Real Madrid in der Krise: Kroos ist nur ein Problem von vielen

Toni Kroos steht oft im Kreuzfeuer der Kritik, wenn es bei Real Madrid nicht läuft. So auch aktuell nach der folgenschweren 0:2-Pleite in der Champions League bei Shakthar Donezk, die sogar das Vorrunden-Aus bedeuten könnte. Doch den 30-Jährigen zum alleinigen Gesicht der königlichen Krise zu machen, würde der Sache nicht gerecht werden. Die Probleme der Madrilenen sind deutlich vielschichtiger.

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Es war ein durchaus nachvollziehbarer Reflex. Nach der höchsten Niederlage einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft seit 1931, dem peinlichen 0:6 in Sevilla gegen Spanien, schoss sich die hiesige Medienlandschaft auf Toni Kroos ein.
Mit der Erfahrung von 101 Länderspielen, als Weltmeister, als vierfacher Champions-League-Sieger mit Real Madrid bzw. dem FC Bayern München müsse der 30-Jährige doch in der Lage sein, auf dem Platz die Verantwortung zu übernehmen und die unerfahreneren Spieler zu führen. Mit Sicherheit eine Fähigkeit, die man von einem Spieler der Marke Kroos erwarten können muss.
Nach der 0:2-Pleite von Real Madrid am Dienstagabend in der Champions League bei Schachtjor Donezk ist man nun wieder geneigt, diesem Reflex nachzugeben. Kroos stand 90 Minuten im zentralen Mittelfeld auf dem Feld, konnte dem Spiel seinen Stempel aber genauso wenig aufdrücken, wie es am vergangenen Wochenende bei der 1:2-Heimpleite gegen Deportivo Alaves, als er nach 69 Minuten vom Feld genommen wurde. Doch trotzdem wäre es zu einfach, sich den Deutschen herauszupicken und zum Ursprung allen Übels zu machen.
Kroos ist mit Sicherheit nicht der Spieler, der in schwächeren Spielen vorangeht und den schlingernden Karren wieder auf Kurs bringt. Der gebürtige Greifswalder ist kein typischer Leader, kein wortstarker Anführer auf dem Platz, der seine Kollegen in einer Tour zurechtweist. Das war er nie und wird es vermutlich auch nicht mehr werden.
Dass er diese Rolle nicht ausfüllt, kann man ihm negativ auslegen - keine Frage. Das eigentliche Problem ist aber ein anderes.

Kroos: Es fehlt die Konstanz

Dass Kroos seit Wochen in einem Formtief steckt, kann man nicht behaupten oder noch weniger kann man es mit Statistiken belegen. Ein perfektes Beispiel dafür lieferte er bei seinem Auftritt vor einer Woche im Giuseppe Meazza. In einem schwierigen Spiel bei Inter Mailand musste Kroos seinen Kollegen Casemiro, der nach einem positiven Corona-Test zwar wieder im Kader stand, aber noch nicht zu 100 Prozent fit war, ersetzen. Der Brasilianer gilt als einer der absoluten Schlüsselspieler in Zidanes Spielsystem.
Kroos überzeugte beim 2:0-Sieg in der Modemetropole, spielte defensiv wie offensiv ein nahezu perfektes Spiel - der gute Toni eben.
Er gab im Mittelfeld den Rhythmus vor, war mit 138 Ballaktionen der bekannte Dreh- und Angelpunkt in der Zentrale und brachte ganz nebenbei 97 Prozent seiner Zuspiele zum Mitspieler.
Natürlich fließen auch vermeintlich einfache Quer- oder Rückpässe in solche Statistiken mit ein - doch diese spielte Kroos zu jeder Zeit seiner Karriere und sind ja auch nicht verboten. In Mailand spielte er immerhin 87 seiner 132 Bälle zum Mitspieler in der gegnerischen Hälfte.
Was man Kroos jedoch ankreiden muss, ist die fehlende Konstanz in seinen Leistungen. Der Nationalspieler taucht zu oft ab, ist dann zuweilen fast unsichtbar und nicht in der Lage, das Spiel an sich zu reißen. So geschehen beim 0:6 in Sevilla und auch beim 0:2 in Donezk. "Seine Leistungen in der aktuellen Saison reichen von brillant bis hin zu schrecklich", sagt Felix Martin, La-Liga-Experte von Eurosport in Madrid.
In anderen Worten: Kroos fehlt die Konstanz.

Reals Mittelfeld-Problem: Eine Frage der Alternativen

Dennoch bleibt der ehemalige Bayern-Profi im System von Trainer Zinédine Zidane weiterhin gesetzt - aus guten Gründen, wie Martin erläutert: "Zidane mag es, mit drei zentralen Mittelfeldspielern zu agieren und da fehlen aktuell schlicht und ergreifend die Alternativen, um Kroos rauszunehmen. Casemiro fehlte coronabedingt, Federico Valverde ist noch immer am Schienbein verletzt und Isco wird nie wieder der Spieler werden, der er einmal war."
Zudem könne der junge Norweger Martin Ödegaard die defensive Rolle im Mittelfeld (noch) nicht auf dem Level spielen, wie das Kroos tut. "Es ist für mich also vielmehr eine Frage der Alternativen. Kroos und auch Modric können noch nicht gleichwertig ersetzt werden."
Das jedoch müsste immer häufiger passieren, denn die Leistungsschwankungen der beiden langjährigen Real-Profis haben aufgrund ihrer zentralen Rollen großen Einfluss auf die Stabilität der gesamten Mannschaft.

Real Madrid: Es wird eng für Zidane

An dieser Stelle ist auch der Trainer gefordert. Zidane muss Lösungen finden, schwächelnde Profis zu ersetzen oder ihnen die nötigen Verschnaufpausen zu geben, ohne gleich den Teamerfolg zu gefährden.
In der spanischen Liga sollte das gegen einen Großteil der Gegner eigentlich möglich sein - ist es aktuell aber nicht.
Laut einem Bericht der "El Mundo" soll Zidane deshalb kurz vor dem Aus bei den Königlichen stehen. Über die Zukunft des Trainers soll demnach in einem internen Krisentreffen entschieden werden. Real-Präsident Florentino Perez soll sich für eine Entlassung von Zidane stark machen.
Ob es soweit kommt hängt vor allem von den kommenden Spielen ab. In einer Woche geht es im direkten Duell mit Borussia Mönchengladbach (Mittwoch, ab 21:00 Uhr im Liveticker) um die K.o.-Phase in der Königsklasse.
Zidane wird mit großer Wahrscheinlichkeit wieder auf Kroos setzen. Bleibt für den Franzosen zu hoffen, dass der 30-Jährige einen seinen guten Tage hat.
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Quelle: Perform

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