Julian Nagelsmann als Trainer des FC Bayern München freigestellt: Die Gründe für sein Ende

Julian Nagelsmann hat als Trainer des FC Bayern München nach 21 Monaten ausgespielt. Die Freistellung des 35-Jährigen kommt vom Zeitpunkt her überraschend, ist bei genauerer Betrachtung aber nicht ganz abwegig. Die Mannschaft ließ in den letzten Monaten jegliche sportliche Konstanz vermissen, der Trainer wurde zudem intern zunehmend geschwächt. Am Ende blieb nur die Reißleine.

Medien: Bayern entlässt Nagelsmann - Tuchel steht bereit

Quelle: SID

Anfang der Woche veröffentlichte der "kicker" ein Interview mit Herbert Hainer. Darin lobte der Präsident des FC Bayern einmal mehr die Entwicklung von Trainer Julian Nagelsmann.
"Man erkennt einen deutlichen Fortschritt in diesen eineinhalb Jahren. Julian macht es sehr gut. Wir planen langfristig mit ihm. Er ist ein Top-Trainer, der auch gegen Paris bewiesen hat, dass er auf höchstem europäischen Niveau taktisch und strategisch hervorragend agiert", sagte Hainer.
Keine vier Tage später ist Nagelsmann seinen Job los. Während die Angelegenheit am Donnerstagabend medial ad hoc enorm Fahrt aufnahm, weilte der Coach beim Skifahren in Österreich.
Das abrupte Ende von Hainers Nibelungentreue, die plötzliche Abkehr vom jungen Startrainer, ausstaffiert mit einem Fünfjahresvertrag bis 2026, erschließt sich auf den ersten Blick nicht.
Die Münchner sind in allen Wettbewerben noch im Rennen und direkt nach der Länderspielpause wimmelt es von Highlights im Spielplan: Bundesliga gegen Dortmund, DFB-Pokal gegen Freiburg, Champions League gegen Manchester City.

FC Bayern verliert Tabellenführung an Borussia Dortmund

Doch bei genauerem Hinsehen haben sich in den letzten Monaten zahlreiche Argumente angesammelt, die Nagelsmann in einem schlechten Licht darstellen.
Seit Wiederaufnahme des Spielbetriebs nach der WM in Katar hat der FC Bayern in der Bundesliga zehn Punkte auf Borussia Dortmund und vor dem direkten Duell mit dem BVB auch die Tabellenführung eingebüßt.
Nach der jüngsten 1:2-Pleite in Leverkusen hatte Sportvorstand Hasan Salihamidzic gnadenlos mit der Mannschaft abgerechnet: "So wenig Antrieb, so wenig Mentalität, so wenig Zweikampfführung, so wenig Durchsetzungsvermögen habe ich selten erlebt. Wir haben alles vermissen lassen. Haben uns von einer Mannschaft, die am Donnerstag noch gespielt hat, überrennen lassen."

Kahn und Salihamidzic nennen Gründe

So wurde der Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn denn auch deutlich, was die Gründe für die Trennung von Nagelsmann anbelangt. Man sei "zu der Erkenntnis gekommen, dass sich die Qualität unseres Kaders - trotz der Deutschen Meisterschaft im vergangenen Jahr - zunehmend seltener gezeigt hat", so der 53-Jährige. "Die starken Leistungsschwankungen haben unsere Ziele in dieser Saison infrage gestellt, aber auch über diese Saison hinaus."
Nach "gründlicher Analyse der sportlichen Entwicklung unserer Mannschaft speziell seit Januar und mit den Erfahrungswerten der Rückrunde in der Vorsaison haben wir jetzt gemeinsam entschieden, Julian freizustellen", befand Sportvorstand Hasan Salihamidzic.

Gnabry, Sané, Mané, Cancélo - viele Stars helfen Bayern nicht weiter

Auf der großen Bühne hat der FC Bayern indes funktioniert. Acht Siege in acht Champions-League-Spielen, garniert mit zwei gegentorlosen Erfolgen gegen die Pariser Offensivmaschine um Kylian Mbappé. Nach dem Rückspiel in München gab PSG-Coach Christophe Galtier zu, von Nagelsmann ausgecoacht worden zu sein.
Doch die Münchner waren nicht in der Lage, das Brot- und Buttergeschäft Bundesliga vernünftig abzuwickeln, die Rückschläge (Mönchengladbach, Leverkusen) häuften sich. Spieler wie Alphonso Davies, Serge Gnabry oder Leroy Sané fielen in ein tiefes Leistungsloch. Sommer-Transfercoup Sadio Mané war in vielen Spielen ein Fremdkörper - unabhängig von seiner Verletzung.
Der gehypte Winter-Neuzugang João Cancelo schlug zwar zunächst voll ein, fand sich dann aber vermehrt auf der Bank wieder, weil er laut Nagelsmann nicht ins zuletzt bevorzugte System mit der Dreierkette passt. Die taktische Detailbesessenheit des Trainers wurde in Spielerkreisen hinter vorgehaltener Hand schon länger kritisch gesehen.
picture

