Im Oktober 2020 wechselte Gerhard Struber aus der zweithöchsten englischen Spielklasse in die Major League Soccer. Zu Beginn der laufenden Saison stellte er in den USA mit den New York Red Bulls einen historischen Startrekord von fünf Auswärtssiegen in Folge auf.
Dabei hatte er im vergangenen Jahr ein Angebot von einem der größten Klubs in Europa. Als Ralf Rangnick im November bei Manchester United anheuerte, wollte er den 45 Jahre alten Österreicher zum Co-Trainer machen. Doch Struber lehnte ab.
Im exklusiven Interview mit Eurosport.de erklärt der frühere Co-Trainer von Red Bull Salzburg, wieso er der Verlockung aus der Premier League widerstand und spricht über seine früheren Schützlinge Konrad Laimer und Dayot Upamecano, mit denen er vor sechs Jahren in der Mozartstadt gearbeitet hatte.
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16/05/2022 AM 21:25
Der Bayern-Abwehrchef werde "einer der besten Innenverteidiger in Europa", sagt Struber. Und: Der Trainer von Red Bull New York fühlt sich "prinzipiell reif", in einer Topliga zu arbeiten, sagt er im Gespräch mit Eurosport.
Herr Struber, Ralf Rangnick wollte Sie bei seinem Amtsantritt bei Manchester United im Dezember 2021 als Co-Trainer holen - Sie aber blieben in New York. War die Verlockung, Cristiano Ronaldo zu trainieren, nicht groß genug?
Gerhard Struber: Wenn sich ein solch großer Verein mit einem Trainer in Verbindung setzt, beginnt man natürlich zu grübeln. Trotzdem fühle ich mich als Cheftrainer enorm wohl und habe damals gesagt: Ich habe den größten Einfluss auf Erfolg und meine persönliche Entwicklung, wenn ich in dieser Rolle bleibe. Das war der grundlegende Gedanke. Wenn ein Klub mit so einer Strahlkraft anfragt, darf es zwar erlaubt sein, wenn man darüber nachdenkt. Aber ich war mir schnell darüber im Klaren, dass es aus jetziger Sicht keinen Sinn ergibt.
Stattdessen haben Sie mit den New York Red Bulls in der MLS nun einen herausragenden Saisonstart mit einem historischen Auswärtsrekord - vier Siege in Serie - hingelegt. Saisonziel: Um die Meisterschaft mitspielen?
Struber: Es überrascht den einen oder anderen, dass wir in diesem Jahr so performen. Energie und Tatendrang sind definitiv groß genug, um am Ende vielleicht zu überraschen. Die Frage ist jedoch, wie es uns gelingt, das mit so einer jungen Mannschaft über eine ganze Saison hinzubekommen. Aber klar ist, dass wir den Lauf so lange wie möglich beibehalten wollen.
Sie waren bereits in England beim FC Barnsley, in Österreich bei Salzburg, in Liefering und Wolfsberg, haben in Deutschland und Italien hospitiert. Wieso sind Sie vor knapp zwei Jahren den Schritt in die USA gegangen?
Struber: Ich komme aus dem Red-Bull-Kosmos und weiß, welche Gegebenheiten man hat, wenn man in dieser Welt arbeitet: Mit welchen Mitarbeitern man arbeitet, wie hoch die Ziele und Standards sind. Das Gesamtprojekt hat mich interessiert und motiviert, wieder in diese Red-Bull-Welt zurückzukehren. Es gab für mich als Trainer die Chance, mich in einer ganz anderen, wettbewerbsfähigen Liga zu entwickeln. Es zeigt mir, welchen Einfluss man als Trainer nehmen kann, wenn die Budgets ähnlich verteilt sind. Wir sind eine Mannschaft, die von den Gehaltsausgaben eher weiter unten steht.
Was war die wichtigste Sache, die Sie in den vergangenen zwei Jahren in den USA gelernt haben?
Struber: Welche Power man als Trainer oder im Trainerteam hat, wenn man gemeinsam eine gute Energie hat und Dinge strukturiert vorantreibt. Besonders, wenn du eine Mannschaft übernimmst, die taktisch auf einem überschaubaren Niveau unterwegs war und nun siehst, wie wir gemeinsam Gegner intensiv bearbeiten. Diese Entwicklung voranzutreiben – auf mannschaftlicher und individueller Ebene - macht riesigen Spaß.

