Liebe Fußballfreund/Innen, am kommenden Samstag findet also die mit Spannung erwartete öffentliche Therapiesitzung der beiden nominell besten Profiklubs statt.
Der Volksmund spricht von "Spitzenspiel", doch wie spitze kann ein Spiel werden, wenn sich die beiden Protagonisten nicht auf der Höhe befinden?
Der FC Bayern überraschte zuletzt sportlich mit, an ihren Maßstäben gemessen, Mittelmäßigkeit. Die Diskussion um die nicht geimpften Spieler in ihren Reihen, vor allem aber die kolossal aus dem Ruder gelaufene Jahreshauptversammlung bringen das Selbstverständnis der Bayern ins Wanken.
Bundesliga
Haaland-Ersatz: BVB hat offenbar Serie-A-Stürmer im Visier
VOR 20 STUNDEN
Die drei Niederlagen gegen Frankfurt, Gladbach und Augsburg, aber auch die biedere Wochenendmaloche zu Hause gegen Bielefeld - bayernlike geht anders.
Natürlich habe das alles rein gar nichts mit Corona oder der Jahreshauptversammlung zu tun, wird behauptet, aber irgendwoher muss der Knacks ja kommen.

BVB - Bayern: Baustellen auf beiden Seiten

Und der BVB? Da wiederholt sich Geschichte im saisonalen Rhythmus.
Immer wieder aufs Neue beschwören sie in Dortmund ihre eigene Klasse und Mentalität und jedes Mal stellen sie fest, dass das national für fast ganz vorne (also Platz zwei) reichen mag, international, das wissen wir seit vergangener Woche, ist der BVB wieder mal nur zweitklassig.

Marco Reus (vorn) und seine BVB-Kollegen nach dem CL-Aus

Fotocredit: Getty Images

Was soll das also werden am Samstag?
Die Baustellen in München und Dortmund sind groß, da braucht man sich nichts vorzumachen. Wenn Julian Nagelsmann öffentlich klagt, es sei schon mal einfacher gewesen, Bayern-Trainer zu sein, dann belegt das einerseits die Größe des Gesamtproblems, anderseits hilft so viel Larmoyanz nicht bei der Lösung. Historisch nachprüfbar war es noch nie einfach Bayern-Trainer zu sein.
Und anders als die Frage, ob nun jeder Bayernspieler geimpft ist oder nicht - wenn die infizierten ungeimpften Spieler zurück im Kader sind, gelten sie als genesen und genügen den strengsten 2G-Regeln - hat die Katar-Frage das Potenzial, den Klub in seinen Grundfesten zu erschüttern.
Die Art und Weise, wie die Vertreter des Klubs, Präsidium und Vorstand einem einfachen Mitglied wie Michael Ott klar gemacht haben, dass es gar nicht um Mitsprache und Gehör geht, sondern um das Abnicken jedweder Entscheidungen und seien sie noch so aus der Welt gefallen, das kann keinen Fan, kein Mitglied kalt lassen.

Wegen Katar: Bayern-Boss Hainer erntet Buhrufe von Mitgliedern

Münchner Demokratieverständnis

Im demokratietheoretischen Sinne sind die Bayern damit der absoluten Monarchie Katar, die den Bayern laut "Bild" jährlich 17 Millionen Euro überweist, offenbar viel näher als ihren eigenen Compliance-Richtlinien, die einen Vertrag mit dem mutmaßlichen Terrorsponsor offenbar gar nicht verhindern will und kann.
Und auch Nagelsmann offenbart eine gehörige Lücke in seinem Demokratieverständnis, wenn er beklagt, dass von den rund 290.000 Mitgliedern nur 785 anwesend gewesen sind und Katarkritiker Ott deshalb nicht "die repräsentativste Meinung" sei, das kenne man ja auch von den politischen Wahlen.
Nur umgekehrt wird ein Schuh draus: Wer sein Stimmrecht (ob im Fußball oder in der Politik) nicht wahrnimmt, schadet der politischen Kultur und nicht umgekehrt.

Dortmunder Alibiargumente

Der BVB macht zwar auch gerne Trainingslager in Dubai, aber solch theoretische Grundsatz-Diskussionen kann sich Dortmund sportlich gar nicht leisten. Das Ausscheiden in der Champions League glich einem Offenbarungseid ihrer internationalen Ambitionen. Und irgendwie beschleicht einem das Gefühl, das wird auch nix mehr, auf Jahre hinaus nicht.
Ein Grund für den Eindruck ist auch die vom Klub beförderte Diskussion um Erling Haaland.
BVB-Trainer Marco Rose nannte ihn am Wochenende in TV-Interviews "den Unterschiedsspieler". Was wohl sagen soll: Mit ihm sind wir Weltspitze, ohne ihn Kreisklasse. Oder wie war das gemeint? Kaum ein anderer Klub in Europa hat derart großes Talent in seinem Kader versammelt wie der BVB, soviel Talent, dass es auch mal ohne Haaland gehen muss, aber der eigene Trainer vermittelt der eigenen Mannschaft das Gefühl einer Resttruppe und gibt ihr das Alibiargument für jegliches Scheitern gleich mit an die Hand.
So fährt man als Fußballlehrer die Entwicklung seiner Schüler pädagogisch gegen die Wand.

BVB-Trainer Rose selbstkritisch: "Wir müssen besser werden"

Duell wie beim Preisboxen

Und jetzt also, am Samstag, das Spitzenspiel zweier labiler Klubs, die lieber erst mal ihre Sinnkrisen bepflastern sollten. Aber vielleicht wird es ja gerade deshalb das sportlich Interessanteste seit Jahren (die letzten sechs Begegnungen haben die Bayern gewonnen).
Vom Preisboxen wissen wir: Wenn zwei Angezählte aufeinandertreffen, geht es oft besonders hoch her.
Zur Person Thilo Komma-Pöllath:
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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