Deutschland - Israel: Nico Schlotterbeck patzt bei DFB-Debüt - Mertesacker wirft Freiburger "Arroganzanfall" vor
Publiziert 27/03/2022 um 11:07 GMT+2 Uhr
Die deutsche Nationalmannschaft ist erfolgreich in das WM-Jahr gestartet. Beim 2:0 (2:0) im Test gegen Israel überzeugte speziell Nico Schlotterbeck bei seinem DFB-Debüt - bis zur Nachspielzeit, als sich der Freiburger einen "Arroganzanfall" leistete, wie Ex-Weltmeister Per Mertesacker kritisierte. Auch bei Bundestrainer Hansi Flick schrillten nach Schlotterbecks Patzer die Alarmglocken.
Nico Schlotterbeck - Deutschland
Fotocredit: Imago
Nüchtern betrachtet war es ein Pflichtsieg, ein glanzloser Auftritt - aber eben doch ganz nett und gerne genommen als Länderspiel-Auftakt ins WM-Jahr. Mit 2:0 gewann das DFB-Team locker und souverän in Sinsheim gegen Israel.
Damit konnte Bundestrainer Hansi Flick acht Monate vor dem Start der Winter-WM in Katar seinen Startrekord ausbauen und steht nun bei acht Siegen in acht Partien.
Beim ersten WM-Casting gegen den dezent und eher harmlos auftretenden 77. der FIFA-Weltrangliste standen hinterher allerdings nicht die Treffer der beiden Chelsea-Legionäre Kai Havertz und Timo Werner im Vordergrund, sondern die Schludrigkeit der letzten Minuten des Spiels.
Zunächst setzte der zur Pause eingewechselte Thomas Müller in seinem 111. Länderspiel einen Foulelfmeter in der 89. Minute vehement an den Pfosten, danach verursachte Debütant Nico Schlotterbeck einen Strafstoß, den Kevin Trapp, die Nummer drei im DFB-Tor, in der dritten Minute der Nachspielzeit stark parieren konnte.
Flick mäkelt: "Das muss ein Lernprozess für uns und auch für Nico sein"
Diese beiden Szenen hallten lange nach an diesem Abend im Hoffenheimer Stadion. Die Partie stand für Flick unter dem Motto: Den Spagat wagen zwischen Einspielen und Experimentieren. System und Philosophie sollten verfeinert werden, andererseits Neulinge wie Anton Stach (FSV Mainz) und eben Schlotterbeck (SC Freiburg) getestet werden.
Kader-Rückkehrer wie Julian Draxler (Paris Saint-Germain) und Julian Weigl (Benfica Lissabon) durften sich beweisen. Was angesichts des Fehlens von arrivierten Kräften wie Joshua Kimmich, Niklas Süle, Leon Goretzka, Marco Reus, Robin Gosens sowie den Youngstern Florian Wirtz und Karim Adeyemi auch gut möglich war.
Bundestrainer Flick zeigte sich angesichts des üblichen Charakters eines Freundschaftsspiels und der bunt zusammengestellten Mannschaft nicht unzufrieden - mildernde Umstände eben. "Die Mannschaft hat versucht, den Gegner unter Druck zu setzen. Ein bisschen hat die Effizienz gefehlt, da haben wir Luft nach oben", analysierte der Löw-Nachfolger uns sagte:
"Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Die Freude wäre ein bisschen getrübt gewesen, wenn wir am Ende das Gegentor bekommen hätten. Das hat gezeigt, dass man im Fußball über 90 Minuten hochkonzentriert sein muss. Das muss ein Lernprozess für uns und auch für Nico sein, der ansonsten ein gutes Spiel gemacht hat."
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Nico Schlotterbeck (Deutschland) bei seinem DFB-Debüt gegen Israel
Fotocredit: Getty Images
Schlotterbeck der fünfte Debütant der Ära Flick
Tatsächlich war der 22-jährige Schlotterbeck einer der Auffälligsten im DFB-Team. Der Innenverteidiger arbeitete aggressiv nach hinten, war in den Zweikämpfen bissig und machte das Spiel nach vorne durch gute Pässe in die Spitze schnell. Seine Einordnung der Defensivleistung: "Wir standen von der Grundordnung hinten souverän, haben nicht viel zugelassen. Es war von uns ein ganz gutes Spiel. In der letzten Viertelstunde hatten wir zu viele Ballverluste."
