Jürgen Kohler exklusiv zu Bayern gegen Dortmund: Warum eine BVB-Kampfansage nichts bringen würde

Jürgen Kohler erklärt im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de, warum er gut nachvollziehen kann, dass Borussia Dortmund vor dem Ligagipfel beim FC Bayern München zurückhaltende Töne anschlägt. "Ein gewisses Understatement passt besser zu Dortmund und seinen Spielern", findet der Weltmeister von 1990, der früher selbst beim BVB und FCB spielte. Ein Sonderlob verteilt Kohler an Trainer Edin Terzic.

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Quelle: SNTV

Das Interview führte Tobias Laure
Müsste der BVB nicht einen klareren Anspruch auf die Meisterschaft formulieren? Die Mannschaft von Trainer Edin Terzic ist schließlich seit zehn Ligaspielen ungeschlagen, ging in dieser Zeit neunmal als Sieger vom Platz. Nein, sagt Jürgen Kohler. Die Gefahr, dass dem Verein eine "offensive Aussage um die Ohren fliegt", sei groß.
Nichtsdestotrotz sei es Terzic mit einer geschickten Strategie gelungen, die Borussia zum Titelkandidaten zu formen. Der Verein selbst habe "seine Schwachstellen genau analysiert und entsprechend Spieler geholt". Das zahle sich nun aus.
Bei den Bayern steht indes der neue Coach Thomas Tuchel im Brennglas der Öffentlichkeit. Der 49-Jährige hat für Julian Nagelsmann übernommen, der acht Tage vor dem Spitzenspiel (Samstag ab 18:30 Uhr im Ticker) überraschend freigestellt worden war.
Kohler glaubt nicht, dass der junge Trainer allein über den Unmut einiger Spieler gestolpert sei. "Wenn eine solche Entscheidung auf alleiniges Betreiben der Kabine fällt, kannst du den Laden zusperren", betont der 57-Jährige.
Dass die Rochade von München Auswirkungen auf die Spieler des BVB hat, glaubt Kohler nicht, wie er im Interview mit Eurosport.de erklärt.
Herr Kohler, man hat das Gefühl, dass die Personalie Thomas Tuchel wichtiger als das Spiel Bayern gegen Dortmund selbst ist. Könnte man als Vorteil für die Borussia sehen.
Jürgen Kohler: Das glaube ich nicht. Die Spieler haben das zur Kenntnis genommen und ich bin sicher, dass das in der Dortmunder Kabine keine Rolle spielt. Tuchel hat ohnehin nur ein, zwei Tage Zeit, kann also nicht viel verändern. Es wäre fadenscheinig, wenn die BVB-Profis das positiv für sich auslegen.
Weil?
Kohler: Wenn du beim BVB bist, musst du den Anspruch haben, um die Meisterschaft zu spielen. Die Konstellation auf der Bank des Gegners, in dem Fall der Bayern, darf auf deine Ziele und Motivation keinen Einfluss haben. Dortmund kann sich auch nicht zugutehalten, dass die Bayern seit Dezember zehn Punkte liegenlassen haben. Was die Schwarz-Gelben sich anrechnen können: Man hat neun von zehn Bundesligapartien in diesem Kalenderjahr gewonnen und die Meisterschaft spannend gemacht hat.
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Jamal Musiala (l.) und Jude Bellingham im Topspiel zwischen FC Bayern und BVB

