Am 1. Juli 2017 übernahm Lucien Favre den BVB von Interimscoach Peter Stöger. Der Schweizer stabilisierte die Borussia auf Anhieb, führte sie zu zwei Vizemeisterschaften.

Dabei wird es bleiben, sein drittes schwarzgelbes Jahr wird er nicht zu Ende bringen. Am Sonntag-Nachmittag, einen Tag nach einer desolaten Vorstellung seiner Mannschaft gegen Aufsteiger VfB Stuttgart, die mit 1:5 endete, ist für den 63-Jährigen Schluss bei den Westfalen.

Bundesliga
"Hilflosigkeit und Konzeptlosigkeit": Netzreaktionen zum Favre-Aus
13/12/2020 AM 21:34

"Wir alle sind Lucien Favre dankbar für seine hervorragende Arbeit in den vergangenen zweieinhalb Jahren, in denen er mit seinem Team zwei Vizemeisterschaften errungen hat. Als Fachmann und als Mensch ist Lucien Favre über jeden Zweifel erhaben", heißt es im offiziellen Statement von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Vier Fragen, die sich nach dem Favre-Aus stellen.

1. Warum trennt sich der BVB von Lucien Favre?

110 Mal saß Favre auf der BVB-Bank, 2,01 Punkte holte er durchschnittlich pro Spiel. Von allen Trainern, die Dortmund mehr als 100 Mal betreuten, war nur Vorvorgänger Thomas Tuchel (2,12 Punkte im Schnitt) erfolgreicher. Der aktuelle PSG-Coach hielt es übrigens drei Spiele weniger beim BVB aus (107 Spiele). Rekordtrainer Jürgen Klopp (318 Spiele) sammelte übrigens 1,90 Punkte im Schnitt - dennoch muss der Schweizer nun seine Koffer packen.

Für Favre und den BVB endet damit eine Beziehung, die trotz ihres statistischen Erfolges nie ihren wirklichen Höhepunkt fand. Auch, weil der etwas eigenbrödelig daherkommende Schweizer, von Natur aus wortkarg und verschlossen, nie wirklich ins (auf den Fußball bezogen) hoch emotionalisierte Ruhrgebiet passte. Im Erfolgsfall konnten Fans und Verantwortliche darüber hinwegsehen, in schwierigen Phasen fiel dem 63-Jährigen sein Naturell oft auf die Füße.

Lucien Favre (l.) und Micharl Zorc

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Das Problem: Die schwierigen Phasen gab es in jeder seiner Spielzeiten in Dortmund. Im ersten Jahr verspielte der BVB einen 9-Punkte-Vorsprung auf den FC Bayern und verpasste damit die erste Meisterschaft seit sechs Jahren. Im zweiten Jahr lag der BVB zwischenzeitlich sieben Punkte vor dem Rekordmeister - wieder brachte Favre den Vorsprung nicht ins Ziel.

In der Öffentlichkeit - und scheinbar auch in den Köpfen der Strippenzieher an der Strobelallee - setzte sich das Narrativ fest: Favre ist kein Titeltrainer. Die Trennung nach dem dritten verlorenen Heimspiel in der Bundesliga in Serie überrascht daher nicht wirklich - auch wenn sie noch vor zwei Wochen keineswegs abzusehen war.

Favres Vertrag beim BVB wäre ohnehin nur noch ein halbes Jahr bis zum 30. Juni 2021 gelaufen. Der Plan der Bosse war, sich am Ende der Hinrunde an einen Tisch zu setzen, die Situation zu analysieren und dann gemeinsam eine Entscheidung über die Zukunft zu fällen.

Nun ziehen Watzke und Sportdirektor Michael Zorc schon nach elf Bundesliga-Spieltagen (sechs Siege, ein Remis, vier Niederlagen) und dem Gruppensieg in der Champions League die Reißleine.

2. Wer sitzt in den kommenden Spielen auf der Bank?

Der bisherige Co-Trainer Edin Terzic übernimmt mit sofortiger Wirkung und bis zum Saisonende die Position des Cheftrainers beim BVB. Ihm assistieren der bisherige U17-Trainer Sebastian Geppert und Top-Talente-Coach Otto Addo.

Eine klare Interimslösung, die dem BVB Zeit verschaffen soll, sich auf dem Trainermarkt nach einem geeigneten Kandidaten umzusehen.

Terzic ist 38 Jahre alt und kroatischer Herkunft. Zwischen 2013 und 2017 agierte er als Co-Trainer unter Slaven Bilic zunächst bei Besiktas Istanbul (89 Spiele), dann bei West Ham United (105 Spiele). Zuvor war er bereits zwischen 2010 und 2013 im Jugendbereich der Borussia als Co-Trainer unterwegs.

BVB, Terzic, Favre

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Schon am Dienstag, wenn der BVB in der Bundesliga sein Auswärtsspiel bei Werder Bremen bestreitet (ab 20:30 Uhr im Liveticker bei Eurosport.de), wird Terzic auf der Bank der Profis debütieren.

