Drei Dinge, die im Derby auffielen: FC Schalke04 stutzt BVB zu Borussia Demut
Publiziert 11/03/2023 um 22:12 GMT+1 Uhr
Das 100. Revierderby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund war ein gefühlter Sieg für S04. Nach dem 2:2 und dem siebten Spiel ohne Niederlage ist die Euphorie bei Königsblau weiter groß. Der BVB bewies zwar spielerische Klasse und hatte das Spiel früh entscheiden können, offenbart aber auch Probleme. Das M-Wort wird zehn Spieltage vor Saisonende zum Tabu. Drei Dinge, die auffielen.
Revierderby: Schalkes Frey im Duell mit BVB-Profi Schlotterbeck
Fotocredit: Imago
Nico Schlotterbeck ließ sich auf den Rasen fallen, während Schalke-Trainer Thomas Reis das Spektakel mit vier Toren im Revierderby! Schalke ärgert den BVB wie einen Sieg bejubelte - und die königsblauen Fans das Remis des Tabellenvorletzten im 100. Bundesliga-Revierderby genüsslich feierten: "Die Nummer eins im Pott sind wir".
Schlotterbeck höchstselbst (38.) und Raphael Guerreiro (60.) brachten die Dortmunder zweimal in Führung. Marius Bülter (50.) und der eingewechselte Kenan Karaman (79.) glichen für die Gelsenkirchener allerdings aus.
Die Königsblauen setzten eine Woche nach dem 2:0 im kleinen Revierderby beim VfL Bochum ihre Erfolgsserie in der Rückrunde fort: Seit sieben Spielen ist der Tabellenvorletzte inzwischen ungeschlagen.
Drei Dinge, die uns im Derby auffielen.
1. BVB hat so "seine Themen"
Aus in der Champions League, gefühlte Niederlage im Derby und ein mit Schlüsselspielern gefülltes Lazarett. Für den BVB war die Woche statt schwarz-gelb am Ende nur schwarz. Trainer Edin Terzic war im TV-Interview mit "Sky" sichtlich angefressen, weil auch er längst bemerkt hat: "Wir haben unsere Themen."
Mehr wollte er nicht verraten, diese lieber mit der Mannschaft direkt klären, doch sie wurden auch für die breite Masse ersichtlich. Offensichtlich ist der Kader in der Breite nicht stark genug, die Ausfälle von Gregor Kobel, Karim Adeyemi, Julian Brandt, Marco Reus und Youssoufa Moukoko können ohne Qualitätsverlust nicht kompensiert werden.
Zwar war die spielerische Überlegenheit gegen Schalke da, auch Chancen waren ausreichend vorhanden - etwas anderes wurde aber vom Titelaspiranten gegen den bis dato Tabellenletzten auch nicht erwartet. Das Kernproblem gegen den Erzrivalen brachte Nico Schlotterbeck in seiner Analyse auf den Punkt: "Ich glaube, dass wir nicht entschlossen genug den Weg zum Tor gesucht haben. Trotz allem darfst du dir hier nicht zwei Dinger fangen. In der ersten Halbzeit haben wir sie bis auf einen Fehler komplett unter Kontrolle, in der zweiten Halbzeit musst du das Spiel einfach früher zumachen."
Der im Titelkampf so wichtige kühle Kopf, kombiniert mit Killerinstinkt, war nicht vorhanden. Der BVB ließ sich anstecken, wurde hektisch, fahrig, wild. Das ist ein Rückschlag und erinnerte an den inkonstanten BVB aus der Hinrunde. "Wir wissen, dass wir gut Fußball spielen, aber es auch nicht richtig durchziehen", knirschte Terzic.
Das M-Wort nimmt vorerst niemand in Dortmund gerne in den Mund. Eher heißt es Borussia Demut. "Diese zwei verlorenen Punkte tun sehr weh. Aber es ist noch nichts verloren", stellte BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl fest. Er glaube noch an die Titelchance.
2. Über Haller wird weiter zu sprechen sein
Gegen Schalke stand Sébastien Haller zum neunten Mal in Folge in der Bundesliga auf dem Feld für den BVB. Dabei gelang dem 28-Jährigen, der nach seiner Hodenkrebs-Erkrankung körperlich wieder zu alter Stärke zurückgefunden hat, ein Tor und eine Vorlage in mehr als 400 Minuten Spielzeit.
