FC Bayern München: Was der neue Trainer Thomas Tuchel anders machen muss als bei Dortmund, PSG und Chelsea

Der FC Bayern München geht mit Thomas Tuchel in die Crunchtime der Saison. So umstritten die Freistellung von Trainer Julian Nagelsmann ist, so unbestritten sind die Fähigkeiten des 49-Jährigen. Dennoch birgt die Personalie Risiken, wie Tuchels Wirken bei Borussia Dortmund, Paris Saint-Germain und Chelsea zeigte. Der Coach muss sich anpassen, ohne sich selbst untreu zu werden. Eine Gratwanderung.

Thomas Tuchel, damals noch Trainer des FC Chelsea

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Der Begriff "Langzeitprojekt" hat in den vergangenen Tagen eine ganz neue Bedeutung gewonnen im Fußball. Als solches nämlich hatten die Bayern-Bosse die Zusammenarbeit mit Julian Nagelsmann deklariert. Wie man inzwischen weiß, ist die Idee krachend gescheitert.
Seit Samstag heißt der Trainer des Rekordmeisters Thomas Tuchel - und der steht für das genaue Gegenteil.
Nachdem sich der bayrische Schwabe in Mainz zwischen 2009 und 2014 große Verdienste auf der Bank erworben hatte, begann eine kurzatmige Tour durch Europas Beletage. Coach in Dortmund, Trainer von Paris-Saint Germain, Teammanager des FC Chelsea, Nachfolger von Nagelsmann beim FC Bayern.
Nur: Lange dauerten die Engagements nicht. Zwei Jahre BVB, 17 Monate Paris, 19 Monate London. Das Arbeitspapier in München ist nun nur bis 30. Juni 2025 datiert. Kein Problem für Tuchel, wie er bei seiner Vorstellung im Plauderton wissen ließ.

Tuchel locker: "Wir können ganz ehrlich sprechen ..."

"Das ist doch ein Fortschritt, bei Chelsea habe ich mit 18 Monaten angefangen", scherzte der 49-Jährige. Mit der Laufzeit bei den Bayern fühle er sich "extrem wohl", das spiele ohnehin keine allzu große Rolle.
"Wir können ganz ehrlich drüber sprechen. Wenn es gut ist, werden wir versuchen, zu verlängern. Und wenn sich hier auf dem Podium jemand nicht wohlfühlt, wird es auch nicht länger gehen", sagte Tuchel und machte eine kurze Geste nach links und rechts, wo die Herren Kahn und Salihamidzic saßen.
Das war insofern bemerkenswert, als dass Tuchel in den vergangenen Jahren schwerwiegende Probleme mit den Vereinsführungen, sprich seinen Vorgesetzten, hatte. Während seiner Zeit in Dortmund gab es Differenzen mit dem mächtigen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

BVB verabschiedet Tuchel mit dem Pokal

Tuchel machte damals deutlich, dass er gerne länger an Bord bleiben würde, der BVB aber entließ den Trainer zum Saisonende 2016/2017. Wenige Tage zuvor hatte dieser mit seiner Mannschaft den DFB-Pokal geholt, nur wenige Monate zuvor einen Bombenanschlag überlebt.
Ursache der Trennung sei "keinesfalls eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Personen" gewesen, teilte der Klub zwar mit, das mitunter schwierige Verhältnis zwischen Coach und Chefetage aber war ebenso wenig ein Geheimnis.
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Thomas Tuchel wird 2017 DFB-Pokalsieger mit Borussia Dortmund

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Eine ganz andere Qualität hatte indes der Zwist zwischen Tuchel und PSG-Sportdirektor Leonardo, der sogar öffentlich ausgetragen wurde. Der Deutsche machte keinen Hehl daraus, dass er mit dem Kader und der Personalplanung des Vereins nicht einverstanden ist - was Leonardo persönlich nahm.
Tuchel müsse "die Entscheidungen des Managements und die internen Regeln akzeptieren, wenn er bleiben möchte", setzte der Sportdirektor seinem Trainer vor versammelter Presse die Daumenschrauben an. Geblieben wäre der Gescholtene schon gerne, dennoch erfuhr er kurz vor Weihnachten 2020, dass er gehen muss.