Gerhard Struber arbeitet seit 2020 in der Major League Soccer

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Hierzulande hat Amerika den Ruf, dass Spieler aus Europa erst im Spätherbst Ihrer Karriere den Schritt in die MLS gehen. Wie bewerten Sie die Qualität der Liga?
Struber: Man kann diese Liga nicht mit einer Topliga wie der Premier League oder der Bundesliga vergleichen. Aber dann sind wir schon an der Reihe. Es gibt viele Ligen in Europa, die der MLS nicht das Wasser reichen können. Hier herrscht eine fußballerische Qualität, die man auch in Europa in vielen Ligen gerne hätte. Viele Spieler aus Europa kommen nicht erst mehr im Spätherbst Ihrer Karriere, sondern sind im besten Fußballalter. Das hat sich ein Stück weit verändert. Und gerade die WM 2026 hat eine unheimliche Sogwirkung.
Wie äußert sich das?
Struber: Hier wird wahnsinnig viel in Stadien investiert. In Charlotte spielt man vor 75.000 Zuschauern. Wir haben in Philadelphia vor 25.000 gespielt. Ich glaube nicht, dass es in Europa in vielen Ligen so eine Atmosphäre gibt. In der Championship in England fliegen die Stadiondächer weg, wenn Stimmung ist. Das geht hier in vielen Stadien in eine ähnliche Richtung.
Wenn Sie sagen, da ist eine Entwicklung zu sehen: Wie ordnen Sie die MLS dann im Vergleich zu den anderen amerikanischen Sportligen ein?
Struber: Es gibt in vielen Städten eine wirkliche Aufbruchstimmung im Fußball, das zeigen die vollen Stadien. Wenn man betrachtet, wie über die MLS berichtet wird: Ich spüre keinen so großen Unterschied mehr zu den ganz großen Sportarten.
Wie zeigt sich das für Sie?
Struber: Der Fußball ist im Aufbruch, das nehmen wir auch in den Stadien wahr. Da gibt es eine riesige Euphorie. Und ich schaue auch andere Sportarten, gerade hier in New York. Natürlich herrscht dort auch eine traumhafte Stimmung in den Stadien, aber wir gehen einen guten Weg. Es ist einfach sehr interessant, welchen Stellenwert und welche Wertschätzung der Sport hier in Amerika erhält.
Wie viel der oft beschriebenen Red-Bull-Identität steckt in Gerhard Struber?
Struber: Einiges Grundlegendes, weil ich aus jener Trainerausbildung komme. Ich war von der ersten Stunde mit Ralf Rangnick an Bord und habe die Themen aufgesaugt. Aber mir war immer bewusst, dass sich der Fußball entwickelt und man sich in viele Richtungen ausrichten muss. Daher bin ich auch in unterschiedliche Richtungen gegangen, was meine internationalen Hospitationen anbelangt. Da konnte ich den Fußball ebenso aus einer anderen Brille sehen. Am Ende entwickelt man einen eigenen Stil, der jedoch – und das ist für mich das wichtigste – sehr proaktiv bleiben soll.
Wie meinen Sie das mit dem eigenen Stil genau?
Struber: Ich bin kein Trainer, der romantisch allein in eine Richtung denkt, sondern einer, der ebenso pragmatisch auf Erfolg ausrichtet – mit den Gegebenheiten, die man vorfindet. Ganz wichtig ist mir ebenso die Entwicklung, was sowohl Spieler als auch den Klub betrifft. Dazu braucht man eine klare Strategie und die Überzeugung, eine Spielidee durchzubringen, die sowohl Punkte bringt als auch Spieler entwickelt.

Gerhard Struber fühlt sich bereit, in einer der besten Ligen der Welt zu arbeiten