Fotocredit: Getty Images

Der BVB hat sogar einen Punkt Vorsprung auf den Rekordmeister, nur kommen dafür sehr zurückhaltende Töne aus Dortmund. Wäre jetzt nicht der Zeitpunkt, mal auf den Putz zu hauen und eine klare Kampfansage in Richtung München abzugeben?
Kohler: Nein. Ich kann mich erinnern, dass die Borussia vor zwei Jahren einen klaren Meisterschaftsanspruch formuliert hat. Ging schief damals, die Schale wanderte bekanntermaßen nach München. Tja, und so fliegt dir die offensive Aussage um die Ohren. Dann haben die Verantwortlichen umgeschwenkt und ich finde, ein gewisses Understatement passt auch besser zu Dortmund und seinen Spielern.
Klingt so, als sei den Bayern ohnehin nicht beizukommen.
Kohler: Der BVB hat sich seit Jahren als der große Konkurrent etabliert, und jetzt komme ich auf die öffentliche Zurückhaltung zurück. Bayern macht seine Sache dermaßen gut, dass es nach hinten losgehen würde, wenn man dauerhaft vom Titel spräche. Der FCB spielt seit 20, 30 Jahren in einer eigenen Liga, hat größere wirtschaftliche Möglichkeiten und international Geschichte geschrieben. Das ist einfach eine andere Welt ...
... in der Julian Nagelsmann nicht mehr arbeiten darf. Er habe "die Kabine verloren", ist zu hören.
Kohler: Wenn ein Trainer entlassen wird, kann man davon ausgehen, dass er immer die Kabine verloren hat. Das ist beim VfL Bochum nicht anders wie in München, wobei an der Säbener Straße andere Ansprüche herrschen. Ich bin der Meinung, dass Nagelsmann nicht einzig und allein deshalb gehen musste, weil er seit Dezember zehn Punkte auf Dortmund verloren hat. Die exakten Gründe sind öffentlich nicht bekannt, aber generell muss ein Coach nicht nur die Spieler hinter sich bringen, sondern vor allem die Verantwortlichen im Verein.
Also hat Nagelsmann keine Deckung von oben gehabt?
Kohler: Sagen wir mal so: Wenn eine solche Entscheidung auf alleiniges Betreiben der Kabine fällt, kannst du den Laden zusperren. Natürlich werden die Führungsspieler gehört, die Sorgen und Probleme ernst genommen. Das reicht aber nicht aus. Ich kann mich noch an meine Zeit beim BVB erinnern, als Ottmar Hitzfeld 1997 gehen musste. Das fanden einige im Kader gut, andere nicht. Die Entscheidung traf natürlich der Verein auf Basis der Frage, ob man der Meinung ist, ob der Trainer mit seiner Mannschaft die Kurve bekommt oder nicht. Schauen sie sich den BVB in der Saison 2014/2015 an. Nach der Hinrunde war man Vorletzter und in Abstiegsgefahr. Was passierte? Der Klub hielt am damaligen Coach Jürgen Klopp fest - mit Erfolg, wie sich am Saisonende zeigte.
Ist der BVB in diesem Jahr tatsächlich titelreif, oder anders gefragt: Wie hat es Trainer Edin Terzic geschafft, seiner Mannschaft diese Konstanz und Stabilität einzuimpfen?
Kohler: Man hat mich belächelt, als ich vor Saisonbeginn gesagt habe, dass Dortmund Titelanwärter ist. Ich habe gemerkt, dass der BVB seine Schwachstellen genau analysiert und entsprechend Spieler geholt hat. Mit Karim Adeyemi, Niklas Süle, Nico Schlotterbeck kamen drei deutsche Nationalspieler, dazu Sébastien Haller, der in Frankfurt mit 33 Toren und 19 Assists voll überzeugt hat. Es war klar, dass es sehr gut laufen würde, wenn alles zusammenpasst. Dafür hat Edin Terzic gesorgt.
Können Sie das präzisieren?
Kohler: Im Spiel nach vorne war die Borussia immer stark, nun hat sich auch die Defensive verbessert. Das liegt aus meiner Sicht daran, dass der Trainer nur noch einen Sechser aufbietet - und zwar Emre Can. Der spielt vor einer starken Innenverteidigung mit Nico Schlotterbeck und Niklas Süle und füllt diese Rolle zu 100 Prozent aus. Die Verantwortung ist wesentlich klarer verteilt im Vergleich zu der Zeit, als das Team noch mit einer Doppelsechs agierte. Genau das hat Terzic erkannt und beibehalten.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kohler.
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Das sagt BVB-Sportchef Kehl über den Klassiker gegen Bayern

Quelle: Perform

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