Liebe Fußballfreunde, man kennt das Vorzugsweise aus dem Tennis. Nach beinahe aussichtslosem Rückstand mit 0:2 (Sätzen oder Toren, die jeweilige Aussichtslosigkeit ist im Tennis wie im Fußball vergleichbar groß), eine dramatische Wende, ein nicht mehr erwartetes sportliches Comeback, die Fähigkeit den entscheidenden Punkt, das entscheidende Tor zu erzielen, Ausdruck großer mentaler Stärke.
Kein anderer war darin so gut wie Boris Becker, heute Eurosport-Experte. Insgesamt zehnmal in seiner Karriere machte er aus einem 0:2 ein 3:2, ein Grund dafür, warum ihn die Menschen so geliebt haben. Dass die Fans im Land den Fußballklub Rasenballsport Leipzig sonderlich lieben würden, das kann nun wirklich keiner behaupten, das liegt vor allem an der kommerziellen Steißgeburt, an die das Akronym "RB" im Namen erinnert.
Leipzig ist gründungstechnisch Retorte, auf dem Rasen aber zuweilen ein erstaunliches Kunstwerk in Form gegossen von System, Taktik, Verständnis und Wille. Das Spitzenspiel am Wochenende gegen Gladbach war dafür ein Muster in jeder Hinsicht.
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Haben Sie das Gesicht gesehen von RB-Trainer Julian Nagelsmann zur Halbzeit, also beim Stand von 0:2, kurz vor dem Weg in die Kabine? Nicht vergleichbar mit Beckers wutschnaubendem, hochrotem Feuerkopf, im Gegenteil, die personifizierte Gewissheit, dass dieses Spiel noch gewonnen werden kann, gewonnen werden wird, die war in den Trainer-Augen so deutlich zu lesen als führte Leipzig selbst 2:0.

Wolfsgebrüll und Ganzkörperekstase

Wer solche Spiele noch drehen kann, oder besser: Wer vorher schon weiß, dass er solche Spiele noch drehen kann, wer also die Kunstfertigkeit der Big Points beherrscht, so würde man das im Tennis sagen, für den gilt, was der Fußball-Philosoph Lothar Matthäus am Wochenende wie folgt formulierte: "So kann man Meister werden."

RB-Trainer Julian Nagelsmann jubelt emotional an der Seitenlinie

Fotocredit: Getty Images

Auch wenn Ihnen das jetzt zu überschwänglich erscheint - und glauben Sie mir, es gibt für mich keinen Grund, Leipzig persönlich toll zu finden - dann stellen sie sich zum Vergleich mal Borussia Dortmund in der gleichen Halbzeitsituation vor? Der BVB hätte das gleiche Spiel nicht 3:2 gewonnen, sondern 1:3 verloren.
Woher ich das weiß? Ganz einfach, man kann es nicht in ihren Augen sehen. Haben Sie Nagelsmann Wolfsgebrüll gesehen nach dem Abpfiff? Oder Poulsens Ganzkörperverzückung nach seinem Ausgleich zum 2:2. Da steckt Leben drin, könnte man Leipzigs Energie in die Steckdose bringen, hätte man neben Wind und Sonne noch eine weitere saubere Energiequelle: den ekstatischen Fußballprofi.

RB Leipzig ist andere Liga als Borussia Dortmund

Sie merken schon, mit Dortmund hat das nichts zu tun oder mit Wolfsburg oder mit Leverkusen oder mit Gladbach. All den anderen Spitzenklubs. Die Leipziger spielen jetzt schon in ihrer eigenen Liga: Noch nicht mit den Bayern, aber eben auch nicht mehr mit den anderen.
Die Selbstzweifellosigkeit der Ostdeutschen ist augenfällig. Die Spielstatistik gegen Gladbach dafür belegbarer Zahlenbeleg. Die eindrucksvollste Einzelstatistik: Leipzig spielte 649 Pässe, Gladbach gerade mal die Hälfte. 67 Prozent Ballbesitz, insgesamt 21 Schüsse Richtung Tor, schon zur Halbzeit hätte Leipzig führen müssen und wäre das Spiel am Ende 6:2 ausgegangen, hätte man sagen müssen: dem Spielverlauf gemäß.
Alle drei Leipziger Tore waren der Ausdruck des eigenen Willens. Nicht irgendwie oder durch Zufall, kein Elfmeter, sondern dank drückender Überlegenheit, durch schnelles Flügelspiel, durch körperliche Präsenz. Da spielten zwei Champions League-Teams, aber eben nur eine mit Champions League-Niveau.
Im Grunde wurde Gladbach in Leipzig nicht weniger vorgeführt als gegen ManCity von letzter Woche. Und wenn es einem von beiden Teams zuzutrauen ist, in der Königsklasse weiterzukommen, dann Leipzig. Die wissen, wie man ein 0:2 (diesmal gegen Liverpool) in einen Sieg (respektive in ein Weiterkommen) verwandelt, vor allem dann, wenn der Gegner Zweifel bekommt.

RB-Stürmer Alexander Sörloth nach seinem Treffer zum 3:2 in der Nachspielzeit gegen Borussia Mönchengladbach

Fotocredit: Getty Images

Wehe die Bayern schwächeln…

Ob also Marco Rose der richtige Trainer für den BVB ist, fragen sie mich lieber nicht. Ob aber Julian Nagelsmann der richtige Trainer für Leipzig, den BVB oder demnächst Liverpool ist – auf jeden Fall. Es gibt eben nicht so viele Trainer, die ein klares Spielbild für ihre Mannschaft vor Augen haben, dieses System auf den Rasen umsetzen und noch derart viel Feuer entfachen können, dass man vorsorglich schon mal die Feuerwehr rufen sollte.
Insofern sollten sich gerade die Bayern mit ein, zwei zusätzlichen Löschschläuchen bewaffnen: Sollten die Münchner sich noch eine weitere kleine Formdelle leisten, wird Leipzig keine Angst vor der eigenen Courage haben und vorbeiziehen.
Vergangene Woche hat Julian Nagelsmann die Vokabel "Titelhunger" in den Mund genommen, am Wochenende bestätigte er, dass er von der Meisterschaft träume. Es muss kein Traum bleiben.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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