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Inwieweit bleibt in diesem klaren Rahmen der Philosophie des Red-Bull-Kosmos, in der die fußballerische Identität so geschärft ist, noch Entfaltungsmöglichkeit für Sie als individuellen Coach?
Struber: Ich denke, das wird ab und an ein wenig zu dramatisch dargestellt. Jeder einzelne Trainer hat einen eigenen Zugang. Als große Überschrift steht über allen Standorten ein sehr proaktives und mutiges Spiel. Dazu steht jeder einzelne Red-Bull-Trainer. Aber wie er es dann anlegt, ist jedem individuell überlassen. Ohne diese Freiheit würde man einen Trainer massiv eingrenzen.
Wie ist das bei Ihnen in New York?
Struber: Ich genieße hier viel Freiraum. Das war ein Mitgrund, warum ich entschieden habe, dieses Projekt anzunehmen. Um einfach meine persönliche Idee einzubringen, die natürlich sehr über die Inhalte von Red Bull kommt. Am Ende braucht es aber Flexibilität. Man sieht, wie sich der Fußball entwickelt. Wenn man glaubt, man kann immer das Gleiche hineingeben, scheitert man am Wochenende, weil sich die anderen Mannschaften auch auf einen Trainer ausrichten. Deswegen braucht es Flexibilität und Variabilität im Spiel.
Gibt es einen Trainer, zu dem Sie aufschauen, den Sie als Vorbild bezeichnen würden?
Struber: Wenn man sieht, wie Jürgen Klopp stetig um Titel spielt, ist das bewundernswert. Auch, wie er die Mannschaft antreibt, sodass sie immer ans Limit marschiert. Es ist nicht nur taktisch interessant zu sehen, welche Inhalte er mitgibt, sondern auch, wie er es mental schafft, die Mannschaft so an die Grenze zu bekommen, dass sie immer wieder punktet. Das ist sicher ein Trainer, zu dem man aufschaut.
Wenn sich Upamecano in einer stabilen Bayern-Mannschaft etablieren kann, wird er durch die Decke gehen. Davon bin ich überzeugt! Weil er einfach so vieles mitbringt, was entscheidend ist und Einfluss hat auf einen Top-Innenverteidiger in Europa.
In der Saison 2015/2016 waren Sie Co-Trainer in Salzburg. Dort haben Sie mit vielen Spielern gearbeitet, die man heute auf der internationalen Bühne sieht: Konrad Laimer, Naby Keita oder Dayot Upamecano sind nur einige Namen. Warum gelingt so vielen Spielern aus dem RB-Kosmos der Sprung zu absoluten Weltklassevereinen?
Struber: Es gibt einen sehr klaren roten Faden, der in Salzburg von der Akademie über den Kooperationspartner Liefering bis zur ersten Mannschaft durchgängig stringent ist. Dazu werden immer wieder Spieler entdeckt, die ein besonderes Talent haben, die hungrig sind und dann super geführt werden. Und das macht den Unterschied.

Gerhard Struber exklusiv: Laimer würde Bayern ein neues Gesicht verleihen

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Gibt es einen Spieler, mit dem Sie früher gearbeitet haben, dessen Entwicklung sie sehr überrascht hat?
Struber: Naby Keita ist schon ein besonderes Beispiel, weil der in einer Mannschaft spielt, die wieder die Champions League gewinnen kann. Patson Daka, der in der Premier League Goalgetter ist. Oder ein Upamecano, der bei Bayern natürlich in dieser Saison gewisse Probleme hatte, nicht immer stabil war. Aber: Wenn man schaut, wie jung die Spieler sind und welche Rollen sie bei diesen Spitzenklubs einnehmen, ist es unglaublich zu sehen, wie steil die Karrieren in so kurzer Zeit verlaufen sind.
War das Talent bei ihnen bereits in jungen Jahren zu erkennen?
Struber: Ich erinnere mich noch, als Upamecano mit 16 Jahren zum ersten Mal in Salzburg im Training aufgeschlagen hat. Man konnte schnell erkennen, dass er ein spezielles Talent mit einer Dynamik ist, wodurch klar war: Wenn er sich nicht verletzt, kann er durch die Decke gehen. Wie sich ein Konrad Laimer in Leipzig entwickelt hat: Für mich ist Konrad Laimer der Prototyp der Red-Bull-Idee und der Prototyp, wie man heute Spiele aus der 6er- oder 8er-Position beeinflusst. Er hatte in meinen Augen den größten Einfluss auf den Erfolg der Leipziger Mannschaft. Und nicht nur in Leipzig, auch in der österreichischen Mannschaft. Er ist ein Spieler, der ein unheimlicher Garant für Erfolg ist.
Julian Nagelsmann hat angeblich Interesse an Laimer. Würden Sie ihm den Schritt nach München zutrauen?
Struber: Ja. Ganz klar. Weil er einfach ein Typ ist, der auch in so einer Mannschaft noch einen Schritt gehen kann. Er ist ein Siegertyp und die Bayern brauchen diese Siegermentalität und Siegertypen in einer besonderen Art und Weise. Zudem ist er einer, der technisch und taktisch noch einmal einen Schritt machen kann – und schon mit Nagelsmann gearbeitet hat. Ich könnte mir das unheimlich gut vorstellen. Gleichzeitig könnte ich mir auch super vorstellen, dass er noch ein Jahr in Leipzig dranhängt. Er hätte auf jedes Spitzenteam in Europa enorme Wirkung und auch den Bayern würde er nochmal ein neues Gesicht verleihen.
Sie haben Dayot Upamecano angesprochen, den Sie eben als 'nicht immer stabil' bezeichnet haben. Wie bewerten Sie seine erste Saison und welchen Impact kann er noch haben?
Struber: Über kurz oder lang wird Dayot Upamecano einer der besten Innenverteidiger in Europa sein und das wird er bei den Bayern unter Beweis stellen. Es ist wichtig, bei solchen Spielern nicht zu vergessen, in welcher Altersgruppe sie sich bewegen. Und man darf nicht vergessen, dass die Bayern gerade in der Rückrunde nicht so stabil waren, wie man das aus früheren Meisterschaften kannte. Dann ist es für so einen Spieler umso schwerer, stabil zu spielen. Wenn sich Upamecano in einer stabilen Bayern-Mannschaft etablieren kann, wird er durch die Decke gehen. Davon bin ich überzeugt! Weil er einfach so vieles mitbringt, was entscheidend ist und Einfluss hat auf einen Top-Innenverteidiger in Europa.

