Mit dem gleichen Trainer von der Oberliga bis in die Bundesliga – viele Fußballromantiker dürften dem FC Heidenheim mit Trainer Frank Schmidt in der Relegation (Hinspiel am Donnerstag, ab 20:30 Uhr im Eurosport Liveticker) die Daumen drücken. Der Aufstieg des kleinen Vereins von der Brenz wäre ein klassisches Fußballmärchen.
Doch der FC Heidenheim ist nicht nur der sympathische Underdog mit klitzekleinen Außenseiterchancen, sondern eine ernstzunehmende Topmannschaft der zweiten Liga, die sehr schwer zu schlagen ist – auch für ein auf dem Papier her deutlich stärker besetztes Team wie Werder!
Bundesliga
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01/07/2020 AM 11:14
WER GEWINNT DIE RELEGATION?

1. FC Heidenheim: Flexibilität und Stabilität

Heidenheims größte Stärke ist die defensive Stabilität. Lediglich 36 Gegentore kassierte der FCH in den 34 Zweitligaspielen – ein Wert, der nur von Meister Arminia Bielefeld (30) getoppt wird. Diese defensive Stabilität ist bei Heidenheim weniger der Verdienst einzelner überragender Abwehrspieler, sondern das Ergebnis kollektiver Defensivarbeit.
Frank Schmidt lässt seine Mannschaft in verschiedenen Systemen antreten: Neben einem klassischen flachen 4-4-2 hat der FCH auch die Variante mit einer Mittelfeldraute im Repertoire. Alternativ bietet Schmidt auch nur eine Spitze auf, sodass man entweder mit zwei Sechsern und einem Zehner oder einem Sechser und zwei Achtern im Zentrum spielt. Unabhängig vom System sind bei Heidenheim immer die gleichen Defensivprinzipien zu sehen.
Abstöße des Gegners stellen sie hoch zu und erzwingen lange Bälle. Mit ihrer kopfballstarken Innenverteidigung gewinnen sie viele dieser Luftduelle im Bereich um die Mittellinie herum. Aus dem Spiel heraus verzichten sie jedoch weitestgehend auf hohes Anlaufen. Der Defensivblock bleibt dafür sehr eng zusammen, sodass sich für den Gegner kaum Lücken auftun. Dementsprechend oft spielen Heidenheims Gegner viel über die außen.
In den ungefährlichen Räumen machen sie also gar keinen Druck auf den Ball, sodass es mitunter passiv wirkt. Doch sobald der Gegner den Weg nach innen sucht, sind die Heidenheimer aggressiv und gewinnen viele Bälle. Besonders Niklas Dorsch, der sich eigentlich durch seine Spielmacherqualitäten aus der Tiefe auszeichnet, hat in dieser Saison ein besonders gutes Timing gezeigt: 88 erfolgreiche Tacklings werden ligaweit nur von Bochums Linksverteidiger Danilo Soares überboten.

