FC Bayern - Kommentar vom LIGAstheniker | Der Fußball verdächtigt seine Emotionen: Gut gebrüllt, Kimmich!

Einmal kurz und intensiv gejubelt - schon hat die Bundesliga wieder ein Aufregerthema. Joshua Kimmich musste sich in den Medien einiges anhören, nachdem er den 1:0-Erfolg des FC Bayern gegen Freiburg emotional und in Richtung der SC-Fans gefeiert hatte. "Wollen wir das wirklich reglementieren?", fragt sich Eurosport-Blogger Thilo Komma-Pöllath. Das eigentliche Problem sei doch ein ganz anderes.

Streich äußert sich zum Kimmich-Aufreger

Quelle: Perform

Liebe FußballfreundInnen,
ohne Triggerwarnung geht es offenbar nicht mehr: Dieser Text enthält Anteile von Emotionen, ich hoffe Sie halten das aus. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Ein ganz persönliches Geständnis zu Beginn: Ich mag Joshua Kimmich. Hätte ich eine Firma, er wäre mein Testimonial. Gefühlt ist er das letzte gute Gewissen in diesem seltsam gierigen Profizirkus. Seine Interviews reflektiert, seine Auftritte auf dem Feld verantwortungsvoll, abseits des Spiels mit Blick über den Tellerrand. Man denke an seine Pandemie-Initiative "We Kick Corona".
Und jetzt also konträr dazu diese Supermann-Geste vor dem Freiburger Fanblock und der anschwellende Bockgesang einer aufgeregten Öffentlichkeit, dass er das nicht tun dürfe, dass das absolut nicht gehe, dass das unsportlich sei.
Davor traf es seinen Kollegen Jamal Musiala, weil der nach dem Pokalaus, das er maßgeblich verursacht hatte, Freiburgs Trainer Christian Streich nach dem Abpfiff keine Audienz gewähren wollte.
Wenn in diesem Zirkus noch was echt ist, dann die Emotion, die sich unmittelbar Bahn bricht. Wollen wir die wirklich reglementieren?

Braucht die Liga Triggerwarnungen?

Wir leben in so sensiblen Zeiten, dass offenbar jetzt auch noch das nachvollziehbare Gefühl aus jedem Fußballspiel herausgeätzt werden soll. Die Nebenwirkungen stehen nicht auf der Eintrittskarte, zu laut, zu derb, politisch nicht korrekt taxierbar, Kinder- und Minderheitengefährdend, kurz: nicht berechenbar.
Das geht heute nicht mehr. Auch die Bundesliga kommt in Zukunft offenbar nicht ohne Triggerwarnungen aus. "Dieses Spiel kann Spuren von Gefühl enthalten, die die Entwicklung ihres Kindes nachhaltig stören können."
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Joshua Kimmich stand nach dem Abpfiff im Fokus

Fotocredit: Getty Images

So muss man wohl "Sky"-Kritiker Didi Hamann verstehen, wenn er Kimmich der Ungezogenheit ziemt, schließlich würden ja auch Kinder vor dem Bildschirm sitzen. Das ist, mit Verlaub, unsinnig, wenn man weiß, wie es auf den Bolzplätzen im Land zugeht.

Druckausgleich bei Bayern-Leader Kimmich

Kimmich selbst zeigte sich kurz nach seiner Geste sofort wieder verständig ("Das macht man nicht"), so als hätte das Adrenalin mal eben die Herrschaft über seine Sinne übernommen. Mit dem, was er auf dem Feld getan hat, hatte das öffentliche Meinungsbild aber kaum was zu tun.
Der Bayern-Leader Kimmich, der sich in die Verantwortung stellt, musste den ungeheuren Druck loswerden, der sich nach Trainer-Entlassung und Pokal-Aus aufgestaut hatte. Das muss möglich sein, ohne dass irgendwelche selbsternannten Erziehungsberater gleich den Teufel an die Wand malen.

Bayerns kalter Leistungsdruck

Wenn man sich schon aufregen will in diesem Zusammenhang, dann vielleicht über eine kalte, entmenschlichte Leistungspolitik des FC Bayern, der jedes Gefühl, jedes Mitgefühl für seine Angestellten abhandengekommen ist. Eine Politik, die erst diesen schieren Druck entfaltet, dem kaum noch einer ohne Löwengebrüll standhalten kann.
Dass man seinem Job selbst dann nicht mehr genügt, wenn man überall top ist und noch alles gewinnen kann. Eine Trainer-Entlassung wie bei Julian Nagelsmann wäre in der Premier League (mit Ausnahme der Irrgänger von Chelsea) so nicht möglich und der Öffentlichkeit auch nicht vermittelbar gewesen.
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Quelle: Perform

Eine kaltherzige Hire-and-Fire-Politik, die erst den Druck für alle Beteiligten hochschraubt, soll opportun sein, ein nachvollziehbarer Druckausgleich eines Einzelnen aber nicht?
Kritikwürdig ist auch, dass Musialas Berater Streich öffentlich ein Trikot versprechen. Warum hat Musiala nicht den Hörer in die Hand genommen und Streich angerufen und nach dem Vornamen seines Sohnes gefragt, für den das Trikot sein soll? Das hätte Gefühl gezeigt ...

Lasst uns gemeinsam brüllen!

Es ist nicht die Emotion, die falsch oder verdächtig ist, sondern ein Leistungsdruck, dem die Menschen immer öfter nicht mehr gewachsen sind. Das betrifft den beruflichen Alltag der Fans genauso wie den von Jo Kimmich auf dem Fußballfeld.
Also: Lassen wir ihn raus! Gut gebrüllt, Kimmich!

ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Quelle: Perform

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