Hans-Dieter Flick hatte soeben sein erstes Champions-League-Spiel als Trainer des FC Bayern München verloren, doch der 56-Jährige war nicht dazu aufgelegt, irgendwem Vorhaltungen zu machen.
2:3 hatte seine Mannschaft soeben das Viertelfinal-Hinspiel zuhause gegen Paris Saint-Germain verloren und damit eine Serie von 19 Spielen ohne Niederlage im Europacup (davon 18 Siege) abreißen lassen.
"Die Art und Weise, wie wir gespielt haben – das war beeindruckend", sagte Flick jedoch etwas überraschend: "Klar hätten wir gerne ein anderes Ergebnis gehabt. Wir hätten mit den Chancen, die wir hatten, auch mit den drei Gegentoren ein gutes Ergebnis erzielen können."
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So sah es auch Thomas Müller. "Wir müssen deutlich mehr Tore machen. Natürlich kann man auch über die Gegentore diskutieren. Aber wenn's 5:3 oder 6:3 ausgeht, kann sich auch keiner beschweren", meinte der Ur-Bayer.
Spielbericht: Bayern scheitert gegen PSG am eigenen Chancenwucher
Was uns im Spiel in der Allianz Arena auffiel.

1. Bayern vermisst Lewandowski hart

Um die Güte von Torchancen statistisch zu erfassen, haben Experten den "xG"-Wert erfunden – kurz für "expected goals". Diesen Wert konnte man am Mittwochabend getrost vergessen, weil die Bayern so ziemlich alles verballerten, was ihnen vor die Flinte kam.
Schon in der Anfangsviertelstunde brummkreiselten die Bayern mehrfach durch den PSG-Strafraum, so dass man sich zwangsläufig fragte, wie Robert Lewandowski die Pariser Abwehr an diesem Abend wohl misshandelt hätte – wäre er nicht mit einer Bänderdehnung im Knie auf der Couch gelegen.
Nach 92 Minuten hatten die Bayern tatsächlich 31-Mal aufs Tor von Keylor Navas gefeuert, den Ball aber nur zweimal darin untergebracht. Ein klarer Malus, der aber nicht nur mit dem Fehlen des Weltfußballers zu erklären ist. So schlossen die Bayern ihre Angriffe oft sehr halbherzig, zu unpräzise (von den 31 Schüssen gingen nur zwölf aufs Tor) und mitunter sogar dilettantisch ab – Leon Goretzka (19.) und David Alaba (86.) versiebten die hochkarätigsten Möglichkeiten.
"Trotzdem war ich mit der Mannschaft sehr zufrieden", meinte Flick: "Ich verliere nicht gerne, aber so wie wir gespielt haben, war es top." Die Effizienz sei jedoch "nicht gut" gewesen.
Lewandowskis nominellem Ersatz Eric Maxim Choupo-Moting konnte man dabei wirklich keinen allzu großen Vorwurf machen, hatte der Ex-PSG-Angreifer doch immerhin zwischenzeitlich mit einem sehenswerten Kopfball das 1:2 erzielt (38.) und den Bayern damit wieder Leben eingehaucht.
Insgesamt gab der 32-Jährige fünf Torschüsse ab (inkl. Lattenkopfball, 2.) und legte drei weitere auf. Lediglich die Laufwege des Deutsch-Kameruners waren logischerweise noch nicht so eingeschliffen, wie die des Paradestürmers – so konnte PSG gerade Situationen, die Bayern gerne zum Durchstecken nutzt, gut wegverteidigen.
Dass man Choupo-Moting durchaus gut mit Flanken füttern kann, penetrierten die Münchner dafür zu wenig. Das Eckenverhältnis von 15:1 nutzte man auch nicht wirklich. Achja, der xG-Wert: der lag am Ende bei 4,2 zu 1,4. Aber das konnte man ja vergessen.

2. Neymar und Mbappé sezieren die Bayern-Abwehr

Egal, wie leidenschaftlich sich die Bayern gegen die Niederlage stemmten – Kylian Mbappé und Neymar waren am Mittwochabend ein Level zu gut, zu schnell, zu trickreich für die Münchner. So war der PSG-Sieg vor allem einer der individuellen Klasse, was den Bayern, normalerweise selbst oft Nutznießer der Ausnahmequalitäten ihrer Stars, nicht gerade häufig passiert.