Sorgten vermehrt für Negativschlagzeilen: Leroy Sané und Serge Gnabry

Fotocredit: Getty Images

Nagelsmann stand schon im September auf der Kippe

Hinzu gesellen sich eine Reihe von Nebenkriegsschauplätzen. Der Rauswurf von Torwarttrainer und Manuel-Neuer-Intimus Toni Tapalovic aufgrund angeblich fehlender Loyalität. Neuers Wut-Interview im Anschluss dessen, in dem der verletzte Torhüter auch nicht mit versteckter Kritik am Trainer sparte. Der Paris-Reise-Eklat um Gnabry. Wiederholt verspätetes Erscheinen einzelner Spieler (Sané) zum Training.
Des Weiteren die verbale "Pack"-Attacke Nagelsmanns gegen die Schiedsrichter nach dem Spiel in Gladbach und letztlich die Suche des Trainers nach dem "Maulwurf", der die Kabine unterjocht und Nagelsmanns Standing innerhalb des ganzen Vereins nachhaltig beschädigte.
picture

Flick und Kimmich schweigen zu Nagelsmann-Zukunft

Quelle: Perform

Bereits im September 2022 stand Nagelsmann auf der Kippe. Nach vier sieglosen Bundesligaspielen in Folge mit dem Tiefpunkt der blutleeren Vorstellung beim 0:1 in Augsburg wurde im Umfeld des FC Bayern über eine vorzeitige Entlassung spekuliert. Seiner Zeit bekam der Coach eine zweite Chance und zahlte dieses Vertrauen mit zwölf Siegen aus 13 Spielen bis zum WM-Break zurück.

Probleme auch mit Robert Lewandowski

Solange die Mannschaft ihre Spiele gewann, waren auch Nagelsmanns extravaganten Auftritte kein Problem für die Bosse. Sein Modebewusstsein, die mitunter überbordenden Emotionen an der Seitenlinie oder seine Beziehung zu einer (ehemaligen) Bayern-Reporterin.Die Kabine, insbesondere die beiden Kapitäne Neuer und Thomas Müller, ist äußerst meinungsstark. Nach Eurosport-Informationan hatte Nagelsmann auch einen Teil der jungen Spieler nicht auf seiner Seite. Aufgrund seiner extrovertierten Außendarstellung war davon auszugehen, der Coach habe intern viel kommuniziert. Dies war aber offenbar nicht der Fall. Nach Eurosport-Informationen habe Nagelsmann bis heute kein Einzelgespräch mit Jamal Musiala geführt und Auswechslungen nicht erklärt.
Bei Misserfolg können solche Dinge hochrangigen Angestellten beim FC Bayern dann aber vor die Füße fallen. Laut "Sky" soll Nagelsmanns Auszeit in den Tiroler Bergen bei Salihamidzic und Vorstandschef Oliver Kahn gar nicht gut angekommen sein. Intern wurde dies demnach als "falsches Signal" interpretiert.
In seiner ersten - für Bayern-Ansprüche - eher durchschnittlich erfolgreichen Saison erhielt Nagelsmanns Image erste Kratzer. Zudem soll das schwierige Verhältnis zum Coach der ausschlaggebende Punkt für Robert Lewandowski gewesen sein, seinen Wechsel zum FC Barcelona partout durchzudrücken.
Kahn, Salihamidzic und Hainer hielten am Trainer fest - nach außen hin aus voller Überzeugung. Auch noch Anfang dieser Woche. Doch der Wind hat sich schnell gedreht. Nagelsmann wird plötzlich nicht mehr zugetraut, die großen Spiele (Dortmund, Freiburg, ManCity) zu gewinnen. Gerade mal zwei Wochen nach Nagelsmann "hervorragender Strategie" (Hainer) gegen PSG.
Das Langzeitprojekt Julian Nagelsmann beim FC Bayern ist krachend gescheitert.
Das könnte Dich auch interessieren: Pressestimmen - "Nagelsmann hat die Kabine verloren"
picture

Alonso nach Sieg über FC Bayern: "War unglaublich für uns"

Quelle: Perform

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung