Es hatte wohl niemand erwartet, dass die beiden Pensionäre Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sich in holzvertäfelte, mit Globus-Bar und Schaukelstuhl ausgestattete Herrenzimmer zurückziehen, um dem Ruhestand zu frönen.
Das stets meinungsstarke Duo, das während seiner aktiven Schaffenzeit essenzieller Bestandteil der berüchtigten "Abteilung Attacke" beim FC Bayern war, hat längst nicht genug vom Fußball. Als Gast in Talkshows oder als Gesprächspartner in Zeitungsinterviews sind Hoeneß und Rummenigge nach wie vor gern gesehene Redner, die ihre Sicht auf die Dinge unverblümt kundtun. Offensichtlich haben die beiden mittlerweile auch ein weniger antiquiertes Medium für sich entdeckt: Podcasts.
Binnen einer Woche sprach sowohl Hoeneß, eigenen Angaben zufolge eigentlich kein großer Freund des digitalen Audio-Formats, als auch Rummenigge in verschiedenen Podcasts über ihre Karrieren, über die Bayern und über die Zukunft des Fußballs in Deutschland.
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Letztere sehen beide unisono als gefährdet. Der Grund: Während beispielsweise in England, Frankreich und Italien Großinvestoren mit prall gefüllten Geldkoffern umherziehen und mittlerweile etliche Klubs mit schier utopischen Beträgen alimentieren, Mega-Stars an Land ziehen, lässt ein besonderes Statut der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ein derartiges Szenario nicht zu: die viel diskutierte 50+1-Regel.

50+1-Regel: Wettbewerbsfähigkeit contra Fußball-Romantik?

Diese besagt, dass der Mutterverein nach Ausgliederung seiner Profi-Abteilung in eine Kapitalgesellschaft weiterhin die Mehrheit der Stimmanteile, sprich 50 Prozent plus eine Stimme besitzen muss. Im Prinzip also ein Schutzinstrument, damit Bundesliga-Vereine nicht zu Spekulationsobjekten windiger Geldgeber werden.
In der jüngeren Vergangenheit war die 50+1-Regel immer wieder infrage gestellt worden. Sie sorge dafür, dass Deutschland zunächst aus finanzieller und auf Dauer auch sportlicher Sicht auf internationalem Parkett ins Hintertreffen gerät, so das Argument derjenigen, die um eine Abschaffung werben.
Diejenigen, die gegen eine weiter voranschreitende Kommerzialisierung sind, sehen in ihr die vielleicht letzte Bastion der Fußball-Romantik.

Hoeneß: "Wäre dafür, dass das fällt"

Hoeneß, der zwar wenig mit neureichen Konstrukten wie dem aus Abu Dhabi finanzierten Manchester City, Katars Spielzeug namens Paris Saint-Germain oder Newcastle United, das jüngst quasi von Saudi-Arabien gekauft wurde, anfangen kann, warb für die Abschaffung von 50+1. "Ich wäre dafür, dass das fällt", sagte der 69-Jährige im Podcast "11 Leben – die Welt von Uli Hoeneß".
Ihm gehe es dabei gar nicht um den FC Bayern, vielmehr sehe er im Wegfall eine Chance für andere Traditionsvereine aus großen deutschen Städten, die mittlerweile in der zweiten Liga herumdümpeln.

Fans plädieren für den Erhalt der 50+1-Regel

Fotocredit: Getty Images

"Wir haben im Moment das Problem, dass viele kleine Städte in der Bundesliga spielen", erklärte er und schob nach: "Hannover, Nürnberg, Hamburg, Düsseldorf, Bremen - das sind schon mal fünf. Wenn die alle Morgen wieder in der Bundesliga spielen würde, wäre die Bundesliga wieder eine andere." Sein Argument: "Sie haben mehr Zuschauereinnahmen, große Stadien, ganz andere Werbepartner."
Anhand von Hannover 96 und dessen Geschäftsführer Martin Kind, der seit geraumer Zeit gegen 50+1 arbeitet, machte Hoeneß ein Beispiel fest: "Wenn der Herr Kind meint, er hat vier, fünf Milliardäre, die bereit sind, jeweils ein paar hundert Millionen Euro reinzustecken, damit er richtig investieren kann, würde ich das riskieren." Auf lange Sicht sehe Hoeneß darin die Möglichkeit, dass Vereine wie Hannover "Gelder reinholen." Auf normalem Wege sei dies kaum noch möglich.