Flick vielsagend über Boateng-Abschied: "Muss schauspielern"

Letztlich bekam Paris nämlich genau das Spiel – und das Ergebnis! – dass sich das Team von Mauricio Pochettino ausgemalt hatte. "Wir haben vorne unglaubliche Geschwindigkeit, vor allem mit Kylian. Das wollten wir ausnutzen", sagte Julian Draxler. Klappte gut. "Wir waren sehr effektiv, haben drei Tore gemacht, ohne viele Ballbesitzphasen zu haben", freute sich der Deutsche in Diensten der Pariser.
Die drei Gegentore, übrigens schon die Pflichtspielgegentreffer 48, 49 und 50 der Bayern-Saison, hatten sich die Münchner aber auch selbst zuzuschreiben. Beim 0:1 lief zunächst David Alaba ins Nichts und entblößte so Niklas Süle als letzten Mann, ehe Manuel Neuer auch noch Mbappés keineswegs platzierten Schuss durch die Hosenträger ins Tor abtropfen ließ (3.).
Dabei hatte Flick vorher noch davor gewarnt, die Restverteidigung nicht einfach aufzugeben. Beim 0:2 pennte dann Süle, der nach einem in die Mitte geklärten Kopfball nur sehr tanzbärig hinten rausrückte und nach Neymars Halbfeldflanke auch viel zu schwerfällig schaltete – PSG-Kapitän Marquinhos sagte Danke (28.).
Beim 2:3 (68.) war es dann der für Süle eingewechselte Jérôme Boateng, der Mbappé äußerst hilflos gegenüberstand und nicht aggressiv genug auf den Block ging – Nebenmann Lucas Hernández hätte Boateng aber auch noch zusätzlich unterstützen können statt, nur den Raum zu decken. "Alle drei Tore waren zu verhindern, deswegen tut es uns umso mehr weh", sagte Flick.
Für Mbappés war das Siegtor indes bereits Saisontreffer Nummer acht in der Champions League. Neymar war dafür in sechs Spielen gegen Bayern nun schon an sieben Toren beteiligt (vier Treffer, drei Assists) – Kennzahlen großer Qualität. "Unsere Effizienz hat den Ausschlag gegeben. Wir haben fast alle unsere Chancen gemacht. Aber noch ist nichts gewonnen", sagte Mbappé.
Umgekehrt leistete sich Bayerns Defensive, die in nur einem der letzten acht Champions-League-Spiele die Null hielt, mindestens ein Fehler zu viel für Top-Vier-Niveau. Und allein das lässt ein Weiterkommen ins Halbfinale nun nur noch äußerst fragwürdig erscheinen.

3. Bayerns Sorgen vergrößern sich

Bayern-Coach Hans-Dieter Flick musste gegen PSG früher wechseln, als ihm das lieb war – schon in der ersten Halbzeit meldeten sich Goretzka (33.) und Süle (42.) mit Muskelverletzungen ab, was die Bayern-Aussichten für das Rückspiel in nur sechs Tagen noch düsterer erscheinen lässt.
Misstöne bei Bayern: Goretzka-Verletzung sorgt für Knatsch
Paradoxerweise verschaffte Goretzkas Aus den Bayern am Mittwoch sogar ein bisschen mehr Stabilität: Mit Davies kam ein flinker Mann für die linke Seite, der den Pariser Speed im Angriff zumindest ansatzweise matchen konnte; Lucas Hernández rückte dafür in die Innenverteidigung, wo er weniger riskante Antizipationsmanöver als Alaba fuhr. Der Österreicher bessert wiederum fortan die Zweikampfbilanz im Mittelfeld ein bisschen auf.
Nach der Einwechslung von Boateng für Süle noch vor der Halbzeit reagierte Flick allerdings nicht mehr mit frischen Kräften von außen, was zumindest ansatzweise nachvollziehbar war; als einzige offensive Option saß dort ohnehin nur der erst 18 Jahre alte Jamal Musiala, den der Bayern-Trainer offenbar nicht sonderlich für das physisch herausfordernde Spiel geeignet hielt, um dafür beispielsweise den äußerst glücklos agierenden Leroy Sané runterzunehmen.

Leroy Sané - FC Bayern München vs. Paris Saint-Germain

Fotocredit: Eurosport

Ansonsten hatte Flick auch nur noch Oldie Javier Martínez, den nach vielen Verletzungen gerade erst genesenen Innenverteidiger Tanguy Nianzou (18) und den so gut wie nie eingesetzten Rechtsverteidiger-Backup Bouna Sarr neben Ersatztorwart Alexander Nübel sitzen – keine gute Auswahl.
Da sich fürs Rückspiel weder Lewandowski, noch Serge Gnabry (Covid), Douglas Costa (Haarriss im Fuß) oder Corentin Tolisso (Sehnenriss im Oberschenkel) anbieten werden, darf man dann wohl getrost vom letzten Aufgebot der Bayern sprechen.
"Natürlich dürfen sich jetzt nicht nochmal drei, vier Spieler wehtun", meinte Müller nach dem Spiel dann auch angemessen verzweifelt, setzte aber schon alles auf die Trotzkarte: "Wir müssen den Mund abputzen und den vollen Fokus drauflegen, es nächsten Dienstag besser zu machen. Wir haben schon die Überzeugung, noch weiterkommen zu können."
"Der Kader wird immer dünner, aber wir machen das Beste draus. Ich habe der Mannschaft auch gesagt: Kompliment für das, was sie gezeigt hat", meinte dagegen Flick und forderte: "Wir müssen die Energie so umwandeln, dass wir sie am Dienstag voll auf hundert Prozent haben und das Spiel dann für uns entscheiden."
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