Als Ousmane Dembélé vor viereinhalb Jahren seine Passion fürs Streiken entdeckte, dem Training seines Arbeitgebers Borussia Dortmund fernblieb und seinen Wechsel zum FC Barcelona mit unlauteren Mitteln erzwang, hätte man das Verhalten noch als Mixtur aus fehlender Reife und schlechter Beratung deklarieren können.
Ein Junge, der den Traum hegt, für einen der größten Vereine der Welt zu spielen und dafür alles in Kauf nimmt - dies wäre die freundliche und romantische Umschreibung der damaligen Posse. "Ich hatte den Eindruck, dass ich die Erfüllung meines Traums verpassen würde", erklärte Dembélé einige Monate nach dem BVB-Eklat und ergänzte: "Deswegen habe ich mich so verhalten, dazu stehe ich."
Sein Verhalten brachte den Schwarz-Gelben insgesamt immerhin 135 Millionen Euro ein, was retrospektiv als absoluter Coup betrachtet werden darf. Denn bei seinem angeblichen Traum-Verein sorgte der fußballerisch höchst talentierte Angreifer mehrfach für Negativ-Schlagzeilen.
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Im April 2018 sei es laut der spanischen Zeitung "Sport" zu einer Beinahe-Prügelei mit seinem damaligen Trainer Ernesto Valverde gekommen sein, Ende selbigen Jahres blieb Dembélé einer Trainingseinheit fern, ohne sich abzumelden. Er begründete seine Abstinenz später mit Magenproblemen, die später von einem Klub-Mediziner nicht bestätigt werden konnten.

Lange Nacht statt Magenprobleme?

Valverde suspendierte den Flügelflitzer für das darauffolgende Ligaspiel gegen Real Betis, die spanische "AS" berichtete im Zuge der Unstimmigkeiten, dass Dembélé tatsächlich nicht krank gewesen sei, sondern am Abend vor besagtem Training bis in die Nacht an der Konsole zockte.

Ernesto Valverde (l.) und Ousmane Dembélé

Fotocredit: Getty Images

Der Weg Dembélés in Barcelona ist gepflastert mit weiteren Verspätungen und Disziplinlosigkeiten, selbst Frankreichs National-Coach Didier Deschamps monierte das Verhalten des Offensivmannes öffentlich: "Er hat die Angewohnheit, zu spät zu kommen. Bei seinem Verein und in der Nationalmannschaft. Seine Ausreden sind mir schon bekannt", sagte der Weltmeister-Trainer.
Neu-Trainer Xavi, der Dembélé zu Beginn seiner Amtszeit im November vergangenen Jahres über den grünen Klee gelobt und eine Vertragsverlängerung mit dem 24-Jährigen über 2022 hinaus gefordert hatte, musste ebenfalls schnell feststellen, dass der exzentrische Edeltechniker nicht sonderlich viel von Pünktlichkeit hält. Zu einem Training erschien Dembélé einmal mehr verspätet, ein paar Tage später verpasste er eine komplette Einheit, weil er eigenen Angaben zufolge gedacht habe, diese würde erst nachmittags stattfinden.

Dembélé verpasste 104 Spiele

Die Verantwortlichen der Katalanen hätten vermutlich weitestgehend über die unzähligen Verfehlungen hinweggesehen, wenn Dembélé auf dem Platz Taten hätte sprechen lassen. Dort durften die Fans ihn aber nur recht selten bewundern. Seit seinem Wechsel nach Spanien stehen lediglich 129 Einsätze zu Buche. Zum Vergleich: 102 Partien fehlte Dembélé verletzungsbedingt, zwei weitere wegen einer Rotsperre.
Es werden keine weiteren Begegnungen dazukommen. Sportdirektor Mateu Alemany gab am Montag via Klub-TV bekannt, dass die turbulente Ehe zwischen Dembélé und den Blaugrana schnellstmöglich geschieden werden soll. "Es ist für uns offensichtlich, dass der Spieler nicht in Barcelona bleiben möchte und sich der Zukunft von Barcelona nicht verpflichtet fühlt." Er schob nach: "Wir haben ihm und seinen Agenten gesagt, dass er sofort gehen muss, weil wir engagierte Spieler wollen und hoffen, dass ein Transfer vor dem 31. Januar zustande kommt." Xavi äußerte ebenfalls, dass der Verein nun einen Verkauf anstrebe.
Doch wie kam es zu dieser plötzlichen Eskalation, nachdem Xavi vor wenigen Wochen noch davon sprach, dass ein Verbleib höchste Priorität habe? Obwohl Barcelona bekanntlich mit einem erheblichen Schuldenberg zu kämpfen hat, sollen Dembélé und dessen Berater Moussa Sissoko exorbitante Gehaltsforderungen, die Berichten zufolge bei über 43 Millionen Euro pro Jahr plus Boni lagen, für ein neues Arbeitspapier gestellt haben.

