Dass ein Trainer des größten deutschen Klubs, der stolzen Mia-san-Mia-getriebenen Titelmaschine FC Bayern, vorzeitig aus seinem Vertrag will, hat es beim Rekordmeister so auch noch nicht gegeben.
Normalerweise, so ist es Usus, werden Übungsleiter in München entlassen. Und zwar dann, wenn gewohnter Erfolg ausbleibt. Oder auch dann, wenn gewohnter Erfolg nicht ausreicht, wenn neben der fast schon obligatorischen Meisterschaft ein zweiter prestigeträchtiger Titel wie der DFB-Pokal oder die Champions League fehlt.
Flick jedoch ist das Gegenteil eines solchen Trainers. In den vergangenen zwölf Monaten führte er die Münchner gar zum bisher einmaligen Sextuple bestehend aus deutscher Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions League, DFL-Supercup, UEFA-Supercup und Klub-WM.
Bundesliga
Rüge für Flick: Bayern reagieren mit Stellungnahme
18/04/2021 AM 12:58
Er ist damit Vater der erfolgreichsten Saison der bajuwarischen Vereinsgeschichte - und kann es trotzdem kaum erwarten, seine Amtszeit in München zu beenden.
Eine durchaus besondere und bemerkenswerte Gemengelage.

Hansi Flick: Sehnsucht nach dem DFB

Die Beweggründe für Flicks Entschluss sind klar und nachvollziehbar: Der Job des Bundestrainers ruft. Nach der Europameisterschaft im Sommer endet die Ära Joachim Löw beim DFB nach dann 15 Jahren und Flick steht auf der Liste des größten Fußballverbandes der Welt ganz oben.
Seine gute Beziehung zum DFB ist bekannt. Jahrelang arbeitete er als Co-Trainer Löws. Von September 2016 bis Januar 2017 fungierte er zudem als Sportdirektor. Dass sich der gebürtige Heidelberger nun offenbar wünscht, den wichtigsten Job an alter Wirkungsstätte anzutreten, ist durchaus verständlich.

Jogi Löw (rechts) und Hansi Flick wurden zusammen 2014 mit Deutschland Weltmeister

Fotocredit: SID

Zudem überschatten tiefgreifende Differenzen mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic sein Wirken beim FC Bayern. Eine Weiterführung seiner Arbeit in München erscheint in der derzeitigen Konstellation kaum vorstellbar. Flick setzt wohl auch deswegen alles auf eine Karte und treibt die Entscheidungsträger des Klubs wissentlich in die Enge.
Mit dem Ergebnis, dass sich ganz Deutschland die Frage stellt, warum die Bayern-Bosse dem Wunsch des 56-Jährigen nicht einfach entsprechen und Flick "durchs große Tor" zur Nationalmannschaft ziehen lassen?

Good Bye, Hansi! Ganz so einfach ist es nicht

Die Situation stellt sich jedoch weitaus komplizierter dar.
Dass Flick vorhat, sich im Sommer zu verändern, teilte er dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge, dessen designierten Nachfolger Oliver Kahn und Salihamidzic bereits am vergangenen Dienstag nach dem Ausscheiden in der Champions League bei Paris Saint-Germain (1:0) mit.
Die Abmachung war, so ist es der schriftlichen Stellungnahme des Klubs vom Sonntag zu entnehmen, zumindest bis nach dem Spiel beim FSV Mainz 05 am 24. April zu warten, ehe die Öffentlichkeit eingeweiht werden sollte.
Das hätte dem Verein mehr Zeit gegeben, zumindest halbwegs im Verborgenen die weiteren Schritte - sprich: die Nachfolge - zu regeln.

Hansi Flick (l.) und Hasan Salihamidzic (r.)

Fotocredit: Imago

DOch Flick hielt sich offensichtlich nicht an diese Vereinbarung. Er ging auf Konfrontationskurs. Die Bayern stehen nun vor dem Problem, in kürzester Zeit einen neuen Trainer an Land ziehen zu müssen. Das alles, während der auch der Durck der Öffentlichkeit wächst.
Schließlich wünscht sich das ganze Land nun, dass man den derzeit erfolgreichsten deutschen Trainer gönnerhaft zum DFB ziehen lässt.

