Die englische Presse rieb sich im übertragenen Sinne schon etwas verwundert die Augen.
Der FC Chelsea hatte gerade 1:1 beim FC Southampton gespielt. Kein überragendes Ergebnis, aber immerhin das siebte ungeschlagene Ligaspiel in Folge (fünf Siege, zwei Remis).
Der noch immer ungeschlagene Thomas Tuchel, seit 24. Januar als Chef-Trainer bei den Blues im Amt, war jedoch alles andere als begeistert, wirkte in Interviews nach dem Spiel, als hätte er soeben 0:6 bei einem Abstiegskandidaten der zweiten Liga verloren.
Premier League
Tuchel knöpft sich Hudson-Odoi vor
20/02/2021 AM 18:01
Zu spüren bekam das vor allem Callum Hudson-Odoi.

Tuchel "on fire": Höchststrafe und öffentlicher Rüffel für Youngster

Das Talent, das auch in Deutschland durch das öffentliche Interesse des FC Bayern München beste Bekanntheit erlangte, wurde im Spiel gegen die Saints nicht nur ein- und wieder ausgewechselt, sondern bekam anschließend auch noch vor der versammelten Weltpresse die volle Breitseite seines Coaches ab.
"Wir verlangen 100 Prozent", begründete Tuchel die im Fußball oft als "Höchstrafe" bezeichnete Ein- und Auswechselung im selben Spiel: "Ich war nicht zufrieden mit seiner Einstellung, Energie und Gegenpressing. Er ist nicht in der Form, uns zu helfen. Ich war mit seiner Körpersprache nicht zufrieden."

Tuchel kritisiert seine Spieler nach verpasstem Sieg

Zusätzlich zum öffentlichen Rüffel entschieden sich Tuchel und sein Trainerteam auch dafür, mit dem 20-Jährigen vor der kompletten Mannschaft über den Vorfall zu sprechen. Eine Maßnahme, die anscheinend notwendig wurde, weil der Spieler aufgrund der öffentlichen Demütigung erbost war.
"Die einzige Reaktion, die wir wollten, ist, dass er sich wieder beruhigt. Er sollte wieder gute Laune bekommen, lächeln und gut trainieren. Am Tag darauf hat er noch besser trainiert. Das ist alles", erklärte Tuchel am Montag. Ob es die richtige Entscheidung war, Hudson-Odoi rauszunehmen und zu kritisieren, wisse er nicht. "Diese Entscheidung traf ich in dem Moment."

Thomas Tuchel: In gewisser Weise unberechenbar

Damit trat zum ersten Mal seit seiner Ankunft auf der Insel auch der andere Thomas Tuchel zum Vorschein. Der strenge, harte Tuchel - der, der sich nicht davor scheut, anzuecken und dabei hier und da auch gerne mal überdreht..
Bei seinen vorherigen Arbeitgebern in Mainz, Dortmund und Paris kennt man die Eigenheiten, die Unberechenbarkeit des 47-Jährigen - nun hat er sich auch der englischen Öffentlichkeit das erste Mal in Gänze vorgestellt.

Thomas Tuchel - FC Chelsea

Fotocredit: Getty Images

In der englischen Presse ist man durchaus zwiegespalten ob der Vorgehensweise des Chelsea-Trainers.

Thomas Tuchel: Lob und Kritik in Englands Presse

Der "Guardian" beispielsweise lobte den Trainer dafür, ein echtes Zeichen der Hierarchie gesetzt zu haben, in einem Klub, in dem Spieler in der Vergangenheit das Sagen hatten. Der 47-Jährige habe "etwas von der Rücksichtslosigkeit gezeigt, die hinter seiner Fassade lauert", hieß es.
Es gab aber auch kritische Stimmen, die Tuchels Umgang mit dem in den vergangenen Wochen keineswegs schlecht spielenden Hudson-Odoi infrage stellen. Tuchels öffentliche Demütigung könne demnach nach hinten losgehen, analysierten diverse TV-Experten im Hinblick auf die kommenden, entscheidenden Wochen. Im Achtelfinale der Champions League (ab 21:00 Uhr im Liveticker) und den Ligaspielen gegen Manchester United und den FC Liverpool wird sich zeigen, ob Chelsea die Saison wirklich noch einmal zum Guten wenden kann.

Thomas Tuchel: Ein streitbarer Charakter

Mit der Verpflichtung Tuchels als Trainer hat der FC Chelsea, Stand jetzt, rein sportlich einen Glücksgriff gelandet. Der gebürtige Krumbacher ist ein ausgewiesener Taktikexperte und mittlerweile in der absoluten Trainer-Weltspitze angekommen.
Dennoch weiß man bei den Blues auch, dass man in Tuchel auch einen durchaus streitbaren Charakter an die Stamford Bridge geholt hat. Vorfälle wie der mit Hudson-Odoi verwundern daher nicht - es geht jedoch darum, wie diese aus der Welt geschafft werden, damit keine bleibenden Schäden zurückbleiben.

Chelsea-Trainer Thomas Tuchel (rechts) mit Callum Hudson-Odoi

Fotocredit: Getty Images

"Ich habe bereits nach dem Spiel gesagt, dass es eine Lehrstunde war, von der wir beide etwas lernen können. Wir machen weiter, es ist vergessen", versichert Tuchel.
Sieht der Spieler das genauso, könnte Tuchels Statement ein wirksames Signal für die ganze Mannschaft gewesen sein. Eines jedenfalls dürfte nun jedem klar sein: Die Flitterwochen sind vorbei, Tuchel ist angekommen.
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