Thomas Tuchel wird Nachfolger von Julian Nagelsmann beim FC Bayern München: Der Schuss muss sitzen

Fünf Jahre nach dem ersten intensiven Flirt zwischen Thomas Tuchel und dem FC Bayern München ist die Liaison nun perfekt: Der 49-Jährige wird Nachfolger des gefeuerten Julian Nagelsmann. Viel Zeit zur Eingewöhnung bleibt dem neuen Coach nicht - er muss sofort funktionieren. Dass er das kann, hat er beim FC Chelsea bewiesen. Doch die Verpflichtung von Tuchel birgt auch Gefahren für die Bayern.

Thomas Tuchel

Fotocredit: Imago

Im Frühjahr 2018 war der FC Bayern schon einmal ganz nah dran an Thomas Tuchel. Nach Eurosport-Informationen lag dem damals 44-Jährigen ein unterschriftsreifer Vertrag vor. Tuchel weilte seinerzeit knapp vier Autostunden entfernt von München am Gardasee und wartete auf den finalen Anruf von der Säbener Straße.
Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge war damals die treibende Kraft hinter der Verpflichtung des Ex- Mainz- und BVB-Trainers.
Doch in letzter Sekunde grätschte Uli Hoeneß dazwischen. Weil Jupp Heynckes sämtliche Avancen seines Freundes Hoeneß, ihn zum Weitermachen über die Saison 2017/18 hinaus zu bewegen, zurückwies, kontaktierte der eigenständig Niko Kovac und boxte die Personalie auch bei Rummenigge durch.
Tuchel wurde es zu bunt - er unterschrieb bei Paris Saint-Germain.
Fünf Jahre später ist es nun so weit. Tuchel wird Nachfolger von Julian Nagelsmann und leitet kommenden Montag sein erstes Training. Die aktuellen Bayern-Bosse Oliver Kahn, Hasan Salihamidzic und Herbert Hainer wollten nicht den gleichen Fehler wie ihre Vorgänger machen und sich Tuchel durch die Lappen gehen lassen.

Tuchel bei Tottenham und Real Madrid im Gespräch

Der ist seit seinem Aus beim FC Chelsea im September 2022 ohne Job, kokettierte zuletzt aber intensiv mit einem möglichen Engagement bei Tottenham Hotspur oder Real Madrid.
Die Zeit drängte und war mitentscheidend für die Freistellung Nagelsmanns.
Nach dem gescheiterten Langzeitprojekt mit dem Startrainer in spe drehen Kahn und Co. den FC Bayern sportlich wieder auf links. Tuchel hat durch seine erfolgreiche Arbeit in Paris und London international viel an Renommee gewonnen. Er hat in drei Ländern große Titel geholt: DFB-Pokal mit Dortmund, Meisterschaft mit PSG und Champions League mit Chelsea. Er hat bewiesen, dass er mit (launischen) Superstars wie Kylian Mbappé, Neymar, Thiago Silva oder Romelu Lukaku zurechtkommt.
2020 führte er PSG ins Champions-League-Finale - so nah kam der mit Scheich-Milliarden gepimpte Klub seiner Sehnsucht nach dem Henkelpott danach nicht mehr. Beim FC Chelsea folgte er im Januar 2021 auf Vereinsikone Frank Lampard und machte quasi im Handumdrehen aus einer völlig verunsicherten Mannschaft Gold.
Tuchel führte die "Blues" von Platz zehn auf vier in der Premier League und besiegte Manchester City im Champions-League-Finale durch ein Tor von Kai Havertz 1:0. Die Chelsea-Fans lieben ihren "Tommy" noch immer und stimmten seit dessen aufgrund der für viele nicht nachvollziehbaren Entlassung Pro-Tuchel-Gesänge im Stadion an.

