Liebe Fußballfreunde, dieser April-Montag wird eine Kerbe hinterlassen in der Historie des FC Bayern. Das nicht der Klub seinen Trainer nicht mehr will, sondern der Trainer seinen Klub nicht mehr, das hat es in München noch nicht gegeben seit Gründung vor gut 120 Jahren.
Hansi Flick hat gesagt, er will nicht mehr, nicht unter diesen Bedingungen, das ist in jeglicher Hinsicht bemerkenswert, zumal die nächste Meisterschaft eben auch seit diesem Wochenende so gut wie perfekt ist. Es wird die neunte Meisterschaft in Folge für die Bayern, der siebte Titel in eineinhalb Jahren, den die Bayern ihrem Trainer Hansi Flick zu verdanken haben. Und als Dank dafür?
Je erfolgreicher Flick mit seiner Arbeit war, desto mehr haben sie ihm in seine Arbeit hineingeredet, desto mehr haben sie ihm seine Abhängigkeit spüren lassen, aus Liebe wurde Streit, weil die Machtfrage eskalierte. Wer soll sie haben, die Macht, in einem professionellem Fußballklub?
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Derjenige, der den sportlichen Erfolg sicherstellt oder diejenigen, die denjenigen einstellen, der den sportlichen Erfolg sicherstellen soll: Der Trainer oder der Vorstand? Spätestens seit dem Wochenende muss diese Frage - nicht nur in München - neu verhandelt werden.

Blamierte Bayern-Bosse

Die Bayern-Bosse stehen blamiert da, anders kann man es kaum sagen. Am frühen Sonntagnachmittag reagierte der Vorstand mit einer windigen Stellungnahme, man missbillige die einseitige Kommunikation durch Hansi Flick. Mehr kommt da nicht.
Das ist eine peinliche Krisenkommunikation für einen Klub von Welt und der offene Bruch mit Wunderheiler Flick, der die Bayern im Instantmodus aus der Krise führte. Dem Vernehmen nach traf sich der Bayern-Vorstand noch am Samstagabend, um auf Flicks Ankündigung zu reagieren, dabei wussten sie bereits seit Mittwoch letzter Woche, dem Tag nach dem Champions League-Aus gegen Paris, von Flick selbst um seinen Wunsch nach Auflösung des Vertrags.
Die Vorstellung, dass Flick bis nach dem Mainz-Spiel am kommenden Wochenende schweigt, ist angesichts des öffentlichen Drucks bei jedem Interview, das er nach dem Spiel geben muss, lebensfremd. Wie oft hätte er sich noch selbst verleugnen müssen?
Nur zum Vergleich: Sportvorstand Hasan Salihamidzic ist seit Beginn des öffentlichen Streits abgetaucht, er spricht nicht mehr öffentlich, auch weil er eingesehen hat, das er es gar nicht kann. Dass man mit Flick das nicht machen kann, hätte der Bayern-Führung klar sein müssen.
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Trainer mit Vorstandsrang?

Wer also trägt die Schuld am Bayern-Gau? Hansi Flick wird wort- und vertragsbrüchig, das ist nüchtern betrachtet Fakt. Er hat noch Vertrag, aber er will ihn nicht mehr erfüllen. Anders als bei den Kollegen Marco Rose oder Adi Hütter, das kann man ihm abnehmen, geht es Hansi Flick wohl nicht in erster Linie um das nächste große, bessere Karriereding, dafür wirkte er viel zu angefressen, verzweifelt, persönlich angezählt.
Viel mehr als Bayern München geht auch gar nicht. Klar, die Erwartung, dass er Bundestrainer wird, ist groß, tatsächlich aber gibt es – Stand heute – noch kein Agreement, offensichtlich gab es nicht einmal ein Gespräch.
Anders als der mögliche Kanzlerkandidat Markus Söder, der ebenfalls am heutigen Montag in der Union die Macht um jeden Preis einfordert, wollte Flick ein Mitsprache- und Vetorecht bei Vertrags- und Transferentscheidungen, gerade jetzt, da viele Verträge auslaufen.
Ist das aber nicht legitim für einen Trainer, an dem die alleinige sportliche Verantwortung hängt? Nicht Macht um jeden Preis, sondern Einfluss gut begründet. Warum also nicht Trainer als Teammanager mit Vorstandsrang?

Erste Kerbe für Oliver Kahn

Dass das mit der aktuellen Bayern-Führung nicht zu machen ist, weil sie dadurch selbst Einfluss abgeben müsste, offenbart nur das allzu bekannte Binnenklima: Da sitzen Noch-Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge, Bald-Vorstandsvorsitzender Oliver Kahn, Ehrenpräsident Uli Hoeneß und der kindlich-erratische Sportvorstand Hasan Salihamidzic zusammen und wirken wie vier Jungs im Sandkasten, die sich um die größte Schaufel balgen.
Es ist, wie es immer war, eine Pattsituation, die die vernünftigere Lösung verhindert: Während Rummenigge sich für Hansi Flick verwendet, gibt sich Hoeneß bockig, was interessant genug ist für einen Mann ohne Vorstandsamt.
Und der künftige CEO Oliver Kahn? Er schwieg viel, heißt es aus dem Umfeld, er wollte oder er konnte sich nicht positionieren. Wenn man so viel Einfluss hat wie Kahn, macht er aus seiner Macht noch ziemlich wenig.
In seiner ersten größeren Krisensituation zeigt Kahn damit, dass er als Vorstandsazubi noch mächtig dazulernen muss, wenn das klappen soll als neuer Bayern-Chef. Die erste Kerbe hat er sich schon zugezogen.

ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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