Am 29. Dezember 2020 wurde Thomas Tuchel bei Paris Saint-Germain offiziell freigestellt.
Weniger als ein halbes Jahr später steht er mit dem FC Chelsea nach überzeugenden Auftritten gegen Real Madrid verdientermaßen im Champions-League-Finale. Er ist damit der erste Trainer überhaupt, der mit zwei verschiedenen Vereinen in aufeinanderfolgenden Spielzeiten das Endspiel erreicht hat.
Es wäre müßig, darüber zu spekulieren, was gewesen wäre, würde Tuchel noch bei PSG an der Seitenlinie stehen. Klar ist aber, dass die Grundvoraussetzungen beim amtierenden französischen Meister mit Sicherheit nicht schlechter sind als an der Stamford Bridge. Dort wurde zwar im vergangenen Sommer unter anderem mit Kai Havertz, Timo Werner oder Hakim Ziyech ordentlich aufgerüstet, die Starpower in Paris ist mit Neymar und Kylian Mbappé aber noch ein Stück weit größer.
Champions League
Fans verärgert: Real-Profi Hazard lacht nach Aus mit Chelsea-Spielern
06/05/2021 AM 07:24
Dennoch ist es nun der FC Chelsea, der nach 2012 wieder im Endspiel der Königsklasse steht, während der Traum vom großen Titel bei Paris weiter auf sich warten lassen muss.

Tuchel nach dem Finaleinzug: "Die Opfer waren es wert!"

Chelsea und Tuchel - das ist bisher eine absolute Erfolgsgeschichte. Als der Deutsche Ende Januar die Nachfolge des glücklosen Frank Lampard antrat, rangierten die Blues mit gerade einmal 29 Punkten nach 19 Spielen auf Platz neun in der Premier League.
Tuchel startete von Beginn an einen Lauf. Chelsea verlor keines der ersten 14 Spiele unter dem neuen Coach. Dann setzte es zwar eine herbe 2:5-Klatsche gegen West Brom, die die Mannschaft aber nicht aus der Bahn warf. Bis heute folgte nur eine weitere Niederlage im Viertelfinal-Rückspiel der Königsklasse gegen den FC Porto (0:1), was aufgrund des 2:0-Hinspielerfolgs aber zum Weiterkommen reichte.

Chelseas Abwehr ist Tuchels Meisterleistung

So kletterten die Londoner sukzessive in der Tabelle und haben als Vierter inzwischen gute Aussichten auf die direkte Champions-League-Qualifikation. Seit Tuchel Trainer ist, holte nur Manchester City (39 Punkte) in der Liga mehr Zähler als Chelsea (32).
Neben der Champions League haben die Londoner zudem noch die Chance auf den FA Cup, nachdem man im Halbfinale ManCity ausschaltete. In nahezu allen Spielen wird deutlich, dass die Blues zu einer echten Ergebnismaschine wurden.
Der Großteil der Siege fällt nur mit einem oder zwei Toren Unterschied aus, was insbesondere an der stark verbesserten Defensive liegt. Tuchel stellte mit seiner Ankunft auf eine Dreierkette um, schenkte vor allem Antonio Rüdiger, Thiago Silva und Andreas Christensen sowie wahlweise César Azpilicueta und Kurt Zouma im Zentrum das Vertrauen.

Antonio Rüdiger (l.) im Gespräch mit Teammanager Thomas Tuchel

Fotocredit: Getty Images

Die Folge: In 18 von 24 Partien spielten die Londoner zu null. Insgesamt gab es in dieser Phase nur zehn Gegentore. Rechnet man den Ausrutscher gegen West Brom heraus, fingen sich die Blues in keinem Spiel mehr als ein Gegentor. Das resultiert derzeit in einem Punkteschnitt von 2,25.
Anerkennung dafür gibt es von allen Seiten. "Er ist sehr detailversessen und bringt extrem gut die taktischen Kniffe rüber. Es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten, und bringt uns alle weiter", schwärmte Chelsea-Verteidiger und Nationalspieler Rüdiger in der "Bild". Auch Ex-BVB-Spieler Nuri Sahin sagte zu "Spox": "Sie spielen taktisch vielleicht den besten Fußball im Moment."

Tuchel: Sportliche Leistung selten Grund für Abschied

All das Lob und die Statistiken untermauern die hervorragenden Fähigkeiten Tuchels als Trainer. Ohnehin schienen sportliche Aspekte nie vordergründig ausschlaggebend dafür gewesen zu sein, warum für den 47-Jährigen bei einer Station Schluss war.
Bei Mainz 05, seinem ersten Klub im Profi-Bereich, stieg er ein Jahr vor Vertragsende aus und nahm sich eine Auszeit. 2015 heuerte er bei Borussia Dortmund an, wo er zweimal die Champions-League-Qualifikation erreichte und 2017 den DFB-Pokal gewann. Nach diesem Titel - der BVB sollte mit Ausnahme des Super Cups bis heute keinen weiteren gewinnen - gaben die Schwarz-Gelben die Trennung von Tuchel bekannt. Unstimmigkeiten mit der Klubführung sollen der Hauptgrund dafür gewesen sein.
Das gleiche Schicksal ereilte Tuchel dann auch Ende 2020 in Paris. Vor allem mit Sportdirektor Leonardo soll es einige Male gekracht haben. Tuchel hatte die Arbeit des Brasilianers teils öffentlich kritisiert, Leonardo wiederum schoss gegen den Deutschen zurück.
Am Ende saß der 60-fache brasilianische Nationalspieler am längeren Hebel und nutzte die erste kleinere Schwächephase, um Tuchel zu entlassen. Zuvor hatte PSG unter dem Deutschen zweimal souverän den Meistertitel geholt und mit dem Erreichen des Champions-League-Finals (0:1 gegen den FC Bayern) den größten Erfolg auf internationaler Ebene eingefahren.

PSG unter Pochettino: Erfolg lässt auf sich warten

Als Mauricio Pochettino von Tuchel übernahm, betrug der Rückstand des Hauptstadtklubs einen Punkt auf die Tabellenspitze. Einige Monate später liegt OSC Lille immer noch einen Punkt vor Paris, dazu kommt das Halbfinal-Aus in der Königsklasse. Ob sich der Trainerwechsel damit gelohnt hat, ist fraglich.
Und Tuchel?
Der gönnte sich dieses Mal keine längere Pause, sondern übernahm nach nur vier Wochen seinen neuen Posten. Ein paar Monate später hat er nun die Möglichkeit, sich in den Geschichtsbüchern zu verewigen – und genau das zu erreichen, woran Paris Saint-Germain bislang immer gescheitert ist. Es wäre der letzte Schritt, der Tuchels Platz in der Liste der ganz großen Trainer untermauern würde.
Das könnte Dich auch interessieren: Fans verärgert - Hazard lacht mit Chelsea-Profis nach Aus

Halbfinal-K.o. gegen Chelsea: Real-Coach Zidane zeigt Größe

Bundesliga
Rassimus-Eklat: Heimatklub erteilt Lehmann Hausverbot
06/05/2021 AM 06:41
Champions League
Kuschelkurs statt Kritik: Werner lässt Silvas Frau ausflippen
05/05/2021 AM 20:25