Bayern-Trainer Nagelsmann klärt auf: Das muss Upamecano besser machen

Mit Jesse Marsch hat vor Kurzem ein ehemaliger Trainer der New York Red Bulls den Sprung zum Bundesliga-Cheftrainer in Leipzig geschafft. Inwieweit unterscheiden Sie und Ihr Weg sich von Jesse Marsch?
Struber: Jesse ist ein super Trainer, aber unsere Wege unterscheiden sich schon sehr stark. Ich bin zwar auch in der Red-Bull-Welt groß geworden, habe mich aber ebenso viel außerhalb des Kosmos bewegt. Es war mir immer wichtig, viele andere Dinge mitzunehmen und Erfahrungen zu sammeln, und da hatte ich das Glück, in Vereinen arbeiten zu dürfen, wo ich sehr viel Vertrauen entgegengebracht bekommen habe und mich vollkommen entfalten konnte.
Was bedeutet das für Sie?
Struber: Dass mich das alles enorm in meiner persönlichen Entwicklung gestärkt hat. Dass ich von meiner Fußball-Idee her sehr breit aufgestellt bin. Aber ich weiß auch, dass ich noch sehr viel lernen kann. Als Trainer lernt man vor allem im täglichen Geschäft, gerade im Umgang mit den vielen Spielern.

Gerhard Struber im Interview: "Upamecano wird einer der besten Innenverteidiger in Europa"

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In der Vergangenheit haben Sie gesagt, dass Sie mal in einer der Top-Fünf-Ligen trainieren wollen. Was fehlt Ihnen dazu noch?
Struber: Ich fühle mich prinzipiell reif für diesen Schritt. Aber das heißt nicht, dass ich schnellstmöglich dorthin muss, zumal ich hier in New York einen super Job habe und ich mich sehr wohl fühle. Es stellen sich zudem die Fragen: Wie schaut die Spielausrichtung des interessierten Vereins aus, will man meinen sportlichen Weg mitgehen? Ich bin jemand, der sehr proaktiv spielt, da braucht es rundherum Menschen, die mutig sind und keine 'Fehlervermeider'.
In der Bundesliga wurden am vergangenen Wochenende drei Stellen frei. Wann sehen wir Sie denn in Deutschland?
Struber: Ich habe keinen Stress, von heute auf morgen diesen Schritt zu gehen. Die Aufgabe hier ist fordernd und spannend. Nur weil in Deutschland Bewegung auf dem Trainermarkt herrscht, presche ich nicht vor und bringe mich wie andere Trainer ins Gespräch. Ich habe meinem Verein und meinen Spielern gegenüber auch eine gewisse Verantwortung. Trotzdem schließe ich es überhaupt nicht aus, irgendwann nach Deutschland zu wechseln. Ich will natürlich in Zukunft wieder zurück nach Europa, allein schon weil meine Familie in Österreich ist. Da geht es auch darum, meiner Verantwortung als Familienvater gerechter zu werden und meiner Frau nicht die ganze Arbeit in der Hinsicht zu überlassen. (lacht)
Das heißt, Sie haben keine Deadline für Ihren Sprung in eine der Top-Ligen?
Struber: Nein. Zumal es ist auch entscheidend ist, dass es am Ende zusammenpasst. Nur, weil gewisse Trainer sich von gewissen Vereinen verabschieden, muss das keine 'coole Ehe' mit dem Struber Gerhard werden. Es muss in allen Richtungen harmonieren. Ansonsten ergibt das keinen Sinn. Und dennoch bin ich dankbar, dass es immer wieder Anfragen aus der deutschen Bundesliga oder anderen Ländern in Europa gibt, die sich für mich interessieren. Aber man wird sehen, zu welchem Zeitpunkt es passt, um zurückzukehren.
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