Die Aufregung in Old Trafford entzündete sich an einem 20-Jährigen, der international betrachtet noch keinen großen Namen hat: Mason Greenwood.
Nachdem Ralf Rangnick den Rechtsaußen nach einer Stunde Spielzeit beim Stand von 0:0 auswechselte, reagierten die Fans mit Pfiffen. Man war gar nicht einverstanden mit der Entscheidung des Teammanagers. Als João Moutinho in der Schlussphase dann auch noch den 1:0-Siegtreffer für den Außenseiter aus Wolverhampton erzielte, wurde der erste Auftritt im neuen Jahr endgültig zum Fehltritt.
Die Maßnahme, Greenwood aus dem Spiel zu nehmen und Edinson Cavani weiterspielen zu lassen, erklärte Rangnick später damit, dass der Uruguayer "einen Tick offensiver" sei. Die Überlegung des 63-Jährigen ist absolut nachvollziehbar - die Episode zeigt aber auch, dass der "Coach from Germany" noch nicht den Status in Manchester hat, bei dem ihm alle vorbehaltlos folgen.
Premier League
Das Lukaku-Beben: Was der Eklat für Chelsea und Tuchel bedeutet
03/01/2022 AM 21:37
Dazu sind die Ergebnisse nicht gut genug.

Shaw: "Brauchen mehr Intensität und Motivation"

Rangnick holte in seinen ersten sechs Pflichtspielen - fünf in der Liga und eines in der Champions League - drei Siege, zwei Remis und eine Niederlage. Ist es ein Erfolg, dass er die Hälfte seiner Partien gewonnen hat oder eine Enttäuschung, dass er mit seinem Starensemble dreimal sieglos blieb?
Noch hat sich keine Sichtweise durchgesetzt bei Experten und Fans.
Von den Spielern kommen indes klare Worte, vor allem ein Satz von Linksverteidiger Luke Shaw ließ aufhorchen. "Wir brauchen mehr Intensität und auch mehr Motivation", monierte der 26-Jährige nach der Pleite gegen die Wolves. Was Shaw offen ließ: Liegt es an den Profis selbst, dass diese Komponenten fehlen oder daran, dass der Trainer sie der Mannschaft nicht mitgibt?
United verfüge über "unfassbar viel Qualität, aber manchmal ist Qualität nicht das alles Entscheidende", führte Shaw aus. "Als ich auf dem Platz stand, hatte ich nicht das Gefühl, dass wir alle zusammen da sind." Man habe Wolverhampton "komplett die Kontrolle überlassen".

Manchester United: Ladehemmung im Luxus-Angriff

Fußball-Experte Pete Sharland von Eurosport Großbritannien sieht Trainer und Team gleichermaßen in der Verantwortung, die Defizite abzustellen. "Eine der größten Baustellen ist die Tatsache, dass die Mannschaft das von Rangnick geforderte Pressing nicht entsprechend umsetzen kann oder will. Meiner Meinung nach muss er von seinem System abrücken, sonst dürfte die nächste Niederlage nur eine Frage der Zeit sein."

Rangnick staunt über Ronaldo: "So etwas noch nie gesehen"

Tatsächlich wartet man beim englischen Rekordmeister noch immer auf den ersten Erdrutschsieg unter Rangnick, die erste Gala. Obwohl die Offensive mit Cristiano Ronaldo, Jadon Sancho, Cavani, Marcus Rashford, Anthony Martial oder Greenwood teuflisch gut besetzt ist, haben die Red Devils Ladehemmung. Ganze sieben Treffer gelangen in den vergangenen sechs Begegnungen, nur beim 3:1 gegen Abstiegskandidat FC Burnley netzte United mehr als einmal.
Ohne Ronaldo, mit acht Ligatoren und sechs Champions-League-Treffern klarer Topscorer im Team, würde es wohl noch düsterer aussehen.
Taktisch versucht Rangnick durchaus, Offensivwucht zu entwickeln. Der Nachfolger des am 21. November zurückgetretenen Ole Gunnar Solskjaer setzt auf ein 4-4-2-System mit einer Doppelsechs. Unter dem Norweger hatte United meist mit nur einer echten Spitze im 4-2-3-1 gespielt.

Störgeräusche werden lauter: Neville hinterfragt Atmosphäre

Die Schwierigkeiten aber sind geblieben. "Wir hatten heute wieder mit denselben Problemen zu kämpfen, die das Team schon vor drei oder vier Wochen an den Tag legte - also wie vor meiner Zeit", gab Rangnick im Anschluss an das Wolverhampton-Spiel zu Protokoll. "Ich wusste, dass ein schwieriger Job werden würde."

