Tuchel-Debüt im Taktik-Check: Bayern gegen den BVB mit einfachen Mitteln - und viel Luft nach oben
VonLuca Baier
Publiziert 02/04/2023 um 22:38 GMT+2 Uhr
Ohne große Vorbereitungszeit setzte Thomas Tuchel mit seinem Team beim 4:2 (3:0) ein Ausrufezeichen im Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund. Mit sehr klarer Struktur und einfachen Mitteln hat der neue Trainer der Münchner in kürzester Zeit einen guten Matchplan aufgestellt. Eurosport.de analysiert, wie die Bayern den BVB kontrollierten – und warum Tuchel nicht komplett zufrieden sein kann.
Tuchel nach Traumstart erleichtert: "War sehr nervös"
Quelle: SID
Manchmal ist weniger mehr. In nur kurzer Vorbereitungszeit, die zudem in einer Länderspielpause gelegen hat, kann man als neuer Trainer wenig einstudieren.
Dementsprechend einfach hielt Bayerns neuer Übungsleiter Thomas Tuchel die taktischen Vorgaben bei seinem Debüt.
Im ersten Spiel unter dem neuen Coach bezwangen die Münchner den BVB 4:2 (3:0) in der Allianz Arena und bescherten dem 49-Jährigen einen echten Traumstart an der Isar.
Eurosport.de analysiert den Auftritt des Rekordmeisters im Klassiker am Samstagabend – und erklärt, warum Tuchel noch ausreichend Luft nach oben erkannte.
Zentrum zu im 4-4-2
Gegen den Ball rückte Thomas Müller zu Eric Maxim Choupo-Moting in die Spitze. Die beiden pressten jedoch nicht die breit aufgefächerten Dortmunder Innenverteidiger, sondern hielten das Zentrum. So kontrollierten sie die Wirkungskreise von Emre Can, der als alleiniger Sechser die erste Anspielstation im BVB-Aufbauspiel sein sollte.
Hinter den beiden Spitzen arbeiteten Leroy Sané und Kingsley Coman wie Mittelfeldspieler in einer Viererkette neben der Doppelsechs mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka.
Dies war vor allem wichtig, um die einrückenden Dortmunder Flügelstürmer Marco Reus und Julian Brandt zu kontrollieren. Weile diese eher selten in die Tiefe starten und auch Mittelstürmer Sebastian Haller mehr Zielspieler denn Tiefenläufer ist, agierte der Rekordmeister mit einer hohen Abwehrkette.
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Leroy Sané gegen den BVB
Fotocredit: Imago
Immer wieder passten sie die Höhe ihrer Kette an. Beide Innenverteidiger liefen mehr als elf Kilometer (Upamecano 11,4 und De Ligt 11,1) und damit einen Kilometer mehr als der Durchschnittswert der Innenverteidiger in der Bundesliga (10,3).
Dortmund hatte so kaum Optionen das zuletzt so starke Spiel durchs Zentrum und die Halbräume aufzuziehen. Bayern hatte zwar aufgrund der passiveren Herangehensweise der Stürmer nur 48 Prozent Ballbesitz, letztlich aber kaum Probleme mit dem Ballbesitzspiel des BVB.
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Nach Gala gegen den BVB: Tuchel äußert sich zu Sané
Quelle: Perform
Kimmich nicht zu greifen, Sané und Coman in ihren Paraderollen
Hatten die Bayern den Ball, agierten sie in einem klaren 4-3-3. Müller ließ sich auf die halbrechte Seite zurückfallen, Goretzka schob etwas weiter nach halblinks.
Kimmich musste stets hellwach sein, um die richtige Position als Anker zu finden. Dies gelang ihm auf einem extrem hohen Niveau, immer wieder tauchte er in Ballnähe auf und entzog sich dem Zugriffsradius der Dortmunder Achter Bellingham und Guerreiro.
Nicht überraschend also, dass der 28-Jährige auf starke 12,7 Kilometer Laufleistung kam: Er war schlichtweg ständig anspielbar. Folgerichtig spielte die meisten Pässe aller Münchener (70). Auffällig dabei war sofort eines der bekannten Spielprinzipien des neuen Trainers: Der erste Blick des Sechsers sollte immer in die Diagonale gehen.
Kimmich, der viele Pässe von Rechtsverteidiger Benjamin Pavard bekam, drehte sich dementsprechend oft sofort zur linken Seite und suchte Goretzka im linken Halbraum. So konnten die Bayern immer wieder den Raum neben Can bespielen und von dort die Individualisten auf den Flügeln einsetzen.
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Terzic enttäuscht: "Fahren mit einer Portion Wut nach Hause"
Quelle: Perform
Sowohl Sané als auch Coman agierten auffällig breit und konnten so ihre Stärken ausspielen: Mal sprinteten sie in die Tiefe, um per Chipball bedient zu werden, mal forderten sie den Ball in den Fuß und suchten das Dribbling.
Sané absolvierte 34, Coman sogar 37 Sprints in den 90 Minuten. Besonders Sané, der in dieser Saison des Öfteren zu kompliziert agierte und sich im Zentrum in engen Räumen verstrickte, tat diese Spielweise gut. Gregor Kobels Eigentor initiierte er mit einem gut getimten Sprint hinter die Kette.
Warum Tuchel nicht völlig zufrieden ist
Dass Tuchel nach dem Spiel erklärte, das Spiel sei ihm zu wild gewesen und man habe zu wenig Dominanz ausgestrahlt, mag erst einmal befremdlich wirken: Schließlich hatte seine Mannschaft bis 20 Minuten vor Abpfiff souverän 4:0 geführt.
Dass die Bayern nicht so hoch gepresst haben und somit weniger Ballbesitz hatten als sonst, war zwar überraschend, wirkte aber angesichts der kurzen Zeit mit dem neuen Trainer durchaus gewollt. Tuchel hat sich aber offenbar doch eine höhere Aktivität im Pressing gewünscht, um weniger verteidigen zu müssen. Eine noch höhere Abwehrkette und ein weniger vorsichtiges Verhalten von Müller und Choupo-Moting hätten hier für mehr Druck sorgen können.
In Ballbesitz bemängelte der neue Coach zu viele Fehler, die das Spiel letztlich "sehr intensiv" gemacht haben. Kimmich konnte zwar viele der vom Trainer geforderten flach diagonalen Anspielen anbringen, in der Fortsetzung haperte es jedoch tatsächlich. Mal passte die Ballmitnahme von Müller oder Goretzka nicht, mal war es der Pass in die Tiefe, der nicht saß.
Auch Profis auf Weltklasseniveau brauchen in neuen Abläufen Automatismen, die nur über Trainingseinheiten und Spiele entstehen – und seien die Neuerung auch noch so gering.
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Thomas Tuchel ist seit 24. März 2023 Trainer des FC Bayern München
Fotocredit: Getty Images
Eurosport-Check: Abstände halten und gemeinsames Verteidigen, klare Raumaufteilung und Wechsel zwischen Tiefe und Zirkulation: Tuchel hat es geschafft, dass Bayern die einfachen Dinge gut macht. Hilfreich war dabei vor allem die Entscheidung, den zweifellos überragenden Einzelspielern passende Aufgaben zu geben – dabei fällt vor allem die Flügelzange auf, die phasenweise an die "Robbery"-Ära erinnerte. Dass Tuchel nicht ganz zufrieden ist und Bayern noch viele Details verbessern kann und wird, ist nicht weniger als eine Kampfansage an den Rest der Liga.
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Nach Gala gegen den BVB: Tuchel äußert sich zu Sané
Quelle: Perform
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