Der LIGAstheniker: Borussia Dortmund im Überfallmodus - Edin Terzics Mut zahlt sich beim BVB aus

Borussia Dortmund spielte bis zur WM-Winterpause eine enttäuschende Bundesligasaison. Im neuen Jahr präsentiert sich der BVB von einer ganz anderen Seite, gewann 2023 alle neun Pflichtspiele - und ist aktuell auf Augenhöhe mit dem Serienmeister FC Bayern. Dass es derzeit so gut bei den Schwarz-Gelben läuft, ist eng mit Edin Terzics Mut geknüpft, meint der LIGAstheniker.

BVB-Coach Terzic tritt auf die Bremse: "Noch lange nicht fertig"

Quelle: Perform

Liebe FußballfreundInnen,
Wenn der große FC Bayern nach der wohl besten Ligaleistung der Saison vom "Anspruch an uns selbst" (Julian Nagelsmann) sinniert und der Blick auf die Tabelle ein Punkte-Pari mit dem Tabellenzweiten verrät, dann spricht das Bände über den schärfsten Verfolger und dessen aktualisierte Ansprüche: den BVB.
Zunächst: Das 3:0 der Bayern gegen die punktgleichen "Eisernen" aus Berlin war ein sportliches Statement, das zugleich alle atmosphärischen Querelen der letzten Wochen (von Nagelsmanns Schiedsrichter-Schelte bis zu diversen Manuel Neuer-Krisen) beseitigte.
Die Art und Weise will sagen: Die Meisterschaft geht nur über uns. Das breite Brust- und Nimbusklopfen der Münchner ist aber nur die Show für die Fernsehkameras, in den Köpfen geistert, trotz der Rückkehr auf die sportliche Erfolgsspur, das Undenkbare.
Was, wenn wir erstmal nach zehn Jahren nicht Deutscher Meister werden? "Wir sind gewarnt", sagte Bayerns CEO Oliver Kahn nach dem Union-Spiel und vermutete, dass es erstmals seit Jahren wieder "enger" werden könnte, ohne "einen gewissen Abstand". Die Erkenntnis des 22. Spieltages ist auch die: Der BVB hat sich in die Köpfe der Bayern gespielt.

Der BVB und die Zahl 9

Das Comeback von Borussia Dortmund als wohl einziger, ernsthafter Widersacher der Bayern kam ebenso unerwartet wie überfallartig. Bis zur WM-Pause war der BVB so mittelmäßig, dass es weh tat. Zaghaft, mutlos, ohne Spielidee und Überzeugung, dazu die bekannten Probleme bei Standards und Defensive.
Eine Performance, die angesichts des höchsttalentierten Kaders, gelinde gesagt eine Frechheit war. In den ersten 15 Ligaspielen gab es sechs Niederlagen, der Rückstand auf die Bayern betrug 9 Punkte. In Worten: neun. Ein Rückstand, der in gewöhnlichen Zeiten nicht mehr aufholbar ist.
Und dann der Wiederbeginn mit komplett anderen Vorzeichen: Und wieder spielt die Zahl 9 eine entscheidende Rolle. Neun Siege in Liga, Pokal und Champions League haben aus der gewohnt zaghaften Borussia einen Klub gemacht, der davon träumt, den Borsigplatz abzureißen im Falle des nationalen Titelgewinns, so musste man Sportdirektor Sebastian Kehl nach seinem Auftritt im "Sportstudio" wohl verstehen.

Edin Terzic räumt auf

Was aber ist zwischen dem 11. November vergangenen Jahres (15. Spieltag) und dem 22. Januar 2023 (16. Spieltag) in Dortmund passiert? Wie so oft lässt sich kaum erklären, wenn in einer Mannschaftssportart gruppendynamische Prozesse scheinbar ewige Gewissheiten umwerfen wie beim Domino.
Eines aber ist klar: Bei der "eisigen Mitgliederversammlung" ("Bild") Mitte November versuchte es BVB-Boss Aki Watzke mit einer ganz neuen Führungsethik. Trotz des sportlichen Missstands outete er sich als Fan des jungen Trainers Edin Terzic, gleichzeitig forderte er von ihm eine kompromisslose Aufarbeitung der Gründe, ohne Rücksichtnahme auf die in Dortmund gerne gepflegten Status- und Sonderbehandlungshierarchien.
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Mo Dahoud (l.) und Edin Terzic

Fotocredit: Getty Images

Eine Aufarbeitung, die, so ist zu hören, in den vergangenen fünf Jahren dringend nötig gewesen wäre, die sich aber keiner zutraute. Für solche Aufräumarbeiten war Edin Terzic, obwohl jung und ohne die ganz große Erfahrung, genau der Richtige.

Dortmund und das M-Wort

Schaut man also auf die neun Siege im Jahr 2023, dann fällt auf, dass das Terzic-Update der Borussia nach ganz anderen Maßstäben funktioniert als der BVB der Vergangenheit. Es ist nicht der spielerische Rausch, der Dortmund immer mal wieder nach oben katapultiert hat in der Tabelle und der am Ende, wenn es eng wurde, nicht mehr funktioniert hat, es ist der Kampf und die Arbeit, die in Dortmund neuerdings zum Spiel führt und am Ende zum Sieg.
So war es auch am Wochenende in Hoffenheim: Das war kein genialer Fußball, Dortmund wollte die drei Punkte mehr und rettete den Sieg ins Ziel. Das sind ganz neue Töne in Dortmund, dort wo das M-Wort lange verpönt war, weil die Fußballrepublik immer wieder die "Mentalität" der Dortmunder anmahnte, seit Terzics Winterpausen-Räumung gehört Mentalität zu den Bodenschätzen unterm Borsigplatz.

Trainer Terzic - ein mutiger Analyst

Hinzukommt, dass Terzics Leistungsdenken nun auch vor den großen Namen keinen Halt mehr macht. Genau das hatte ihm Boss Watzke auf der Mitgliederversammlung ins Aufgabenbuch geschrieben.
Ob Marco Reus und Mats Hummels spielen ist längst nicht mehr ausgemacht, wenn Nico Schlotterbeck und Niklas Süle besser zusammen passen oder Emre Can und Julian Brandt in Topform sind.
Ob man denn in Dortmund von der Meisterschaft träumen dürfe, wurde Edin Terzic am Wochenende gefragt. Und die Reporter bekamen eine typische Terzic-Antwort: Er werde niemanden auf der Welt das träumen verbieten, nur träumen allein werde nicht helfen, "sondern nur die analytische Brille".
Womöglich sieht Terzic mit seiner Brille die Schale am Horizont bereits funkeln.
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