DFB-Kapitänin Alexandra Popp vom VfL Wolfsburg im Interview: "Mein Bauch entscheidet, ob ich die WM spiele"

DFB-Kapitänin Alexandra Popp überragte bei der Europameisterschaft in England mit sechs Toren. Ob die 31-Jährige vom VfL Wolfsburg bei der Weltmeisterschaft im kommenden Sommer auflaufen wird, ließ sie im Interview mit Eurosport.de allerdings offen: "Mein Bauch entscheidet, ob ich die WM spiele." Vor dem Bundesligaspiel gegen Bayer Leverkusen sprach Popp mitunter auch über strukturelle Probleme.

Popp hofft auf "offenen Schlagabtausch" gegen Leverkusen

Quelle: Eurosport

Im zurückliegenden Sommer sorgte Alexandra Popp mit der deutschen Nationalmannschaft in England für Furore und scheiterte erst im Endspiel von Wembley 1:2 an den britischen Gastgeberinnen.
Die Entwicklung seit der EM empfinde sie "als unheimlich positiv", sagt die DFB-Kapitänin im Interview mit Eurosport.
Ob sie die EM-Heldinnen auch im kommenden Sommer bei der Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland auf das Feld führen wird, ließ die Offensivspielerin aber offen. "Mein Bauch entscheidet, ob ich die WM spiele oder nicht", erklärte sie.
Am Freitagabend trifft Popp im Bundesliga-Topspiel mit dem VfL Wolfsburg auf Bayer 04 Leverkusen (ab 18:50 Uhr live im Free-TV bei Eurosport 1 und bei discovery+). Im Interview mit Eurosport.de sprach sie über Gegner Leverkusen, die Entwicklung seit der Europameisterschaft und strukturelle Rückstände in der Bundesliga.
Das Interview führte Pascal Steinmann.
Frau Popp, Sie haben am vergangenen Wochenende mit dem VfL Wolfsburg bei einer starken TSG Hoffenheim in der Schlussphase das Spiel noch gedreht und 2:1 gewonnen. Wie ist diese Energieleistung in den letzten Minuten zu bewerten?
Alexandra Popp: Es ist extrem positiv, dass wir als Mannschaft den Willen und die Mentalität aufgebracht haben, das Ergebnis noch umzubiegen. Grundsätzlich waren wir das spielbestimmende Team, die Hoffenheimerinnen haben aber unheimlich intensiv verteidigt und standen brutal tief. Wir hatten dennoch das Selbstbewusstsein, das Spiel auch in kurzer Zeit noch drehen zu können.
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Alexandra Popp feiert mit den Wölfinnen das Tor gegen die TSG Hoffenheim

Fotocredit: Imago

Über die 90 Minuten hatte man den Eindruck, dass die TSG sich besonders auf Sie konzentriert hatte. Nehmen Sie seit Ihrer starken EM eine intensivere Bewachung wahr?
Popp: Ich habe das auch so empfunden, dass vor allem die Innenverteidigerinnen einen besonderen Fokus auf mich gelegt haben. Ich finde das aber nicht schlimm, weil das bedeutet, dass anderswo Räume entstehen. Die Spielerinnen haben gesehen, wie gefährlich ich sein kann. Für mich ist das aber eine positive Auszeichnung.
Der VfL Wolfsburg hat in den zurückliegenden acht Jahren den DFB-Pokal gewonnen und fünf der vergangenen sechs Meisterschaften für sich entschieden, ist also ähnlich wie der FC Bayern München bei den Männern das Non-Plus-Ultra. Wie gelingt es Ihnen als Team, sich gerade nach der kräftezehrenden Europameisterschaft mit kurzer Vorbereitung immer wieder aufs Neue zu motivieren?
Popp: Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Man muss die Kräfte und Qualitäten jedes Mal neu auf den Platz bringen, die Spiele sind alle unterschiedlich. Das macht das Ganze unberechenbar, aber auch spannend. Die Momente, in denen man die Titel feiert, sind unheimlich schön. Am Ende der Saison einen Pokal in die Höhe zu stemmen, macht die Arbeit wieder wett. Es ist Motivation genug, die Möglichkeit zu haben, um Titel zu spielen.
Inwieweit spüren Sie nach der Europameisterschaft eine gewisse mentale und körperliche Müdigkeit?
Popp: Jetzt nicht mehr (lacht). Am Anfang war es schwierig, da wir nur eine Woche Pause hatten. Ich habe im Verlauf der Vorbereitung sicherlich eineinhalb Wochen benötigt, um mich zu fangen. Aber momentan macht es mir unheimlich viel Spaß: Der Körper und der Kopf sind in einem guten Zustand. Spielerisch habe ich sehr viel Freude am Fußball - und mehr brauche ich nicht.
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Popp schwärmt: "Mehr brauche ich nicht"