Rangnick reagiert auf erste Pleite: "Haben immer noch Probleme"

Experte Sharland stimmt dem zu. "Der Kader ist insgesamt betrachtet schlecht zusammengestellt. Da hilft es nicht, wenn man nur den Trainer austauscht. Deshalb sei mal dahingestellt, inwieweit die aktuellen Rückschläge wirklich Rangnick anzukreiden sind."
Wie nicht anders zu erwarten, tauchen im Fahrwasser der Ergebnis- und Offensivkrise Störgeräusche auf. Die britische "Mail" will erfahren haben, dass die Profis unglücklich über die späteren Trainingszeiten unter Rangnick seien, gerade zur dunkleren Jahreszeit.
"Sky-Sports"-Experte Gary Neville, Vereinslegende mit über 600 Partien für United, zweifelte indes an der Atmosphäre im Kader. "Irgendetwas stimmt da nicht. Es wird definitiv gemeckert", so der 46-Jährige. "Die Stimmung in der Umkleidekabine ist sehr wichtig und ich glaube nicht, dass sie im Moment alle miteinander harmonieren", mutmaßte Neville vor wenigen Tagen.

Rangnick: Klare Ansagen bei Cavani und Martial

In diesem Spannungsfeld arbeitet Rangnick nun und muss überdies Personalpolitik betreiben. Im Fokus steht die Zukunft der Angreifer Cavani und Martial.
Martial habe ihn wissen lassen, "dass er wechseln möchte. Ich kann verstehen, dass er gehen möchte, um woanders mehr Spielzeit zu erhalten". Tatsächlich spielt der Franzose derzeit eine Nebenrolle und bestritt in Liga und Champions League noch keine Partie über 90 Minuten. Der Abschied gilt als wahrscheinlich.

Edinson Cavani von Manchester United

Fotocredit: Getty Images

Ganz anders die Lage bei Cavani. Hier besteht Rangnick auf die Erfüllung des bis 30. Juni laufenden Vertrags. "Er weiß, dass ich ihn nicht gehen lassen werde. Für mich ist er ein sehr wichtiger Spieler für den Rest der Saison. Seine Professionalität und seine Arbeitseinstellung sind großartig", griff der Coach ins oberste Regal für Komplimente.
Der Grund: "Wir spielen noch in drei Wettbewerben, also brauchen wir ihn auf jeden Fall." Und das ist bei allen Problemen der positive Aspekt. Manchester steht im Achtelfinale der Champions League, in Runde drei des FA Cup und in der Meisterschaft jagt United von Platz aus die Spitzengruppe.

"Schauen sie sich dies Leistung von heute Abend"

Das erklärte Ziel in der Premier League ist Rang vier, der zur direkten Qualifikation für die Königsklasse berechtigt. Der Abstand beträgt derzeit nur drei Punkte, bei einem Spiel weniger. Machbar.
Das weiß auch Rangnick, der derzeit aber eher Frust schiebt. "Schauen sie sich dies Leistung von heute Abend an", polterte der Trainer. "Wenn ich jetzt sage, dass wir zu 100 Prozent davon überzeugt sind, unter die ersten Vier zu kommen, dann weiß ich nicht, ob mir das die Leute hier abnehmen."
Erwartet wird hingegen, dass er mit seinem Team die kommenden fünf Ligaspiele gewinnt. Es geht gegen Aston Villa, West Ham United, Burnley, Southampton und Leeds United. Da dürfen es gerne 15 Punkte sein, denn im Anschluss stehen die viel zitierten Wochen der Wahrheit an: United spielt innerhalb von 14 Tagen gegen Manchester City, Tottenham und Liverpool.
Spätestens danach wird wieder Aufregung herrschen in Old Trafford - die Frage ist nur, ob sie positiver oder negativer Natur ist.
Das könnte Dich auch interessieren: Fehler wie in München: Kovac scheitert in Monaco an bekannten Problemen

Rangnick schwärmt: "Beste Offensivleistung seit Ankunft"

Premier League
"Absolut respektlos!" England-Legenden gehen auf Lukaku los
03/01/2022 AM 08:41
Premier League
Lukaku-Hammer, Stars mit ungewisser Zukunft - Chelsea spielt mit dem Feuer
02/01/2022 AM 09:26