Auch Rummenigge wirbt für 50+1-Abschaffung

"Die Bundesliga funktioniert aktuell nicht, weil wir sie über 50+1 regulieren. Vielleicht wäre es besser, wenn wir es nicht regulieren würden. Ich würde dem zustimmen", sagte der ehemalige FCB-Präsident. Rummenigge, der noch während seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender für die 50+1-Abschaffung plädierte, erneuerte seine Forderung im "WDR2"-Podcast "Einfach Fußball". "Die Wettbewerbsfähigkeit ist das höchste Gut, das der Fußball behalten muss", leitete er sein Plädoyer ein.
Er führte aus: "Wenn wir demnächst nur noch gegen Staaten oder Milliardäre spielen und wir in Deutschland eine völlig andere Kultur, nämlich 50+1 haben, dann muss man sich langsam Gedanken und Sorgen um die Bundesliga machen." Anders als Hoeneß, der mit Blick auf die Bayern vorerst keine große Gefahr sieht, glaubt Rummenigge, dass auch Deutschlands Dauerdominator im Falle einer Beibehaltung straucheln könnte.
"Das wird selbst für Bayern München mittelfristig schwer. Wenn die anderen richtig Geld in die Waagschale legen und drei Minuten den Ölhahn aufdrehen können die sich jeden Spieler auf der Welt kaufen." Zudem outete sich der gebürtige Lippstädter grundsätzlich als Freund des Financial Fairplays, das allerdings aufgrund seiner häufig laschen Handhabe schon mehrfach in der Kritik stand. In Zukunft müsse "dem Thema Kapitalzufuhr aber eine viel größere Rolle eingeräumt werden."
Dass die vormals führenden Köpfe des größten deutschen Vereins das polarisierende Thema zuletzt wieder häufiger zur Debatte stellten, scheint nicht zufällig. Vielmehr mutet es an, als führten Hoeneß und Rummenigge ihren ganz persönlichen letzten Kampf für eine aus ihrer Sicht obligatorische Zäsur des deutschen Fußballs. Hoeneß ist bekannt dafür, Trends frühzeitig zu erkennen, es ist nicht zuletzt seinem Gespür zu verdanken, dass die Bayern zu einer Weltmarke reifte.

Fan-Umfrage zeigt deutlich: 80 Prozent für Erhalt

Bei den Fans dürfte das Postulat indes auf wenig Gegenliebe stoßen. Erst am Mittwoch hatte der "SID" die Auswertung einer "FanQ"-Umfrage veröffentlicht, wonach mehr als 80 Prozent der Befragten sich für eine Beibehaltung der 50+1-Regel ausgesprochen hatten. Nur rund 30 Prozent machten laut "SID" in der Regel eine Erschwerung der internationalen Konkurrenzfähigkeit für deutsche Klubs aus.
Die Ergebnisse decken sich mit der öffentlichen Wahrnehmung der vergangenen Jahre. 2018 unterstützten über 3000 Fanklubs, Fanverbände und Fangruppierungen die Initiative "50+1 bleibt", die das Bestehen der Regel als "unverhandelbar" deklariert hatte, in den Kurven tauchten regelmäßig entsprechende Banner auf.
Ein Patentrezept, das Fans sowie die Hüter der Wettbewerbsfähigkeit zufriedenstellt, scheint es nicht zu geben. Selbst Hoeneß, der normalerweise das große Ganze im Blick hat, scheinen Ideen, die für Konsens sorgen könnten, auszugehen. "Ich habe keinen anderen Lösungsansatz", sagte er und nannte schließlich doch einen mit reichlich Zynismus versehenen Ausweg aus dem Dilemma. "Es gibt nur eine Lösung: Der Ölpreis muss auf 20 Dollar. Der Gaspreis muss sich halbieren. Katar hat aber noch 200 Jahre Gas. Da habe ich wenig Hoffnung."
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