Der LIGAstheniker: FC Bayern München kämpft gegen Schwarze Löcher - Julian Nagelsmann benötigt Zeit

Für den LIGAstheniker ist es auch nach der enttäuschenden 0:1-Pleite des FC Bayern München beim FC Augsburg zu früh, von einer Krise an der Säbener Straße zu schreiben und einen Abgesang auf Julian Nagelsmann einzuleiten. Viel mehr stecken die Münchner in einem Raum-Zeit-Problem fest, welches nicht zu unterschätzen ist. Der FC Bayern braucht vor allem Zeit. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Nagelsmann genervt von Stürmerfrage: "Wurscht, was ich antworte"

Quelle: Perform

Liebe FußballfreundInnen,
Im Fußballgeschäft ist Krise, wenn die "Bild"-Zeitung behauptet, dass es Krise ist. Also steckt Bayern in der Krise.
Nicht dass ich das genauso sehen würde, auch wenn alle nennenswerten arithmetischen Nachweise das offenbar zu beweisen scheinen: Platz 5, fünf Punkte hinter Tabellenführer Union Berlin, der schlechteste Saisonstart seit Erfindung der Glühbirne - irgendwie so.
Aus eigener Kraft, twitterte der Journalist Oliver Wurm, könnten die Bayern nicht mehr Deutscher Meister werden. Das war offensichtlich witzig gemeint, genauso könnte ich schreiben, der FCB hätte in dieser Saison in der Champions League alles selbst in der Hand. Viel zu früh das alles.
Ergebnistechnisch ist kaum etwas passiert, doch gleichzeitig ist natürlich etwas geschehen. Nach den ersten drei Spieltagen staunte die internationale Fußballpresse und lobte die Münchner als die Übermannschaft Europas. Jetzt beklagt "Sky"-Experte Didi Hamann, diese Spieler seien gar keine Mannschaft. Ja, was denn nun?

Wie kritisch sieht die Mannschaft Nagelsmann?

Und dennoch: Nagelsmanns Auftritt auf der Pressekonferenz nach der Niederlage in Augsburg muss einem zu denken geben. Schauen Sie sich den gerne noch mal an.
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Nagelsmann genervt von Stürmerfrage: "Wurscht, was ich antworte"

Quelle: Perform

Hier ist ein Fußballtrainer nicht nur wütend auf seine Mannschaft, sondern regelrecht desillusioniert. So als hätten ihm Thomas Müller & Co. irgendetwas versprochen, was sie dann nicht halten konnten.
Nach lächerlichen sieben Spieltagen sollte man seine eigene Ratlosigkeit nicht derart gegen die eigene Mannschaft richten. Gesagt hat er das nicht, aber zum Ausdruck gebracht hat er in etwa: "Keine Ahnung, was die da auf dem Feld treiben. Ich habe ihnen das ganz sicher nicht befohlen."
Schon sickern die ersten Gerüchte durch, das Verhältnis zwischen Chefcoach und Mannschaft sei angeschlagen, Nagelsmann kommuniziere nicht offen mit allen, sondern nur mit seinen Lieblingen. "Sport1" sieht bereits Parallelen zu Niko Kovac, den die Mannschaft, man kann es nicht anders sagen, regelrecht abgelehnt hat. Ist es schon so weit?

FC Bayern wie FC Liverpool

Mitnichten! Das Spiel der Bayern unter Kovac war, gelinde gesagt, eines aus der Steinzeit des Fußballs. Ein Spielsystem so gut wie nicht erkennbar.
Nagelsmann aber - und das wird ihm auch jetzt kein Kritiker absprechen - denkt den Konzeptfußball der Zukunft. Bei ihm sind es Mischungs- und Justierungsfragen, während bei Kovac Grundsätzliches nicht passte.
Und Nagelsmann ist auf der Suche nach dem Erfolgskonzept im internationalen Profifußball von morgen nicht allein. Nur mal bei Jürgen Klopp Nachfragen, der mit seinem FC Liverpool derzeit auf Platz acht verwahrlost (drei Unentschieden und eine Niederlage - exakt wie die Bayern) und offenbar ganz ähnliche Probleme hat.

Bayerns Schwarze Löcher

Nagelsmann wie Klopp haben, um es mit dem Astrophysiker Stephen Hawking zu sagen, das Raum-Zeit-Problem. Hawking interessierte sich für die Entstehung Schwarzer Löcher und seine Fußballepigonen wird das gegnerische Tor zu einer Art Schwarzer Loch. Ein Phänomen, von dem man weiß, dass es existiert, das man aber nicht finden kann.
Sage und schreibe 77 Pozent Ballbesitz hatten die Bayern gegen Augsburg, unterstreicht die Statistik. Das sind Weltrekordwerte, die überhaupt nichts aussagen. Man kann heute im Spitzenfußball, salopp gesagt, die ganze Zeit den Ball haben und dennoch verlieren, weil im Strafraum des Gegners einfach kein Platz mehr ist. Raum-Zeit also.
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Leroy Sané (FC Bayern München) nach der Pleite beim FC Augsburg

Fotocredit: Getty Images

Nagelsmann und Klopp sollten wissen, dass sie mit solchen Statistiken die Saison sportlich kaum überleben werden. Auch dennoch sind Nagelsmann-Aussagen wie, "Wenn ich die Statistik sehe, ist es so, dass wir das Spiel gewinnen müssen", natürlich Käse.
Es geht um die richtige Austarierung aus Ballbesitz, Raum, Geschwindigkeit und Genauigkeit, die mit keiner Statistik erfasst werden kann. Wenn ich schon keinen Raum habe, muss ich mit Ball schneller und genauer sein als der Gegner - das gelingt den Bayern derzeit aber nicht. Weniger "Laissez-Faire im letzten Drittel", sagt Nagelsmann richtig.

Ein frühzeitige Trennung wäre skandalös

Die Frage ist nur, ob der Vorstand der Bayern ihm genügend Zeit einräumt, damit Nagelsmann die Schwarzen Löcher des FC Bayern noch ausfindig machen kann. Die Stimmung bei den Bayern ist offenbar so "übel", dass Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic nicht einmal ihren Oktoberfest-Besuch absagten, um sich mit einer Maß Bier in Stimmung zu bringen.
Vor einer Woche erklärte der umtriebige Sportvorstand noch, die Stimmung in der Mannschaft sei wichtiger als Ergebnisse, jetzt erklärt er, es müssen Siege her.
Bewertet wurde das als Ultimatum für den Trainer. Vielleicht sollte er sich mal entscheiden und solche Zündeleien lieber lassen. Skandalöse frühzeitige Trainerentlassungen (siehe Thomas Tuchel in Chelsea oder Domenico Tedesco in Leipzig) haben ja gerade Konjunktur, die Bayern sollten sich davon freimachen.

Zur Person Thilo Komma-Pöllath:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Verkatert auf die Wiesn: Bayern-Stars lächeln Krise auf

Quelle: Eurosport

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