Quelle: Eurosport

Den Spaß hat man Ihnen in England angesehen. Das Turnier liegt nun zwei Monate zurück. Wie haben Sie diese Euphorie und diesen Hype seither erlebt?
Popp: Ich empfinde die Entwicklung als unheimlich positiv, dass Medien oder Sponsoren viel mit uns machen. In der Bundesliga erkennt man auch nach zwei Spieltagen an den Zuschauerzahlen, dass etwas entstanden ist. Und natürlich hoffe ich, dass wir diese Welle weiterreiten können und der Verband sowie die Vereine weiterhin dranbleiben, diesen Trend zugunsten des Frauenfußballs zu nutzen.
Als Kapitänin und Top-Torschützin der deutschen Mannschaft bei der EURO 2022 stehen Sie derzeit medial im besonderen Rampenlicht. Wie nehmen Sie das gesteigerte Interesse an Ihrer Person wahr?
Popp: Es ist eigentlich total verrückt, denn vor dem Turnier war ich abgeschrieben und plötzlich war ich gefühlt "die Größte". Aber ohne meine Mannschaft hätte ich dort nicht gestanden und nun nicht die Möglichkeit, den Frauenfußball so gut repräsentieren zu können.
Wie meinen Sie das?
Popp: Für mich steht das Team immer im Vordergrund und nicht ich selbst. Natürlich ist es für mich derzeit als Person und Spielerin aber ein Optimalfall. Momentan habe ich sehr viel Spaß an den ganzen Anfragen, die ich wahrnehmen darf. Sicher ist es das eine oder andere Mal auch stressig, weil man im Zusammenspiel mit dem Trainingsplan viel organisieren muss.
Wie äußert sich das für Sie?
Popp: Man muss sich die Frage stellen: Welchen Termin kann man wahrnehmen und welchen nicht? Aber die Dinge, die ich bisher zugesagt habe, haben total viel Spaß gemacht.
Inwieweit ist es schwierig, sich bei all dem Trubel um Ihre Person mit den ganzen Terminen auf den Fußball zu fokussieren?
Popp: Der Sport hat oberste Priorität. Wenn ich das Gefühl habe, dass es zu viel ist oder uns eine Anfrage erreicht, die nicht mit dem Trainings- oder Spielplan kompatibel ist, dann würde ich immer den Fußball vorziehen. Das ist mein Beruf, den ich im Moment auch sehr gerne ausübe.
Sie haben einmal gesagt, dass sie selbst als Kind lange nicht wussten, dass es eine Frauen-Nationalmannschaft gibt. Wie fühlt es sich an, dass nun Mädchen in Ihrem Trikot trainieren - und wie wichtig sind derlei Vorbilder für die Entwicklung des Frauenfußballs?
Popp: Ich bin froh, dass es Mädels gibt, die uns verfolgen. Das bedeutet, dass sich in den Jahren, seit ich in dem Alter war, eine Menge entwickelt hat. Natürlich ist es ein schönes Gefühl, als Vorbild zu fungieren. Es sind aber nicht nur Mädels, sondern auch Jungs oder auch schon Erwachsene, die sich einen zum Vorbild nehmen.
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Alexandra Popp bei der EM-Feier in Frankfurt

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Wie fühlt sich das für Sie an?
Popp: Es macht einen stolz, Menschen mit Kleinigkeiten - nämlich dem Fußball und Authentizität - begeistern zu können. Es ist unheimlich wichtig, dass es Personen gibt, zu denen man aufschauen kann. Man bekommt eine gewisse Orientierung, was in einer Entwicklung bei Kindern sehr bedeutend ist. Insofern bin ich froh, ein Vorbild sein zu können.
Sie haben kürzlich in einem Podcast die Rahmenbedingungen in der Bundesliga als eine "Katastrophe" bezeichnet. Was haben Sie damit konkret gemeint?
Popp: Hier beim VfL Wolfsburg sind wir stark aufgestellt, da kann ich nicht von schlechten Rahmenbedingungen sprechen. Wir haben mehrere Trainingsplätze, unseren eigenen Kraftbereich und eine gute medizinische Abteilung. Aber es geht um viele andere Mannschaften.
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Start in der Frauen-Bundesliga: EM-Heldin Magull im XXL-Interview