Sissoko und Dembélé wüten gegen Barcelona

Sissoko bewertet die Gemengelage freilich anders. "Hätte Barcelona mit uns reden wollen, hätten sie sich mit uns an einen Tisch gesetzt", sagte er im Gespräch mit "RMC Sport", ehe Alemany das Aus seines Klienten offiziell machte.
Sissoko weiter: "Wir sind nicht hier, um die Debatten in den sozialen Netzwerken anzuheizen. Aber die Wahrheit muss gesagt werden. Ja, wir haben anspruchsvolle Forderungen. Aber wir haben bereits gezeigt, dass Ousmanes Vereinswahl nicht vom Geld diktiert wurde, sonst wäre er nicht hier."

Ousmane Dembélé - FC Barcelona

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Dembélé äußerte sich via Instagram und wurde bei seinem Statement deutlich. Er sei "kein Mann, der betrügt, geschweige denn ein Mann, der sich erpressen lässt", schimpfte er. Worte, die nicht einer gewissen Ironie entbehren, wenn man Dembélés Verhalten in Dortmund noch einmal Revue passieren lässt.
Obwohl er in seinem Beitrag schreibt, dass er dem Verein nach wie vor zur Verfügung stehe, ist das Tischtuch nachhaltig zerschnitten, ein Abgang unumgänglich. Ob dieser tatsächlich noch in diesem Transferfenster über die Bühne geht (Barcelona würde ihn laut "Le Parisien" für 20 Millionen Euro ziehen lassen) oder Dembélé die restliche Saison ein Dasein als Tribünen-Gast fristet, ist noch offen.

Welche Optionen hat Dembélé?

Die Frage, die sich stellen, sind jedoch: Welche Optionen hat er jetzt und welcher Verein nimmt einen Spieler mit einer derartigen Skandal-Akte überhaupt auf?
In den vergangenen Wochen machten Gerüchte die Runde, wonach der FC Bayern in den Poker um Dembélé einsteigen wolle. Alleine wegen der kolportierten Gehaltsansprüche eine Nebelkerze, der deutsche Rekordmeister machte in der Vergangenheit immer wieder klar, dass er seine Gehaltsstrukturen nicht sprengen werde. Aufgrund der jüngsten Vertragsverlängerung Kingsley Comans bis 2027 dürfen jegliche Spekulationen ohnehin ad acta gelegt werden
Neben dem FCB wurden vor allem englische Vereine gehandelt. Manchester United tauchte immer wieder als möglicher Abnehmer gehandelt, allerdings reicht das angebliche Interesse bereits länger zurück. Als die Meldungen auftauchten, stand Ole Gunnar Solskjaer noch als Trainer an der Seitenlinie.
Heißer dürfte die Spur nach Newcastle sein. Der Traditionsverein, der kürzlich von einem finanzstarken Scheich-Konsortium aus Saudi-Arabien übernommen würde, verfügt über das nötige Geld, um Dembélé unter Vertrag zu nehmen.
Gegen einen Transfer würde allerdings die aktuelle sportliche Lage der Magpies sprechen. Newcastle ist abstiegsgefährdet und hat dementsprechend keine Aussicht auf eine Teilnahme an europäischen Wettbewerben. Schenkt man Berater Sissoko Glauben, dass sein Klient seine Vereinswahl nicht bloß an monetäre Aspekte knüpft, wäre der NUFC nicht unbedingt die erste Wahl.

Auch Chelsea dran? Tuchel voll des Lobes

Diese soll vielmehr Paris Saint-Germain sein. Die "Mundo Deportivo" berichtete zuletzt, dass Dembélé einen Wechsel in die französische Hauptstadt präferiere und bereits Gespräche aufgenommen wurden. PSG mit seinem katarischen Besitzer ist - ähnlich wie Newcastle - zahlungskräftig und hätte in der Offensive Bedarf, sollte Kylian Mbappé im Sommer bei Real Madrid anheuern.
Chancen auf einen Deal soll sich Berichten zufolge auch der FC Chelsea machen. Übungsleiter Thomas Tuchel, der Dembélé noch aus Dortmund kennt, wollte sich über die aktuelle Situation seines Ex-Schützlings zwar nicht äußern, allerdings stimmte er eine Lobeshymne an: "Er ist ein sehr guter Spieler, wenn er auf seinem Top-Niveau ist. Ich bin sehr glücklich, dass ich ihn trainieren durfte", sagte der 48-Jährige am Freitag. "Es war nur ein Jahr, es hätte länger sein sollen. Ich musste gehen und er entschied sich, zu gehen. Von da an hatten wir nicht mehr den engsten Kontakt.“
Es scheint also, als fehle es nicht an möglichen Abnehmern. Und das, obwohl allen bekannt ist, wie Dembélé sich in Dortmund verhielt – und nun mit seinem einstigen Traumverein auseinandergeht.
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