1200 Zuschauer waren in den Old Barn Way gekommen, als Ralf Rangnick um seinen ersten Titel im englischen Fußball kämpfte.
Es ging um die Meisterschaft in der County League, Rangnick spielte im Mittelfeld beim Southwick Football Club. Ein Sieg musste her gegen Chichester. Klappte nicht. Die Partie endete 0:0, die Wickers landeten auf Platz zwei der Tabelle. Lange her, Rangnicks Gastspiel im Süden Englands ging in der Saison 1979/1980 über die Bühne.
Mehr als 40 Jahre später führt der Weg des Schwaben wieder auf die Insel - dieses Mal aber direkt ins grelle Rampenlicht der Premier League. Rangnick wird Manchester United coachen, den Rekordmeister. Das Debüt ist für kommenden Sonntag gegen Crystal Palace geplant. Eine Riesenehre, eine Riesenaufgabe.
Premier League
Rangnick übernimmt Manchester United - Debüt gegen Arsenal?
29/11/2021 AM 11:49
Während der 63-Jährige sich schon einarbeitet, reiben sich viele in Deutschland noch die Augen und fragen ungläubig:
Wie hat Rangnick sich einen der begehrtesten Trainerstühle in England gesichert?
"Durch seine Fähigkeit, eine Mannschaft zu trainieren und gleichzeitig strategische Expertise in den Klub einzubringen, füllt er gleich zwei Lücken bei United", erklärt Fußball-Experte Alexander Netherton von Eurosport.co.uk in London. "Da niemand in der Führungsebene des Vereins ein tiefer gehendes Wissen über den modernen Fußball mitbringt, war die Wahl einfach."
Hinzu sei die Tatsache gekommen, dass der Markt derzeit nicht mit Trainern für höchste Ansprüche überschwemmt werde. "Es gab relativ wenige ernsthafte Optionen. Da war Ernesto Valverde, der in England kaum Reputation hat und beim FC Barcelona nicht gerade Bäume ausriss. Laurent Blanc fällt nach seiner Zeit beim französischen Nationalteam und seiner Rolle in der Rassismus-Affäre um junge Nachwuchsspieler aus dem Raster", so Netherton. "Erik ten Hag von Ajax war ebenfalls im Gespräch, hätte aber erst zum Saisonende zur Verfügung gestanden. Fraglich auch, ob er sich nach seinen Erfolgen überhaupt für United entschieden hätte."

Abenteuerland aber kein Himmelfahrtskommando

Rangnick hat indes nicht gezögert, was ein wenig überrascht. Schließlich sind die Red Devils nicht der erste Topklub, der anklopft. Im vergangenen Jahr bemühte sich die AC Mailand vergeblich um den Deutschen. "Ich habe daraufhin Red Bull informiert. Anschließend gab es Gespräche mit meinem Berater. Abenteuerland ist ok, aber es darf kein Himmelfahrtskommando sein", erklärte Rangnick damals gegenüber der "Bild".
Stattdessen heuerte er mit seiner Beraterfirma als Leiter Sport und Entwicklung bei Lokomotive Moskau an. Nun folgt die Rückkehr auf die Trainerbank, wenn auch vorerst nur bis Saisonende. Danach soll der Neue dem Traditionsverein zwei Jahre lang als Berater zur Seite stehen.
Seine Qualitäten als Coach hat Rangnick in der Bundesliga bei Stuttgart, Hoffenheim, Schalke oder Leipzig unter Beweis gestellt. Allerdings gilt die Zusammenarbeit mit dem gewieften Taktiker als nicht einfach. Rangnick hat gerne das Sagen, die Verantwortung.
In Manchester sollte sich daraus kein Problem ergeben, glaubt Fußball-Experte Netherton. "Der englische Fußball funktionierte lange mit Trainern, die mit viel Macht ausgestattet waren - und United ist im Vergleich zu anderen großen Vereinen der Premier League eher altmodisch. Rangnicks Wunsch nach Kontrolle wäre wahrscheinlich problematischer, wenn er zum Beispiel beim FC Chelsea arbeiten würde."

"RR" - die große Unbekannte: Rangnick & Ronaldo

Die britischen Medien sehen eine andere Gefahr. "Wie wird Rangnick mit Ronaldo umgehen? Können sie zusammenarbeiten?", fragte die "BBC". Ronaldo ist auch mit 36 Jahren der Torgarant bei United, scheint aber nicht zum laufintensiven Pressing-System des neuen Trainers zu passen. "Was Rangnick mag: Teamspiel, Theorie, tote Genies aus der Sowjet-Ära. Was er nicht mag: Egos, Stars, Ineffizienz", schrieb der "Guardian" und verlieh damit der Sorge Ausdruck, dass es schon bald krachen könnte zwischen Trainer und Superstar.
Auf der anderen Seite wissen beide genau, dass es vor allem sie sein werden, die im Kreuzfeuer der Kritik stehen, wenn die Ergebnisse nicht passen. Das taten sie zuletzt nicht. Drei Niederlagen setzte es in den vergangenen fünf Ligaspielen. Die Auswahl des inzwischen Trainers Ole Gunnar Solskjær wurde bis auf Platz acht durchgereicht, Tabellenführer Chelsea hat satte zwölf Punkte mehr auf dem Konto.
Da United zudem im League Cup an West Ham scheiterte, bleiben noch der FA Cup und die Champions League, um Titel zu sammeln. Das ist das Ziel, da liegen Rangnick und Ronaldo auf einer Wellenlänge. Und nicht nur in Manchester werden sie die Daumen drücken, sondern auch ganz im Süden in Southwick.
Ein Rangnick-Titel wäre ja auch ein ganz klein wenig ein Southwick-Erfolg. Die kurze Zeit im 13.000-Einwohner-Städtchen in West Sussex sei für den heutigen United-Trainer "sehr wichtig in der Entwicklung" gewesen, sagt sein damaliger Teamkollege Adie Bachelor im Gespräch mit der Lokalzeitung "The Argus". Rangnick habe darüber gesprochen, wie die Zeit beim Amateurverein "ihm auf seinem Weg geholfen habe. Und das ist sehr schön zu hören."
Vielleicht klappt es ja doch noch für Rangnick mit einem Titel in England.
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