovac-Historie teilen noch mangels Einsätzen für die gedachte Entlastung der ersten Elf gesorgt haben, weil Flick es ihnen offensichtlich nicht zutraut, dürften weiteres Spaltpotenzial in sich bergen.

Die kommenden Wochen dürften schon deshalb spannend werden, weil ein FC Bayern, der auch mal verliert, die Liga weiter offen hält, und um zu beobachten, ob ein Flowtrainer wie Flick auch als Krisenkommunikator so gut ist, wie ein Welttrainer tatsächlich sein muss. Wenn ja, steht ihm für diese Auszeichnung am Ende dieses Jahres auch kein Kloppo mehr im Weg.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.

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