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Der LIGAstheniker: Borussia Dortmund streitet mit FC Bayern um den Bundesliga-Titel - kann Edin Terzic Meisterschaft?
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Publiziert 15/05/2023 um 12:30 GMT+2 Uhr
Edin Terzic hat Borussia Dortmund zu einem veritablen Titelanwärter in der Bundesliga gemacht. Aber kann der BVB-Coach auch Meisterschaft? Der LIGAstheniker findet: Ja! Weil Terzic der wohl authentischste Trainer der Liga ist und den BVB in den letzten Wochen robuster gemacht gegen die Erwartungshaltung von außen. Ganz klar: In Dortmund ist der Trainer der Unterschiedsspieler.
Edin Terzic trainiert Borussia Dortmund seit 2022/23 als Chefcoach
Fotocredit: Getty Images
Liebe FußballfreundInnen,
Dass die derzeit formstärkste und beste deutsche Klubmannschaft in dieser Saison womöglich nicht Deutscher Meister wird, in diesem Satz liegt ein völlig neuer Erkenntnisgewinn. Die Bayern, seit zehn Jahren der nationalen Konkurrenz bis zur Unkenntlichkeit enteilt, werden bestenfalls mit Glück Deutscher Meister. Wenn sie es überhaupt werden.
Der Erkenntnisgewinn ist: Die Bayern sind nicht mehr das Maß aller Dinge schlechthin. Sie sind aktuell nicht einmal das beste deutsche Team. Der Abstand zwischen den Bayern und dem ersten Verfolger Borussia Dortmund wird gerade neu vermessen.
Und das ist keine gute Nachricht für die Titelarithmetiker von der Isar. In den ersten 60 Minuten habe man "wie ein Meister" gespielt, meinte der Dortmunder Vermessungstechniker Sébastien Haller nach dem Glanzstück gegen Gladbach am Wochenende.
Und setzte dann noch eines drauf: "In diesem Jahr kann man sehen, dass wir das beste Team in Deutschland sind." Was sind das bloß für Töne aus Dortmund?
Terzic hat den BVB neu vermessen
Bei den Kollegen der "Welt" konnte ich nachlesen, dass der BVB in diesem Kalenderjahr 53 Treffer erzielte, mehr als jede andere Mannschaft in Europa. Klar, auch das nur eine statistische Spielerei, im Champions-League-Halbfinale stehen andere Kaliber.
Und dennoch: Neu vermessen wird in Dortmund nicht nur Statistisches, sondern vor allem Atmosphärisches. Der ewig selbstentmutigte BVB, der immer dann scheitert, wenn es darauf ankommt, wird möglicherweise auch in diesem Jahr den Kürzeren ziehen. Und doch ist es kein Scheitern wie in den Jahren zuvor.
Die Tonalität ist eine andere. Keine Weinerlichkeit mehr, seit Wochen keine Mentalitätsdiskussion, keine Selbstaufgabe wie etwa unter Lucien Favre, der einen Meistertitel schon mal vor laufenden Kameras aufgab, obwohl noch alles möglich schien, denn Trainer ist nicht Favre, nicht Marco Rose, nicht Peter Bosz, sondern ein Mann, der die Aufholjagd didaktisch choreografiert hat und der persönlich eine völlig andere Ausstrahlung besitzt: Edin Terzic.
BVB: Der Trainer ist der Unterschiedsspieler
Der Unterschiedsspieler in Dortmund ist der Trainer. Nach dem Gladbach-Spiel (4:2) klingt das dann so: "Wir haben heute eine Botschaft geschickt, dass wir immer noch jagen." Oder: "Wir sind noch nicht fertig." Terzic hat, so sieht es aus, das geschafft, woran seit Jürgen Klopp alle gescheitert sind.
Er hat diesen BVB in den letzten Wochen umgedreht, er hat ihn robuster gemacht gegen die Erwartungshaltung von außen. Und er hat die Mannschaft psychologisch stabilisiert im Falle von unerklärlichen Aussetzern, die offenbar zur Dortmunder DNA gehören. Und so ist der einzige Vorwurf, den man Terzic machen kann der, dass er Spiele wie gegen Bremen, Schalke oder Stuttgart, Spiele, die schon gewonnen waren und die noch aus der Hand gegeben wurden, nicht verhindert hat.
Der Vorwurf ist also, dass die Entpuppung des BVB zum schönsten Schmetterling der Liga womöglich zu spät kommt. Im gleichen Atemzug ist das aber auch die große Kunst von Terzic, dass er diesen "dämlichen BVB", wie der LIGAstheniker nach der Stuttgart-Peinlichkeit schrieb, im laufenden Betrieb umdrehen konnte, was normal gar nicht geht.
Edin Terzic kann Meisterschaft!
Wenn der BVB diesmal wieder Zweiter wird, dann nur deshalb, weil er gegen Bremen, Schalke und Stuttgart sieben Punkte verschenkt hat. Wäre die Liga eine Wohlfahrtsbehörde, wäre das großartig - so ist es eben dämlich. Was übrigens nicht nur der LIGAstheniker so sah, sondern auch Terzic selbst.
Vor den Kameras versucht er auch gar nicht erst einen anderen Eindruck zu erwecken: Er ist der wohl authentischste Trainer der Liga, wenn man den Begriff noch hören mag. Wenn er wütend ist oder trotzig, dann vermittelt er das Team und Republik im gleichen Atemzug. Er schont nicht, er lenkt. Das wirkt nach.
Kein Zweifel, Terzic kann Meisterschaft, die Frage ist: Wann? Sollte der BVB die Bayern in den letzten zwei Wochen noch abfangen, dann hat diesem Trainer weniger als eine starke Saisonhälfte dafür ausgereicht. Das macht ihm so schnell kein anderer nach.
Bei Bayerns Thomas Tuchel, um mal den Vergleich zu setzen, wäre es dann genau umgekehrt. Er hätte in wenigen Wochen alle Saisonziele auf einmal verfehlt.
Zur Person: Thilo Komma-Pöllath
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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