Quelle: Eurosport

Welche Probleme sprechen sie da an?
Popp: Es gibt Teams, die drei Stunden vor einer Einheit nicht wissen, auf welchem Platz oder in welchem Ortsteil sie trainieren, die keinen festangestellten Physiotherapeuten haben oder bei denen die Mädels ihre Trainingskleidung selbst waschen müssen. Wir sprechen von der 1. Bundesliga. Da müssen Dinge wie diese Standard sein, um das bestmögliche aus den Spielerinnen herauszuholen. Von ihnen wird hundert Prozent Leistung auf dem Platz erwartet, dann sollten sie auch hundertprozentige Qualität in ihrem Umfeld vorfinden.
Wen sehen Sie in der Verantwortung, diese Entwicklung voranzutreiben?
Popp: Es ist ein Zusammenspiel zwischen den Vereinen und dem Verband. Da würde ich niemandem direkt den Schwarzen Peter zuschieben wollen. Aber natürlich werden für die Umsetzung Gelder benötigt, die wiederum generiert werden müssen. Dazu braucht man Sponsoren, die man akquirieren muss. Für die Vereine stellt sich die Frage, ob man das zu hundert Prozent angehen möchte. Das gilt für den Verband genauso, da greift ein Zahnrad in das andere.
Sind die Klubs bereit, das mit vollem Einsatz anzugehen?
Popp: Es fällt mir schwer, das zu beurteilen. Über diese Thematiken sprechen wir nicht erst seit gestern. Es entsteht das ein oder andere Mal der Anschein, dass man nicht das Optimum herausholt. Aber mir fehlt der Einblick in die Arbeit der Vereine, um das genau zu bewerten.
Wenn man sich die Tabelle der vergangenen Bundesligasaison anschaut, fällt auf, dass acht der ersten neun Teams eine Lizenzmannschaft aus der Herren-Bundesliga im Rücken haben. Inwieweit funktioniert Erfolg im Frauenfußball nur noch mit dieser Unterstützung?
Popp: Ich denke, das ist bei den anderen Vereinen auch möglich. Aber dort ist es schwerer, Gelder zu generieren, um bestimmte Schritte zu gehen. Es ist einfacher, Lizenzmannschaften hinter sich zu haben, die schon gewisse Strukturen besitzen. In den Klubs stecken Gelder, die in die Frauenfußballabteilungen investiert werden können. Aber man muss deutlich sagen, dass es Vereine gibt, die auch da noch zu wenig tun.
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Popp kritisiert Vereine: "Tun noch zu wenig"

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An welchen Punkten könnte mehr gemacht werden?
Popp: Man müsste die vorhandene Infrastruktur aus den Männerbereichen besser nutzen, seien es die Krafträume oder die Rehaabteilungen, die zusammen verwendet werden können. Trainingsplätze gibt es en masse bei den Bundesligisten der Männer. Ich glaube schon, dass man da ein, zwei Plätze an die Frauen abgeben kann. Auch abseits des Feldes müsste man zum Beispiel die Frauen im Marketing-Bereich stärker mit ins Boot nehmen. Das sind Punkte, die einfach umzusetzen wären. Da werden die Frauen aber immer noch in den Schatten gerückt und es heißt: "Nein, das dürft Ihr jetzt nicht."
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Alexandra Popp