FC Bayern: Auch Flick könnte Ablöse kosten

Doch was ist mit einer Gegenleistung für den FC Bayern?
Es wäre gemäß den Geflogenheiten des Geschäfts nachvollziehbar, würde der Rekordmeister von seinem Recht Gebrauch machen, eine Ablösesumme für den Coach festzulegen. Schließlich droht den Münchnern bei der Suche nach einem Nachfolger ebenfalls das Szenario, für diesen tief in die Tasche greifen zu müssen.
Auch interessant: Klose vermisst Respekt bei Bayern - sucht auch er das Weite?
Die Gerüchte um Julian Nagelsmann sind in diesem Zusammenhang längst im Umlauf. Der 33-Jährige steht wie Flick noch bis 2023 unter Vertrag. RB-Vorstandsvorsitzender Oliver Mintzlaff machte bereits deutlich, dass es für Nagelsmann "kein Preisschild" gebe.
Heißt übersetzt, dass die Bayern eine nicht unerhebliche Summe aufwenden müssten, sollten sie das Trainerjuwel tatsächlich als Flick-Nachfolger nach München holen wollen - so dieser denn überhaupt will (wovon zumindest auszugehen ist).
Die "Bild" berichtet, dass die Sachsen rund 20 Millionen Euro aufrufen würden, wolle jemand Nagelsmann aus dem Vertrag bis 2023 rauskaufen. Nagelsmann sagte am Sonntag: "Ich kenne den Wunsch des FC Bayern nicht. Es gibt und gab keine Gespräche und auch kein Angebot. Zu dem Wunsch kann ich daher nichts sagen. Da müssen Sie bei Bayern nachfragen."
Für ihn sei zudem klar, dass er "keinen Krieg mit meinen Vertragspartnern anfangen werde". Anders als Flick.
WER SOLL DEN FC BAYERN 2021/22 TRAINIEREN?

Flick vs. FC Bayern: "I bin I" vs. "Mia san Mia"

Sollte Bayern Nagelsmann haben wollen, wäre es nachvollziehbar, wenn sich die Münchner auch den Abgang ihres Trainers vergüten ließen. Legt man die Summen zu Grunde, die Borussia Dortmund für Marco Rose (5 Millionen) und Borussia Mönchengladbach für Adi Hütter (7,5 Millionen Euro) zahlen, könnte für Flick schnell eine Summe im zweistelligen Millionenbereich ausgerufen werden. Das aber könnte wiederum zum Problem für den DFB werden, der per se nicht mit großen Ablösen hantieren kann.

Hansi Flick

Fotocredit: Getty Images

Zudem wäre es auch verständlich, würden sich die Bayern-Bosse aufgrund der Vorgehensweise Flicks gekränkt fühlen. Für den Verein, der seit jeher das Credo "Mia san Mia" für sich proklamiert, wirkte Flicks Alleingang vielmehr wie ein Akt nach dem Motto "I bin I". Die Münchner verloren die Deutungshoheit in der seit Wochen schwelenden Debatte, ein Zustand, der den Münchnern ganz und gar nicht schmeckt.
Die Verantwortlichen, das ist klar, sind nun zum Handeln gezwungen. Schließlich muss im Sinne des Vereins unter Hochdruck eine Lösung gefunden werden - und die, das kristallisiert sich mehr und mehr heraus, kann für die kommende Saison eigentlich nicht Hansi Flick heißen.
Das könnte Dich auch interessieren: Kalt erwischt: Flick brüskiert die Bayern-Bosse

Bayern-Gerüchte: Nagelsmann zieht kuriosen Vergleich mit Lena Gercke

Bundesliga
Kalt erwischt: Flick brüskiert die Bayern-Bosse
17/04/2021 AM 22:06
Bundesliga
Nagelsmann deutet Impfung bei Kimmich und Co. an
VOR 10 STUNDEN