Für Jadon Sancho war es eine Europameisterschaft zum Vergessen.
Der Edeltechniker war bei der EURO 2020 unter Trainer Gareth Southgate nur zweite Wahl. Der 50-Jährige setzte lieber auf andere Offensivkräfte wie Kapitän Harry Kane, Bakayo Saka, Mason Mount oder Raheem Sterling. Doch ausgerechnet im entscheidenden Elfmeterschießen sollte der 21-Jährige es für eine ganze Nation richten. Ein enormer Druck – dem der Angreifer letztlich nicht standhielt.
Betrachtet man die Leistungen des Flügelspielers, dann ist Sancho definitiv ein Verlierer der Europameisterschaft: nur 97 Einsatzminuten in drei Spielen, null Tore und ein entscheidender verschossener Elfmeter.
EURO 2020
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Im ersten Gruppenspiel gegen Kroatien (1:0) musste der 21-Jährige sogar auf der Tribüne Platz nehmen, in der zweiten Begegnung gegen das benachbarte Schottland (0:0) stand er zwar im Kader, saß allerdings 90 Minuten auf der Bank. Im letzten Vorrundenspiel gegen Tschechien (1:0) wechselte Southgate ihn erst sechs Minuten vor Abpfiff ein.
Im Achtelfinale gegen Deutschland (2:0) saß Sancho erneut nur auf der Bank. Erst im Viertelfinale gegen die Ukraine (4:0) stand er das erste Mal in der Startelf, wurde im darauffolgenden Halbfinal-Duell mit Dänemark jedoch bereits wieder auf die Ersatzbank zitiert.

Sancho wird im Finale zur tragischen Figur

Das Finale gegen Italien wurde dann für Sancho zum traurigen Tiefpunkt der EM: Southgate, der ihn über den gesamten Turnierverlauf weitgehend ignorierte, wechselte ihn in der letzten Minute der Verlängerung ein, mit der Prognose, dass Sancho beim Elfmeterschießen verwandeln würde. Ein Szenario, das nicht eintraf, Sancho, der im Laufe des Turniers aufgrund des fehlenden Vertrauens weder Selbstbewusstsein noch Selbstverständnis entwickeln konnte, wurde von der enormen Last in die Knie gezwungen - und vergab vom Punkt.
Coach Southgate übte im Anschluss ans Endspiel Selbstkritik: "Das geht auf meine Kappe. Ich habe die Schützen nach den Trainingseindrücken ausgesucht. Niemand ist allein. Wir haben gemeinsam gesiegt, und es liegt an uns allen, dieses Spiel nicht gewonnen zu haben. Was die Elfmeter angeht, ist es meine Entscheidung, und ich muss dafür geradestehen."
Sancho und Marcus Rashford seien im Elfmetertraining "die mit Abstand Besten" gewesen, begründete der Trainer bei "ITV" seine folgenreiche Fehlentscheidung, die beiden eigens fürs Elfmeterschießen einzuwechseln. "Wenn man all seine Offensivspieler bringen will, muss man es spät machen. Das war riskant, aber wenn wir es früher riskiert hätten, hätten wir das Spiel vielleicht noch in der Verlängerung verloren."
Southgate hatte offenbar während des Spiels kein Vertrauen in Sancho. Eine enorm schwierige Situation für den 21-Jährigen und aufgrund dieser Umstände keine große Überraschung, dass die Bürde zu groß wurde. Und so wurde Sancho neben Rashford und Saka zu einer der drei tragischen Figuren im Finale.
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Sancho muss sich bei Manchester United neu beweisen

Für Sancho ist dies eine neue Situation. Denn aus Dortmund ist er etwas anderes gewohnt: Beim BVB war er aus der Startelf nicht wegzudenken, stets wichtig für den Spielausgang und die BVB-Bosse waren sich Sanchos Qualitäten als Unterschiedsspieler bewusst. Vergangene Saison schoss er in 38 Pflichtspielen 16 Tore und bereitete 20 Weitere vor, er war der viel zitierte X-Faktor in Dortmund und zeigte nicht selten, dass er auf großer Bühne zu großer Form auflaufen kann - unter anderem mit jeweils zwei Toren gegen Leipzig (3:2) im Bundesligaschlussspurt und dem 4:1 gegen die Roten Bullen im DFB-Pokal-Finale von Berlin.
Während der EM gelang nichts dergleichen. Ein schlechter Zeitpunkt, denn Sancho wird nicht mehr in die ganz persönliche Wohlfühloase namens Dortmund zurückkommen. Der seit dem Sommer 2020 laufende Transfer-Poker um ihn fand jüngst bekanntermaßen ein Ende: Sancho wechselt kommende Saison zu Manchester United.
Beide Klubs haben eine "grundsätzliche Einigung" erzielt, die Red Devils sollen inklusive Bonuszahlungen bis zu 95 Millionen Euro berappen. Er soll beim Team von Ole Gunnar Solskjaer einen Fünfjahresvertrag erhalten.
Das Kapitel Bundesliga ist demnach für Sancho zu Ende, in der Premier League muss er sich jetzt erst einmal komplett neu beweisen.
Und das wird keine einfache Aufgabe, die Erwartungen auf der Insel sind hoch. Er muss bei den Red Devils jetzt zeigen, dass er der Spieler ist, der aufgrund seines Tempodribblings und seinem Zug zum Tor immer für unvorhersehbare Aktionen gut ist und - ähnlich wie in Dortmund - auch beim englischen Rekordmeister zum Unterschiedsspieler avancieren kann. Dass er das nötige Rüstzeug dafür mitbringt, ist unbestritten, einzig der Kopf muss mitspielen. Wie schnell er das Tal, das er am Sonntagabend durchschreiten musste, wieder verlässt, bleibt zunächst abzuwarten.

Sancho muss Blick nach vorne richten

Tiefpunkte gehören im Sport nicht nur dazu, sie können mitunter sogar hilfreich für den weiteren Verlauf der Karriere sein. Wer im Fußball erfolgreich sein möchte, muss auch lernen, mit Druck und Rückschlägen umzugehen. Sancho ist nicht der erste Star, der in einem prestigeträchtigen Elfmeterschießen vergab. Ehemalige Weltklassespieler wie Uli Hoeneß, David Beckham, Roberto Baggio oder Bastian Schweinsteiger mussten ganz ähnliche Erfahrungen machen, auch Sanchos Trainer Southgate weiß, wie es sich anfühlt, vom Punkt zu scheitern. Im Halbfinale bei der EM1996 parierte Deutschlands Torhüter Andreas Köpke Southgates Versuch und beendete seinerzeit sämtliche englische Titelhoffnungen.
Das jüngste Beispiel der EM ist Superstar Kylian Mbappé. Der 22-jährige Franzose verlor die Nerven und verschoss im Achtelfinale gegen die Schweiz den entscheidenden Elfmeter.
Doch diese genannten Beispiele zeigen auch, dass es menschlich ist, in solchen Momenten "zu versagen", eine Weltkarriere verbaut man sich mit einem vergebenen Elfmeter nicht. Sancho muss den Blick jetzt nach vorne richten, die verkorkste EM hinter sich lassen und sich aus dem Loch rauskämpfen. Denn sein Ansehen bei ManUnited ist hoch, von ihm werden dort Top-Leistungen erwartet.
Für Sancho beginnt bei den Red Devils ein neues Kapitel. Es bleibt ihm zu wünschen, dass er die nötige Stärke aufbringt - und besonders all jenen, die ihn nach dem Finale auf die denkbar ekelhafteste Art und Weise rassistisch beleidigten, zeigt, wozu er imstande ist.
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