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In Bezug auf Kooperationen zwischen Männern und Frauen haben Sie zuletzt kritisiert, dass beim VfL Wolfsburg zwar von einer "Familie" gesprochen wird, eigentlich aber keine Zusammenarbeit stattfindet. Welche Resonanz haben Sie intern auf diese Kritik erhalten?
Popp: Ich muss die Aussagen relativieren, weil ich in dem Kontext die falschen Beispiele angeführt habe. Wir haben aber natürlich darüber gesprochen und alles ist wieder in Ordnung. Wir finden hier schon gute Bedingungen vor. Man könnte aber darüber nachdenken, was es in der Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen noch zu optimieren gibt. Sowohl in der Öffentlichkeitsarbeit als auch im Sponsoring können wir nur davon profitieren, wenn Spielerinnen und Spieler den VfL Wolfsburg bei Aktionen gemeinsam vertreten. Da sind wir schon auf einem guten Weg, aber da ginge auch noch mehr.
Die Bayern haben in diesem Jahr in der Allianz Arena gespielt, nun sind auch Eintracht Frankfurt und die TSG Hoffenheim im großen Stadion aufgelaufen. Sie absolvieren das Topspiel gegen München in der Volkswagen Arena. Würden Sie sich solche Highlights häufiger wünschen?
Popp: Natürlich freuen wir uns darüber , Highlight-Spiele wie gegen Bayern in der Volkswagen Arena austragen zu können. Aber wir fühlen uns im AOK Stadion nicht unwohl. Wenn wir das Stadion mit knapp 5.000 Zuschauern voll bekommen, ist das ein kleiner Hexenkessel. Wir haben ein gutes Gespür dafür, bei welchem Spiel sich ein Umzug in die große Arena lohnt und bei welchem nicht. Da befinden wir uns in einem stetigen Austausch.
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Alexandra Popp

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Wir haben nun viel über Außersportliches gesprochen. Stört Sie, dass Themen wie die Entwicklung oder die Strukturen im Fokus stehen und weniger das, was auf dem Platz geschieht?
Popp: Im Optimalfall wird über beides berichtet. Es ist zweifelsohne wichtig, die strukturellen Probleme anzusprechen, um aufzuzeigen, woran es fehlt. Man muss klarstellen, dass es sich zwar um die 1. Bundesliga handelt, es dort aber nicht professionell abläuft. Vielen ist das nicht bewusst. Daher ist es entscheidend, die Dinge, die verändert werden müssen, deutlich aufzuzeigen. Natürlich ist es aber ebenso wichtig, dass unsere sportlichen Leistungen in der Berichterstattung auftauchen.
Dann lassen Sie uns noch mal zum Sportlichen übergehen: Am Freitagabend kommt es zum Topspiel mit Bayer Leverkusen. Die beiden einzigen Mannschaften mit sechs Punkten treffen aufeinander. Inwiefern überrascht Sie der makellose Auftakt von Bayer?
Popp: Es überrascht mich nicht so sehr. Leverkusen war in der vergangenen Saison schon deutlich stabiler als in den Jahren zuvor. Sie spielen ein starkes Pressing, haben einen hohen Zug nach vorne und strahlen eine Menge Torgefahr aus. Sie hätten deutlich mehr Treffer erzielen können als bei den beiden 1:0-Siegen.
Was für ein Spiel erwarten Sie gegen Leverkusen?
Popp: Ich hoffe, dass sie sich nicht so tief hinten reinstellen wie Hoffenheim. Damit hatten wir in der Form nicht gerechnet. Ich würde mir wünschen, dass sie Fußball spielen wollen und auch gegen uns mutig sind. Es wäre schön, wenn es einen kleinen Schlagabtausch geben kann, um den Zuschauern ein gutes Spiel zu zeigen. Hoffentlich natürlich mit einem guten Ausgang für uns (lacht).
Was sind Ihre Saisonziele sowohl mit dem VfL als auch persönlich im Hinblick auf die Weltmeisterschaft 2023 in Australien und Neuseeland?
Popp: Wir wollen mit Wolfsburg alles gewinnen und haben die Kaderqualität dazu. Persönlich möchte ich erst einmal gesund bleiben. Natürlich habe ich auch die WM im Sommer im Blick. Trotzdem bin ich sehr offen, ob ich hinfahre oder nicht. Stand jetzt werde ich das Turnier spielen, aber es ist auch möglich, dass ich irgendwann sage: Das war es international.
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Alexandra Popp

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Welche Faktoren spielen dabei für Sie eine Rolle?
Popp: Mein Bauch entscheidet, ob ich die WM spiele oder nicht.
Das heißt, Sie ziehen in Erwägung, Ihre Karriere in der Nationalmannschaft zu beenden?
Popp: Ich habe mit dem Gedanken bereits vor der Europameisterschaft gespielt, das kann ich ganz offen sagen. Insofern ist das Thema schon präsent. Daher stehe ich dem sehr offen gegenüber.
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Quelle: Eurosport

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