Der fünfte Debütant der Ära Flick war neben Leverkusens Jonathan Tah eine echte Empfehlung als Alternative zum wohl gesetzten Innenverteidiger-Pärchen Antonio Rüdiger (geschont) und Niklas Süle (verletzt). Wäre da nicht der kurze Blackout in der Nachspielzeit gewesen. Im eigenen Strafraum verschluderte er beim Abspiel gegen Yonatan Cohen den Ball. Der Israeli konnte diesen wegspitzeln, Schlotterbeck nur noch dessen Fuß treffen - Elfmeter.
Nach Abpfiff nahm sich Flick sofort Schlotterbeck zur Seite. "Nico und ich haben über die Situation gesprochen. Er hat das auch ganz klar so analysiert wie wir als Trainerteam, das ist schon mal ein guter Schritt", meinte Flick über den einsichtigen Linksfuß. "Die letzte Aktion war hoffentlich eine gute Lehre für ihn. Er kann aber mit seinem Debüt wirklich zufrieden sein. Er hat ein gutes Spiel gemacht, war sehr präsent und aktiv.“ Einsicht und Selbstkritik sind stets die ersten Schritte. "Das war einfach schlecht in der Situation", meinte der Freiburger.
"ZDF"-Experte Per Mertesacker, als Innenverteidiger 2014 in Brasilien Weltmeister geworden, sprach von Arroganz. "Würde ich nicht sagen", konterte Schlotterbeck keck, "das war eine Unkonzentriertheit, die mir nicht passieren darf. Ich muss mich bei Kevin bedanken, dass er den Elfmeter hält. So ist es noch ganz glimpflich für mich ausgegangen."
Schlotterbeck: Wechsel zu Bayern oder zum BVB?
Es wird nicht Schlotterbecks letztes Länderspiel gewesen sein, dafür ist er schlicht zu gut. Der zweikampfstarke Typ mit den Wasserstoff-blondierten Haaren muss für diesen Sommer eine weitreichende Entscheidung treffen. Nicht in Sachen Haarfarbe, sondern sportlicher Zukunft: In Freiburg bis zum Vertragsende 2023 bleiben oder zum FC Bayern beziehungsweise Borussia Dortmund wechseln, die sich beide um den Shootingstar der Saison bemühen.
"Natürlich besteht die Möglichkeit, dass ich im Sommer gehe. Ein Wechsel ist sehr wahrscheinlich, aber entschieden ist noch nichts", erklärte er diese Woche gegenüber "Sport1", relativierte jedoch: "Ich schließe auch nicht aus, dass ich in Freiburg bleibe. Wir werden uns nach der Saison zusammensetzen. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich in Freiburg noch entwickeln kann, dann bleibe ich."
Geht er, hat er zwei Optionen: Nachfolger des aktuell verletzten Niklas Süle (Reha nach leichtem Muskelfaserriss) bei Bayern zu werden, der im Sommer ablösefrei zum BVB wechselt oder eben mit Süle ein Innenverteidiger-Pärchen in Dortmund bilden. Früher habe er, Schlotterbeck, "Boateng und Hummels zugejubelt", nun sei er "ein großer Fan von Niklas Süle, von seiner Spielweise und wie er das alles handhabt. Er ist ein ruhiger Spieler, der auf dem Feld total seriös ist." Passendes Vorbild.
Flick warnt: "Bei einer WM kann so was tödlich sein"
Dabei hatte Flick schon so eine Vorahnung, betonte am Freitag, Schlotterbeck habe eine "enorm gute Entwicklung hinter sich", sei aber "manchmal noch zu bequem, dann nimmt er sich einen Tick zu sehr raus." Seine Forderung: "Aber dafür, wie wir Fußball spielen wollen, muss er immer aktiv sein." Gesagt, gepatzt. Aus Schaden wird man klug - und besser.
Schlotterbecks Missgeschick nimmt Flick nun stellvertretend für die gesamte Mannschaft und den Lernprozess mit Blick auf die WM in Katar. "Auf diesem Niveau muss man einfach 90 Minuten konzentriert sein. Man darf keine Fehler machen", mahnte der Bundestrainer. Denn, so die Warnung: "Bei einer Weltmeisterschaft kann so was in der 90. Minute tödlich sein." Schlotterbeck dürfte seine Sinne nun geschärft haben.
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Quelle: Eurosport
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