Der LIGAstheniker: Aufwachen, Harry Kane wird die Bundesliga nicht besser machen!

Harry Kane kam, traf und führte den FC Bayern zum ersten Sieg der neuen Saison. Von Thomas Tuchel und den Medien wird er seither (und auch schon davor) zu einer Art Halbgott hochstilisiert. Fakt ist: Kane macht die Bayern besser. Mit der Mär, der Stürmer wäre damit auch ein Upgrade für die Bundesliga, muss jedoch Schluss sein, meint der LIGAstheniker. Ein Kommentar von Thilo Komma-Pöllath.

Tuchel zu Kane: "Wird jeden unserer Spieler besser machen"

Quelle: Perform

Liebe FußballfreundInnen,
"Welcome to the Show!"
Vorhang auf zur 61. Festspielzeit oder zur größten Show des Jahres, so sieht sich die Bundesliga selbst und lässt über den Bezahlsender "Sky" genau dafür werben. Und nach dem ersten Spieltag steht ja auch alles, wie erhofft, im Zeichen des "Traumstarts" für die Bayern und dem ersten Treffer für "King Kane", so liest sich das dann bei "Bild" und den Agenturen.
Und wenn Bayern-Trainer Thomas Tuchel über den englischen Weltstar anfängt zu lobhudeln, dann hört er a) gar nicht mehr auf und man bekommt b) den Eindruck, dieser Engländer ist nicht mehr Mensch sondern Halbgott. Irgendwas zwischen KI und Friedensnobelpreisträger, ein Erlöser mindestens.
Zumindest sollte Kane unsterblich sein, das stimmt schon, jeder Muskelfaserriss würde dieses kolossale Investment der Bayern in seiner Rentabilität erschüttern. Ob Kane für die Bayern zum erhofften Superbooster wird, wird man noch sehen müssen, die Liga wird schnell merken, dass sie einen solitären Überflieger wie ihn gar nicht brauchen kann.

Kane: Irgendwas zwischen Halbgott und Übermensch

Noch ist alles, was man über Kane schreiben kann, die reine Fiktion. Eine eigene Kane-Reality in der Bundesliga gibt es ja noch kaum. Zwei Pflichtspieleinsätze, blass gegen Leipzig im Supercup, treff- und vorlagensicher in Bremen. Der "Kane-Effekt" ist noch lange nicht verpufft, fühlte sich Tuchel nach dem Supercup bemüßigt, ersten Kritikern entgegen zu halten.
Die Frage war natürlich Quatsch, aber Zeitgeist-entsprechend. Je mehr etwas gekostet hat, um so schneller muss es wirken. Kane aber ist keine Homöopathie, sondern Pharmaindustrie in Reinform: Er soll die Bayern von Anfang an besser machen, zur Not auch ohne gemeinsame Trainingsarbeit.
Und wer genau wissen will, wie das in einem Mannschaftssport gehen soll, muss sich nur die Pressekonferenzen des Thomas Tuchel anhören. Tuchels derzeitiges Kane-Vokabular kam am Freitag nach dem Werder-Spiel nicht ohne folgende Zuschreibungen aus, ich habe mal mitgezählt: "Beeindruckend“, "smart", "präzise", "stark", "besser", "bodenständig", "bescheiden", "top". Der Papst dürfte vor Neid erblassen.

Was macht Kane aus der Liga?

Es ist fast alles über den Sinn oder den Unsinn dieses mutmaßlichen 234-Millionen-Euro-Transfers (inkl. Ablöse, Gehalt und Beraterprovisionen) geschrieben worden. Immer ging es um die bayerische Perspektive dieses Transfers, aber nie darum, was die Kane-Personalie mit der Bundesliga als Ganzes machen wird.
Das ist schon deshalb verwunderlich, weil die Bayern am Ende immer noch andere 17 Mannschaften brauchen, um den Meisterschaftstitel ausspielen zu können.
Doch der erste Spieltag bestätigte eigentlich nur die schlimmsten Befürchtungen. Werder, in den 1980er Jahren Hauptkonkurrent der Bayern, wurde selbst zuhause nur als Staffage gebraucht, um ein Spiel ansetzen, im Fernsehen live zeigen und die eigene bayerische Übermacht ins Schaufenster stellen zu können.
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Thomas Tuchel (r.) ist von seinem Neuzugang Harry Kane begeistert

Fotocredit: Getty Images

Die Bayern wollen keine große Liga-Show

Denn das ist der große Widerspruch zwischen den Bayern und der Bundesliga: War die letzte Saison tatsächlich mal so etwas wie eine große Show - der Meister wurde am letzten Spieltag in den letzten Spielminuten ermittelt – konnten die Bayern darin nur den größtmöglichen eigenen Betriebsschaden ermitteln (inklusive Entlassung der kompletten sportlichen- und Vereinsführung).
Die Antwort auf die Krise: Kane und ein Jahrhundertinvestment.
Es ist das große, nicht auflösbare Dilemma im deutschen Profifußball: Was Fußballfans generell als große Show sehen wollen – sportlicher Kampf auf Augenhöhe - ist für die Bayern nur als Krise erkennbar.

"Dirty Harry" Kane – wehe Du machst die Liga langweilig!

Kane, da braucht man kein Hellseher sein, wird die Bayern besser machen. Aber er wird die Liga nicht besser machen.
Im Gegenteil: Kane wird die Klassenunterschiede weiter festmauern, die es schon vorher gab, nur dass die Mauern immer höher und unüberwindbarer werden zwischen denen da unten, Klubs wie Heidenheim, Bremen, Darmstadt, Bochum und denen da oben im ersten Tabellendrittel und denen ganz oben: den Bayern.
Nur, eines sage ich Dir, Dirty Harry, solltest die Liga noch langweiliger machen wie sie größtenteils vor Deiner Niederkunft schon war, dann wirst du das hier zu lesen bekommen.

Zur Person: Thilo Komma-Pöllath

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog als LIGAstheniker das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Tuchel stellt klar: "Der Kane-Effekt wird nicht verpuffen"

Quelle: Perform

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