3. Wer sind langfristig die Kandidaten?

Als Wunschkandidaten gelten schon seit Monaten Marco Rose von Borussia Mönchengladbach und Julian Nagelsmann von RB Leipzig. Beide Trainer sind derzeit allerdings bei ambitionierten Bundesligisten beschäftigt.

Der 44-jährige Rose steht noch bis Sommer 2022 bei den "Fohlen" unter Vertrag und erreichte kürzlich erst das erste Champions-League-Achtelfinale der Vereinsgeschichte. Nagelsmann (33) stand im vergangenen Jahr sogar im Halbfinale der Königsklasse und schickt sich aktuell an, Serienmeister FC Bayern vom Bundesliga-Thron zu stoßen.

Schon vor der Verpflichtung Favres im Sommer 2017 tauchten die Namen beider Coaches im Zusammenhang mit dem BVB auf - nun könnte der nächste Anlauf der Dortmunder kommen.

"Marco Rose ist ein Top-Trainer. Das macht ihn natürlich auch für andere Vereine interessant – und ich meine damit Top-Vereine", hatte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl am Samstag im "ZDF-Sportstudio" bereits vorsichtig angedeutet.

"Momentan werde ich natürlich gefragt zu Marco Rose. Und was soll ich hinterm Berg halten? Er ist ein großartiger Trainer und Mensch, der perfekt zu Borussia Mönchengladbach passt. Aber wir kennen ja die Geschichte, wie sie immer ist. Dass eben dann doch ganz große Vereine kommen und unsere wichtigsten Protagonisten angraben."

Ob Rose letztlich den Verein verlasse, sei laut Eberl "nicht meine Entscheidung". Vor Wochen hatte er die Spekulationen um seinen Trainer noch als "grenzwertig" und "respektlos" betitelt. "Jeder Trainer, Spieler und Sportdirektor kann frei entscheiden, wo er hinmöchte", so Eberl weiter.

Gladbach-Trainer Marco Rose (l.) und BVB-Trainer Lucien Favre (r.)

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Des Weiteren gehört auch RB Salzburgs Coach Jesse Marsch zu den Kandidaten. Bereits im vergangenen Sommer wurde von einem Flirt des US-Amerikaners mit dem BVB berichtet. Im Zuge dessen sagte der Salzburg-Coach (Vertrag bis 2022) gegenüber "Sky Austria": "Es ist ein Kompliment. Der BVB ist ein so großer Klub. Aber dort steht mit Lucien Favre noch ein Trainer unter Vertrag und noch dazu ein sehr guter, daher müssen wir darüber nicht sprechen."

Nun ist Favre Geschichte - dementsprechend kann/muss nun also auch über Marsch gesprochen werden.

4. Was muss sich beim BVB jetzt ändern?

Über die gesamte Amtszeit von Favre beim BVB schwebte ein Begriff wie ein Damoklesschwert: Mentalität.

Dem BVB wurde selbige in den vergangenen drei Jahren immer wieder abgesprochen. Grund dafür waren fragwürdige Leistungen wie zuletzt gegen den VfB Stuttgart. Die Verantwortlichen erkannten diese Problematik, installierten zunächst mit Sebastian Kehl einen ehemaligen Kapitän als Leiter der Lizenzspielerabteilung. Kehls Aufgabe ist es, Missstimmungen in der Mannschaft wahrzunehmen und auf kurzem Dienstweg zu beheben. Des Weiteren fügten Watzke und Zorc dem Kader nach und nach erfahrene "Mentalitätsspieler" hinzu. Erst kam Axel Witsel, dann wurde Mats Hummels vom FC Bayern zurückgeholt. Später installierte man Emre Can und Erling Haaland - doch die Debatte um fehlende Mentalität in der Mannschaft ist noch immer nicht ad acta gelegt.

Terzic muss es nun schaffen, in den verbleibenden drei Spielen vor Weihnachten (Werder Bremen, Union Berlin, Eintracht Braunschweig) wieder Aufbruchstimmung zu verbreiten. Das geht am besten durch sportlichen Erfolg - aber wenn der aktuell so einfach zu haben wäre, wäre auch Favre noch im Amt.

Hummels steht im Spiel gegen die Bayern in der Startelf

Fotocredit: SID

Es wird darum gehen, dass Team wieder zu einer füreinander kämpfenden Einheit zu formen. Gegen Stuttgart waren elf Einzelkämpfer auf dem Feld, die vor allem mit den eigenen Formschwankungen beschäftigt waren und sich dadurch gegenseitig im Stich ließen. Terzic muss der angeschlagenen Mannschaft den Glauben an die eigene Stärke zurückgeben und den absoluten Siegeswillen wieder implementieren.

Dafür muss er, wohl oder übel, erneut die Mentalitätsfrage stellen.

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