In der oberen Etage der Dortmunder Arena hatte Thomas Tuchel kurz zuvor ein wenig über die fehlende Spielpraxis seines Starspielers Neymar lamentiert. Nun stand dieser Spieler, der vor seinem Einsatz im schwarz-gelben Fußballtempel 16 Tage pausieren musste, draußen vor dem Stadion. Im linken Ohr glitzerten zwei ansehnliche Ringe, im rechten drei, dazu hatte Neymar ein schwarzes Käppi ins Gesicht gezogen und sprach mit seiner hellen Stimme über das 1:2 von Paris Saint-Germain beim BVB – als ein Krankenwagen mit heulender Sirene an ihm vorbeirauschte.

Hoffnungen aufs Viertelfinale

Champions League
Mangelnde Spielpraxis: Neymar kritisiert Tuchel
19/02/2020 AM 07:56
Es wirkte wie das Sinnbild für den Zustand des französischen Meisters und Tabellenführers, als Notfall wollte Tuchel sein Team nach dem verlorenen ersten Teil des Achtelfinals aber nicht durchgehen lassen. "Das ist nicht der Zeitpunkt, um das Vertrauen in die Mannschaft zu verlieren. Das Viertelfinale ist möglich“, sagte der frühere Coach der Dortmunder. Lucien Favre, der jetzige Bank-Chef der Westfalen, hielt mit der ebenso wahren Behauptung dagegen:
Im Rückspiel ist alles möglich. Wir haben gewonnen – und wir können auch in Paris etwas machen.
Die Zuversicht des von Natur aus eher vorsichtigen Schweizers ist nach zwei erstklassigen Defensivleistungen innerhalb von vier Tagen – gegen Frankfurt und Paris – deutlich gewachsen. Und diese Entwicklung hängt eng mit drei Namen zusammen, die in seinem Team erst seit wenigen Wochen eine Rolle spielen: Emre Can, Erling Haaland und Giovanni Reyna.

Can, der Häuptling

Die erste frohe Botschaft aus dem Zelt des neuen BVB-Häuptlings Emre Can, seit Ende Januar von Juventus Turin entliehen, gab es bereits vor dem Anpfiff. Eine Leihe mit Kaufverpflichtung sei mit den Italienern ohnehin vereinbart worden, erwähnte Sportdirektor Michael Zorc. Die Nachricht, dass die Westfalen den 26-jährigen Can nun – mit Gültigkeit ab Sommer – fest bis 2024 verpflichtet haben, erwies sich für alle Beteiligten aber als eine zusätzliche Motivationsspritze für das Duell mit PSG.

Leader bei Borussia Dortmund: Emre Can

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Zusammen mit dem Belgier Axel Witsel dirigierte der gebürtige Frankfurter das Spiel der Favre-Elf aus dem defensiven Mittelfeld wieder in einer Art, als wäre er schon seit Ewigkeiten zentraler Bestandteil dieser Mannschaft. "Er korrigiert die anderen, er spricht mit den anderen, er ist einfach sehr wichtig für uns“, betonte Trainer Favre. Und Can ließ seinerseits die Herzen der Dortmunder Fans nach dem Sieg über Paris noch mal heftiger pochen, als er kommentierte:
Es ist geil, hier zu spielen. Ich hoffe, dass wir hier eine sehr, sehr erfolgreiche Zukunft haben können.

Haaland, der Berserker

Bereits in der Gegenwart sehr erfolgreich ist das neue Dortmunder Angriffsphänomen Erling Haaland. Der 19-Jährige, Ende Dezember aus Salzburg geholt und von Beginn an mit einem Kontrakt bis 2024 ausgestattet, schoss die Borussia mit seinen zwei Treffern gegen PSG in die Spur Richtung Viertelfinale. Für Salzburg traf er im Herbst in den sechs Gruppenspielen in der Champions League bereits acht Mal. Nun liegt seine Quote bei zehn Toren in sieben Partien – einmalig in der Geschichte der Königsklasse.

Traf gegen Paris doppelt: Erling Haaland

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Doch gegen das Tuchel-Team glänzte der erstaunlich schnelle und bewegliche Riese Haaland nicht nur mit zwei erstklassigen Stürmertoren, sondern auch durch exzellente Defensivarbeit. "Er stand sehr kompakt zu den anderen. Er kann den Ball halten, ihn fixieren – und es hat uns sehr geholfen, dass er auch mit verteidigt hat“, adelte Favre den jungen Skandinavier. Und der Doppeltorschütze selbst strahlte:
Das sind die Nächte, für die man lebt. Es war fantastisch.

Reyna, der Goldfuß

In das überaus positive Stimmungsbild beim BVB fügte sich mit Giovanni Reyna auch der dritte neue Energiespender dieses Winters ein. Der Sohn des früheren Bundesligaprofis Claudio Reyna kam schon im Sommer 2019 aus New York nach Dortmund, spielte dort zunächst in der A-Jugend, ehe er am Ende des Wintertrainingslagers fest in den Profikader integriert wurde.

Gegen PSG kaum zu stoppen: Dortmunds Giovanni Reyna (vorne)

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Beim Pokal-Aus in Bremen vor zwei Wochen glänzte der 17-Jährige als Einwechselspieler bereits mit einem Traumtor. Nun öffnete er, nach 68 Minuten in die Partie gekommen, Haaland mit einem feinen Steilpass das Tor zum finalen 2:1. "Er bringt sehr viel mit, bewegt sich gut in den Räumen, dreht mit dem Ball auf – was enorm wichtig ist, und was große Fußballer am Ende eben auch ausmacht. Ein toller Typ, der ganz bescheiden ist und Gas gibt“, adelte Abwehrchef Mats Hummels den Teenager aus den USA. Und umriss damit zugleich einen weiteren Grund, warum der BVB mit wachsender Zuversicht in die Zukunft und auf das Achtelfinal-Rückspiel am 11. März in Paris blickt.
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