Gegen Chelsea in der Champions League, als dringend ein Tor hermusste, wechselte Terzic Haller in der 77. Minute aus. Gegen Schalke machte er beim Stand von 2:2 Platz für Anthony Modeste. Für die Ansprüche an einen Mittelstürmer einer Bundesliga-Spitzenmannschaft wirkt das insgesamt zu wenig - darüber wird weiter zu diskutieren sein.
Denn die Zahlen belegen, worin das Problem beim BVB besteht. Noch immer ist der Franzose nicht in Top-Form, geschweige denn ein Torjäger, den Dortmund im Titelkampf so dringend bräuchte. Gegen Schalke sammelte er immerhin weiter Spielpraxis, um sich zu verbessern. Gesucht wird er allerdings von seinen Kollegen kaum. Er investiert unheimlich viel für die Mannschaft, holt sich Bälle, geht weite Wege. Als "Wandspieler" wird er ebenso wenig gesucht wie als Zielspieler.
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Sébastien Haller
Fotocredit: Getty Images
Beinahe schon logisch war es auch nicht Haller, der die Treffer erzielte, sondern die Torschützen waren mit Schlotterbeck ein Abwehr- und Guerreiro ein Mittelfeldspieler. "Dass er sich wieder an seine Topform rantasten kann, wird nur funktionieren, indem er auf dem Platz steht. Dabei wollen wir ihn unterstützen", sagte Terzic im Vorfeld des Derbys.
Der Trainer ist sich der Situation sehr wohl bewusst, das Leistungsprinzip kann er im sich zuspitzenden Titelkampf aber auch nicht ignorieren.
3. Wie soll dieses Schalke absteigen?
Seit sieben Bundesliga-Partien ist Schalke jetzt ungeschlagen - das kommt nicht von ungefähr. Durch das Team, durch die Region, ging ein heftiger Ruck. Das Unentschieden gegen den BVB mit zwei Comebacks nach Rückstand war ein gefühlter Sieg und mobilisiert weiter wichtige Kräfte im Kampf um den Abstieg.
Trainer Thomas Reis gibt die Route vor - und die Mannschaft folgt ihr. Die Entscheidung für Routinier Ralf Fährmann als neuen Stammtorwart entpuppt sich als goldrichtig, der 34-Jährige gehörte zu den Besten in Königsblau. Mit seinen Paraden hielt er S04 im Spiel, als es richtig brenzlig wurde.
Die Frage, ob Schalke überhaupt so tief im Sumpf stecken würde, wenn er auch von Saisonbeginn an gespielt hätte, darf mittlerweile erlaubt sein. Fährmann steht auch sinnbildlich für die Veränderung, die Schalke seit dem Bundesliga-Restart vollzogen hat. Dieses Schalke macht aus der Not eine Tugend. Die Qualität mag spielerisch nicht die beste sein, aber die Moral schon. Die Basis stimmt. Schalke spielt ohne Schnörkel, in der Verteidigung mannorientiert, nach vorne mit Passgeber Rodrigo Zalazar sowie den Angreifern Michael Frey, Marius Bülter und Mehmet Aydin auf Umschaltmomente lauern.
Schalkes Plus: Die Heimspiele. Mit den feurigen Fans im Rücken bleiben die Spieler heiß. "Wenn man so zurückkommt, fühlt sich das schon gut an. Zum einen war das durch die brutale Stimmung im Stadion möglich, aber auch durch das Selbstvertrauen, das wir uns in den letzten Wochen erarbeitet haben", merkte auch 1:1-Torschütze Bülter an.
Taktisch bedeutete das in der zweiten Halbzeit: Mehr Mut, den Gegner anzulaufen, um ihn zu ungenauen Bällen zu zwingen und so selbst Chancen zu bekommen. Gepaart mit dem Zusammenhalt, der in der Mannschaft definitiv besteht, scheinen die Chancen immer größer zu werden, dass Schalke in dieser Saison nicht absteigt.
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