Tuchel: "Bin aufgestanden und gegangen"

Und das nach zwei Meistertiteln, einem Pokalsieg, einem Triumph im Ligapokal und zwei Erfolgen im Supercup.
Fast noch wichtiger: Ein halbes Jahr vor der Entlassung hatte er PSG mit den Weltstars Neymar und Kylian Mbappé erstmals in der Vereinsgeschichte ins Finale der Champions League geführt.
Und doch lief die Verabschiedung kühl ab. "Das Gespräch dauerte nur zwei Minuten, es gab für mich nicht mehr viel zu besprechen. Dann bin ich aufgestanden und gegangen", ließ Tuchel wissen und zog nach London weiter.

Chelsea-Besitzer servieren Tuchel ab

Beim großen FC Chelsea fühlte sich der Fußball-Lehrer wieder willkommen. "Wir haben eine Unterstützung auf allen Ebenen, die sehr außergewöhnlich ist und mich fast sprachlos macht. Alle haben uns vom ersten Tag an auf dem allerhöchsten Niveau unterstützt", schwärmte Tuchel, ehe es zu einem unerwünschten Déjà-vu kam.
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Thomas Tuchel sieht Rot im Londoner Derby zwischen dem FC Chelsea und Tottenham Hotspur im August 2022

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Nach durchschlagendem Erfolg bei den Blues mit dem Gewinn der Champions League, der FIFA Klub-WM und des UEFA-Supercups wurde der zum Welttrainer 2021 gekürte Fachmann im September 2022 völlig überraschend entlassen.
Der Grund: Die neuen Besitzer des Klubs, eine Investmentgruppe des US-Milliardärs Todd Boehly, sah die "Zeit für einen Wechsel" gekommen. Verstanden haben das die wenigsten, ob Spieler, Fans oder das Team um Tuchel herum.
Die merkwürdige Serie an Entlassungen wirft die Frage auf, inwiefern Tuchel selbst durch sein Verhalten dazu beigetragen hat und was er daraus für seine Arbeit beim FC Bayern lernen kann. Lernen muss, wenn er fest im Sattel bleiben will an der Säbener Straße.

Tuchel: Wie viel Reibung vertragen die Bayern-Bosse?

Womit Tuchel immer wieder aneckte, ist sein ausgeprägter Anspruch, alles selbst zu kontrollieren und sich nicht von Klubchefs in sportliche Belange hineinreden zu lassen. Mehr noch: Er wählte, siehe PSG, auch den Weg in die Öffentlichkeit, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Eine Strategie, auf die man auch in München allergisch reagiert.
Tuchel nahm bewusst Ärger in Kauf. Es sei nun einmal so, dass "Reibung entsteht, wenn starke Persönlichkeiten aufeinandertreffen", erzählte der Trainer einst der "Zeit". Diese Reibung wird freilich umso stärker, desto größer die Klubs sind.
Natürlich besteht auch beim FC Bayern das Risiko, dass es dazu kommt. Allerdings: Es gibt Anzeichen dafür, dass Tuchel inzwischen anders agiert.
"Wenn man ein paar Jahre zurückschaut, dann war er früher vielleicht schwierig. Aber Erfahrungen verändern natürlich die Persönlichkeit. Thomas hat sich weiterentwickelt", erklärte der Bundesliga-Coach Manuel Baum in der "Sport1"-Sendung "Doppelpass". Tuchel habe sich "angepasst durch seine Stationen in Paris und bei Chelsea", glaubt der 43-Jährige.
Folgt man dieser Sichtweise, dann scheint Tuchel bereit für die Aufgabe Bayern München. Sportvorstand Hasan Salihamidzic signalisierte bereits, dass es durchaus erwünscht sei, dass der Neue mit seinen Sichtweisen nicht hinter dem Berg hält. Es sei "wichtig, dass der Trainer auch zu Transfers seine Meinung" kundtue, so der 46-Jährige.
Nur übertreiben darf es Tuchel nicht. Auch dann nicht, wenn es sportlich ganz gut läuft, denn das alleine ist keine Jobgarantie. Das hat er ebenso schmerzhaft lernen müssen wie sein Vorgänger Nagelsmann.
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