Gianluigi Buffon schwärmt von Thomas Tuchel

Bei all seinen Profistationen ist es Tuchel gelungen, die Spieler mit seinen Ideen einzufangen. Gianluigi Buffon, einer der schillerndsten Figuren im Weltfußball der vergangenen zwei Jahrzehnte, lobte seinen Trainer bei PSG kürzlich als Gast der Talkrunde "BoboTV" in den höchsten Tönen.
"Er ist extrem intelligent und jemand, der es schafft, sofort ein Gefühl für die Kabine zu bekommen", erzählte Buffon. "So etwas habe ich nur selten erlebt: Er zeigt Einfühlungsvermögen, kommt dadurch glaubhaft rüber und sendet positive Energie aus ... wunderschön. Das Training und seine offensiven Ideen waren außergewöhnlich, die eines Top-Top-Top-Trainers. Dabei war er fast noch ein Nobody, als er nach Paris kam", schwärmte der Italiener.
Beim FC Bayern erwarten die Bosse eines der von Buffon beschriebenen Attribute: die Fähigkeit, die Kabine in den Griff zu bekommen. Das, was Nagelsmann sukzessive abhandengekommen zu sein scheint.
Auch hier drängt die Zeit: Die Gegner nach der Länderspielpause heißen Dortmund (Bundesliga), zweimal Freiburg (DFB-Pokal und Bundesliga) und zweimal Manchester City in der Königsklasse. Anpassungsschwierigkeiten darf sich Tuchel nicht erlauben, der Druck ist dahingehend sofort da.

Zwischenmenschliche Differenzen bei Borussia Dortmund

Tuchels Qualitäten als Trainer sind über jeden Zweifel erhaben. Zwischenmenschlich gab es hingegen immer wieder Probleme. Um seine Zeit beim BVB ranken sich diverse bemerkenswerte Geschichten.
Bereits im Sommer 2016 soll es zum Bruch zwischen Tuchel und Manager Michael Zorc gekommen sein. Tuchel wollte sich bei seinem Berater Olaf Meinking über Differenzen mit Zorc hinsichtlich der Kaderplanung ausweinen und versendete eine Textnachricht. Die landete allerdings nicht auf dem Handy von Meinking, sondern bei Zorc.
Ein halbes Jahr danach hatte Tuchel dem Vernehmen nach einen heftigen Streit mit dem im Verein beliebten Kaderplaner Sven Mislintat. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke unterstützte Tuchel, Mislintat musste gehen.
Schon deutlich vor dem Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB am 11. April 2017, infolgedessen es zu starken Irritationen zwischen Watzke und dem Coach gekommen war, soll Tuchels Abschied zum Saisonende beschlossene Sache gewesen sein. Daran änderte auch der Gewinn des DFB-Pokals nichts mehr.

Champions League gegen Manchester City: Stichtag 19. April

Tuchel galt lange als beratungsresistenter Eigenbrötler, der sein Ding durchziehen will, ohne dabei nach links und rechts zu schauen. Der zu sehr auf sich und seine Fähigkeiten vertraut und den Teamgedanken öfter mal außen vor lässt.
Als der BVB 2017 Alexander Isak holte, ließ Tuchel verlauten, dass er noch nie etwas von dem Spieler gehört habe. Ähnliches soll bei Chelsea 2021 nach der Verpflichtung von Denis Zakaria geschehen sein. Wie in Dortmund soll es auch bei Chelsea höchst unterschiedliche Auffassungen zwischen Tuchel und den Klubchefs hinsichtlich der Zusammenstellung des Kaders gegeben haben.
Tuchel kann gewaltig anecken und verliert mitunter die Beherrschung. Während des Ligaspiels gegen Tottenham im August 2022 rasselte er mit Spurs-Coach Antonio Conte zusammen. Die Streithähne konnten nur durch das entschlossene Eingreifen von Betreuern beider Teams wieder voneinander getrennt werden. Rumpelstilzchen-Aktionen an der Seitenlinie sind beim FC Bayern verpönt. Contenance ist angesagt, auch dann, wenn die Emotionen besonders hochkochen. In dieser Hinsicht muss sich Tuchel in München anpassen.
Fakt ist, dass Tuchel in Dortmund, Paris und London sportlich Erfolg hatte, aber auch hier und da verbrannte Erde hinterlassen hat. Beim FC Bayern muss er auf Anhieb funktionieren. Bis zur ersten großen Bestandsaufnahme ist es nicht weit hin: Am 19. April kommt ManCity in die Allianz Arena zum Viertelfinal-Rückspiel.
Sollten die Bayern dann nicht mehr in der Champions League vertreten sein und womöglich in der Liga dem BVB (weiter) hinterherhecheln, könnte die Situation bis in oberste Klubkreise eskalieren.
Das Nagelsmann-Projekt ist krachend gescheitert, der Schuss mit Tuchel muss zwingend sitzen.
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Brazzo bei Präsentation 2021: Nagelsmann soll "Ära anfangen"

Quelle: Perform

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