Niklas Dorsch überzeugt auch in den Defensive beim 1. FC Heidenheim

Fotocredit: Getty Images

1. FC Heidenheim: Flankenverteidigung und Umschaltspiel

Durch die sehr kompakte Abwehrarbeit werden die Flügel für den Gegner oftmals zur Angriffszone der Wahl, Heidenheim lässt viele Flanken zu. Hier zeigen sie aber eine sehr konzentrierte und disziplinierte Aufnahme der Gegner im Strafraum. Der ballferne Außenverteidiger rückt ein und verstärkt mit den beiden Innenverteidigern den zentralen Bereich vorm Tor.
Dorsch und Nebenmann Sebastian Griesbeck nehmen nachrückende Mittelfeldspieler des Gegners auf, sodass Heidenheim in der gefährlichen Zone immer gut besetzt ist. Werder tat sich zuletzt oft schwer mit dem Flügelspiel, außer Niclas Füllkrug ist aktuell auch kein richtig kopfballstarker Spieler als potenzieller Flankenabnehmer im Bereich der Startelf.
Nach geklärten Bällen schaltet Heidenheim blitzschnell um. Der erste Blick nach Ballgewinn geht sofort in die Tiefe, wo Mittelstürmer Tim Kleindienst als Zielspieler agiert. Der lange, körperlich sehr starke Linksfuß läuft zwar kaum einem Innenverteidiger davon oder spielt ihn aus, kann dafür aber wie kaum ein anderer Spieler im deutschen Profifußball Bälle mit dem Rücken zum Tor festmachen.
Die Außenbahnspieler kommen bei den Kontern mit viel Tempo nach vorne und werden von Kleindienst eingesetzt. Dieser besetzt gemeinsam mit Sturmpartner David Otto (oder Denis Thomalla) das Zentrum und punktet dort mit großer Wucht und starker Kopfballtechnik.
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FCH: Ruhephasen im Aufbau – Tempoverschärfung über Diagonalbälle

Sind die überfallartigen Konter nicht möglich, beherrscht Heidenheim auch ein sehr ordentliches Ballbesitzspiel. Hier gehen sie sehr wenig Risiko und lassen den Ball sicher von Fuß zu Fuß laufen.
Dreh- und Angelpunkt ist hier Dorsch, der in Manier eines Quarterbacks erster Aufbauspieler ist – mal von der Sechserposition aus, mal zwischen den Innenverteidigern oder zwischen Innen- und Außenverteidiger. Mit teilweise aufreizender Geduld lockt der FCH den Gegner ins Pressing. Dieses wollen sie dann mit gezielten Verlagerungen oder langen Bällen überspielen.
Gerade die Diagonalbälle von Dorsch auf einen aufgerückten Außenverteidiger sorgen oft für Gefahr. Nach der Ballannahme wird nämlich sofort vors Tor geflankt, wo immer mindestens drei Spieler einlaufen. Für Werder wird es hier wichtig sein, rechtzeitig zu klären, wer welchen Offensivspieler aufnimmt – denn wenn Kleindienst und Co. erst einmal in vollem Lauf sind, kann man sie nur noch schwer an der Direktabnahme per Kopf oder Fuß hindern.
Durch diese Spielweise holen die Heidenheimer viele Standardsituationen heraus. Hier haben sie mit Marc Schnatterer einen echten Experten, der Freistöße und Ecken mit enorm viel Zug vors Tor bringt – starke 13 der 45 Heidenheimer Tore fielen nach ruhendem Ball.

Standardspezialist Marc Schnatterer spielt bereits seit 2008 beim FCH

Fotocredit: Imago

Eurosport-Check: Der FC Heidenheim geht als klarer Underdog in die Relegationsspiele. Für Werder sprechen vor allem das Momentum des Last-Minute-Sprungs auf Platz 16 und der individuell klar bessere Kader – zudem hat Heidenheim einen Tag weniger Pause bzw. Vorbereitung und muss zudem noch die Reise nach Bremen antreten.
Dennoch zeichnen den FCH einige Dinge aus, mit denen Werder in der laufenden Saison große Probleme hatte: Die Grün-Weißen taten sich gegen sehr kompakte Gegner immer schwer und spielten nur wenige klare Torchancen heraus. Gegen das schnelle Heidenheimer Umschaltspiel muss das Team von Florian Kohfeldt eine gute Absicherung hinbekommen, ohne dabei an offensiver Durchschlagskraft zu verlieren.
Dass Heidenheim mit Schnatterer über einen der besten Standardschützen des Landes verfügt und zudem viele kopfballstarke Spieler in den Strafraum schicken kann, dürfte gegen die bei Standards extrem anfälligen Bremer ein großer Vorteil sein.
Werder wird viel Geduld und Konsequenz benötigen, um ein gutes Ergebnis einzufahren, Heidenheim wird nur wenige Räume anbieten und sich mehr denn je auf die eigenen Stärken fokussieren – die hervorragend zu den Schwächen des Gegners passen!
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