Borussia Dortmund verspielt Sieg in Stuttgart: Trainer Edin Terzic eröffnet neue Mentalitätsdebatte
VonThomas Gaber
Publiziert 16/04/2023 um 00:22 GMT+2 Uhr
Borussia Dortmund kassiert beim 3:3 in Stuttgart einen schweren Schlag im Kampf um die deutsche Meisterschaft. Ein emotional aufgewühlter Edin Terzic rechnet nach den zwei verschenkten Punkten gnadenlos mit seinen Spielern ab. Der Trainer macht zudem eine Debatte wieder auf, die den Verein seit geraumer Zeit begleitet und die die Verantwortlichen vergeblich versuchen, wegzumoderieren.
BVB-Coach Edin Terzic war nach dem 3:3 in Stuttgart bedient
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Kurzer Rückblick: Am 31. August 2019 verliert Borussia Dortmund am dritten Bundesliga-Spieltag bei Aufsteiger Union Berlin 1:3 und büßt die Tabellenführung ein. Kapitän Marco Reus spricht nach der Pleite von einem Mentalitätsproblem: "Wir müssen aufhören, zu glauben, dass wir mit unserer Qualität Spiele locker gewinnen können."
Drei Wochen später verspielt der BVB in Frankfurt kurz vor Schluss drei Punkte. Als Reus bei "Sky" auf ein mögliches Mentalitätsproblem angesprochen wird, teilt er deftig aus: "Ihr mit eurer Mentalitätsscheiße, das geht mir so auf die Eier. Jede Woche dieselbe Kacke."
Im Herbst 2019 wurde eine Debatte losgetreten, die seitdem ständiger Begleiter der Profifußball-Mannschaft von Borussia Dortmund ist. Bei sportlichen Rückschlägen wurde von Experten und Journalisten gerne die Mentalitätsschublade aufgemacht - zum großen Ärger der Verantwortlichen des Vereins.
Im Januar 2021 fuhr Ex-Sportdirektor Michael Zorc nach einer Niederlage in Leverkusen aus der Haut: "Unserer Mannschaft die Mentalität abzusprechen, halte ich für eine Frechheit." Ein Jahr später erklärte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die peinliche DFB-Pokalpleite beim FC St. Pauli wie folgt: "Die Niederlage hat nichts mit Mentalität zu tun. Wir haben mit fast der identischen Mannschaft im Mai noch den DFB-Pokal gewonnen."
Edin Terzic konsterniert: "Wir sind die, über die ganz Deutschland lacht"
Während Watzke versuchte, das Thema von oben wegzumoderieren, ließ Trainer Marco Rose tief blicken. "Die Frage ist, mit welcher Einstellung startest du als Titelverteidiger in einen Pokalfight? Jedenfalls nicht so, wie wir das gemacht haben."
Die Klubchefs haben sich in all den Jahren stets gegen die immer wieder kehrende Mentalitätsdiskussion gewehrt. Doch am Samstagnachmittag machte ausgerechnet Trainer Edin Terzic diese mit bemerkenswerten Worten wieder auf.
Das 3:3 beim VfB Stuttgart hatte den Coach tief getroffen. "Es ist so unnötig und dumm, wenn man sieht, was wir seit dem 1. Juli investiert haben. Wir hatten in der Hinrunde Probleme durch Erkrankungen und Verletzungen und sind auf Platz sechs abgerutscht. Wir sind dann mit viel Wut in die Vorbereitung im Januar gestartet und haben uns in die Ausgangsposition gebracht, in der wir heute stecken. Und dann schenken wir es einfach so ab. Ab morgen geht es darum, endlich anzufangen, aus diesen unnötigen Rückschlägen zu lernen."
Ein alarmierendes Statement eines emotional aufgewühlten Trainers. "Ich bitte Euch, Rücksicht zu nehmen, dass ich nicht das ausdrücke, was ich gerade fühle. Wir sind heute die, über die ganz Deutschland lacht. Ich bin einfach nur super enttäuscht und sauer über das, was hier heute passiert ist", sagte Terzic in der Mixed Zone zu den Journalisten.
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Fassungslose Dortmunder nach dem Abpfiff in Stuttgart
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Terzic spricht über die Gründe für zehnjährige Durststrecke
Auf der Pressekonferenz spannte Terzic den Bogen noch weiter. "Es gibt schon Gründe, warum es in den letzten zehn Jahren nur einen deutschen Meister gab und wir es nicht geschafft haben. Heute haben wir wieder einmal gezeigt, dass wir die harte Arbeit, die in den letzten Monaten steckt, der ganze Schweiß, um in diese Position zu kommen, dass wir das immer wieder verbocken und aus der Hand geben", sagte er.
Terzics knallharte Analyse suggeriert: Es war ein Jahrzehnt der verpassten Chancen für den BVB - nicht aufgrund fehlender Qualität, sondern fehlender Mentalität. In Stuttgart trieb Dortmund das Ganze auf die Spitze. "Wir dachten, wir hätten bei der Niederlage gegen Werder Bremen das Dümmste schon erlebt, wo wir bis zur 88. Minute 2:0 geführt haben. Das hier toppt das Ganze", sagte Terzic bei "Sky".
In Stuttgart verspielte Dortmund zum zweiten Mal in dieser Saison einen Zwei-Tore-Vorsprung und kassierte zudem drei Gegentore in Überzahl. Das war dem BVB zuvor in der Bundesliga-Geschichte erst einmal passiert.
Auch Sebastian Kehl legte den Finger in die Wunde. "Stuttgart hat noch ein Tor gemacht, das knapp Abseits war. Im Grunde haben wir vier Tore in Überzahl kassiert, das muss man erstmal schaffen", sagte Dortmunds Sportdirektor.
Die zwei verschenkten Punkte von Stuttgart könnten den BVB im Meisterschaftskampf mit dem FC Bayern München noch teuer zu stehen kommen. Eine Erklärung für den Einbruch in der zweiten Halbzeit hatte niemand. Karim Adeyemi lieferte auf eine entsprechende Frage eine verblüffende Antwort: "Keine Ahnung, da müssen sie den Trainer fragen."
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