Thomas-Tuchel-Fußball beim FC Bayern München - wie er spielen lässt und ob das gutgehen kann?

Thomas Tuchel steht beim FC Bayern München vor einer doppelten Aufgabe. Kurzfristig muss er dafür sorgen, dass der Meisterschaftszug am Samstagabend nicht ohne seine neue Mannschaft abfährt, sprich: Im Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund braucht er mindestens einen, besser noch drei Punkte - egal wie. Langfristig geht es für Tuchel indes darum, die Bayern-Stars auf seinen Fußball einzuschwören.

Football : Tuchel's Bayern train as 'Der Klassiker' approaches

Quelle: SNTV

Gibt es das überhaupt, Thomas-Tuchel-Fußball? Und wenn ja: Passt er zum FC Bayern München und dessen aktuellem Kader?
Schon auf die erste Frage gibt es ebenso viele Antworten wie Klubs, die Tuchel bisher trainiert hat. Vergleicht man sein taktisches Vorgehen bei den Schwergewichten Borussia Dortmund, Paris Saint-Germain und Chelsea, kommt man zum Schluss: Tuchel-Fußball lässt sich nicht an einem bestimmten Spielsystem festmachen!
Vielmehr sticht die Fähigkeit des 49-Jährigen heraus, aus sehr unterschiedlichen, mitunter von Vereinsbossen vogelwild zusammengebastelten, Kadern Erfolg herauszupressen.
Eine Qualität, die sich vor allem während seiner Zeit als "Star-Dompteur" bei Paris Saint-Germain zeigte. "Er musste mit einer unausgeglichenen Mannschaft umgehen, der es im Mittelfeld an Qualität fehlte und die vorne mit Talent überladen war", sagt Fußball-Experte Vincent Bregevin von Eurosport in Paris. Tuchel habe "sehr verschiedene Taktiken angewandt, um sich darauf einzustellen".

Tuchel bei PSG: Offensive pur

Im Spannungsfeld zwischen den konkurrierenden Superstars Neymar und Kylian Mbappé sowie Sportdirektor Leonardo, der ihn schon nach kurzer Zeit auf dem Kieker hatte, ging Tuchel ans Werk. Der bayrische Schwabe entschied sich zunächst für eine offensive Ausrichtung. "Wir haben häufig ein 4-4-2 gesehen, das eher wie ein 4-2-4 aussah. Der Grund: So konnte er Neymar, Mbappé, Ángel Di María und Edinson Cavani gleichzeitig aufbieten", erläutert Bregevin.
Als er in seiner zweiten PSG-Saison etwas mehr Möglichkeiten im Mittelfeld hatte, favorisierte Tuchel ein 4-3-3. Der Trainer habe damit "seine für PSG angedachte Spielphilosophie mit höherem Pressing und schnellerer Balleroberung" umsetzen können, so Bregevin. Die Folge: Der Hauptstadklub zog erstmals in der Vereinsgeschichte ins Finale der Champions League ein, unterlag dort allerdings den Bayern 0:1.
Die öffentlichen Forderungen nach einem ausgeglicheneren Kader hatten allerdings den Zwist mit Sportdirektor Leonardo verschärft. Ein Grund, weshalb Tuchel mitten in seiner dritten Spielzeit an der Seine die Koffer packen und sich bei Chelsea neu erfinden musste.

Tuchel mauert mit Chelsea - und triumphiert

Wie schon bei PSG, wo er mit 14 Ligaerfolgen in Serie loslegte, begann er auch an der Stamford Bridge furios. Tuchel führte das Team von Platz neun auf Rang vier in der Premier League. Es dauerte keine fünf Monate, da stand er auf dem bisherigen Gipfel seines Schaffens und war plötzlich Champions-League-Sieger.
Chelsea unter Tuchel war ein Erfolg, aber keine Offensiv-Offenbarung. Als Blues-Coach setzte er meist nur auf eine Spitze und etablierte ein 3-4-2-1-System. Zog der Gegner sein Spiel auf, was aufgrund der vergleichsweise niedrigen Ballbesitzquoten der Tuchel-Auswahl die Regel war, reagierten die Londoner häufig mit einer temporären Fünferkette.
Auf die Ergebnisse wirkte sich das positiv aus, auf die Attraktivität des Fußballs weniger. In beiden Saisons, die Tuchel mit Chelsea zu Ende spielte, wiesen die Blauen nach Gegentoren die zweitbeste Abwehr der Liga auf. Allerdings standen im ersten Jahr nur 58 Treffer zu Buche, der schwächste Wert in den Top 7 der Abschlusstabelle der Premier League.
Als es die neue Klubführung um den Unternehmer Todd Boehly im Dezember 2022 aber fertigbrachte, den amtierenden FIFA-Welttrainer Tuchel vor die Tür zu setzen, rieb sich halb London verwundert die Augen.

Tuchel: Bei Bayern ein bisschen wie beim BVB

Und so muss sich der 49-Jährige - mal wieder unfreiwillig - neu erfinden. Dieses Mal beim FC Bayern München. Es gibt immerhin ein paar Parallelen zu seinen Jahren als BVB-Coach. Wie 2015 bei den Schwarz-Gelben übernimmt er bei den Roten einen exzellent besetzten Kader, mit dem Ballbesitz-Fußball möglich, ja zwingend ist. Bei der Borussia setzte Tuchel meist auf ein 4-3-3 oder 4-1-4-1, mit einem spielstarken Julian Weigl auf der Sechs.
Der Kader der Bayern ist noch exquisiter aufgestellt, was Tuchel viel Spielraum lässt. Julian Nagelsmann probierte es zu Saisonbeginn mit einem 4-4-2 und Doppelsechs, schwenkte dann aber auf ein 4-2-3-1 um. In den letzten Wochen seiner Amtszeit experimentierte der 35-Jährige unter anderem mit einem 3-1-4-2 oder - wie bei den überzeugenden Champions-League-Auftritten gegen Paris Saint-Germain - mit einem 3-4-2-1.
Tuchel hat den ganzen Baukasten nun offen vor sich liegen. Er wird analysieren, Optionen durchspielen, entscheiden. Wenn alles gut läuft, hat er schnell Erfolg, oder anders gesagt: Es gibt Tuchel-Fußball zu sehen in München ...
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