Nationalmannschaft: Julian Nagelsmann betont nach Remis gegen Italien das Positive - Schiffbruch ohne Untergang

Aus 3:0 wird 3:3 - die wilde Achterbahnfahrt gegen Italien im Viertelfinal-Rückspiel der Nations League bringt der deutschen Nationalmannschaft nicht nur die Ausrichtung des Final Four im Juni und die Chance auf einen Mini-Titel, sondern auch einen Lerneffekt und eine Menge Erkenntnisse. Bundestrainer Julian Nagelsmann freut sich: "Das ist Weltklasse und für unsere Entwicklung super."

Nagelsmann von Hälfte eins verblüfft: Italien "hatte keine Chance"

Quelle: Perform

Es ist ihr Ritual. Egal, wie das Spiel ausgegangen ist. Während ihre Spieler sich vom Publikum verabschieden, besprechen sich Bundestrainer Julian Nagelsmann und Benjamin Glück, einer seiner Assistenten, im Mittelkreis.
Sie analysieren, diskutieren – und genießen dem Augenblick. Sie winken ihren Liebsten auf der Tribüne. Mitten auf dem Rasen. Dort, wo noch vor wenigen Minuten das Spiel tobte.
Und im Dortmunder Signal Iduna Park tobte ein ganz besonderes, ein irres Spiel am Sonntagabend. Durch das 3:3 (3:0) gegen Italien erreichte die deutsche Nationalmannschaft in einem rauschhaften Spiel, einer wilden Achterbahnfahrt, die Mini-Endrunde der Nations League im Juni, die der DFB nun ausrichten darf – in München und in Stuttgart.
Die Fans sahen: Eine DFB-Elf, die Staunen verursachte – positiv wie negativ. Eine erste Halbzeit zum Niederknien, 3:0. Eine zweite Halbzeit zum Nägelkauen, 0:3. Darüber haben der Cheftrainer und sein Assistent gesprochen – und sich gefreut, dass ihnen nichts Besseres passieren konnte.

Oh, wie ist das schön!

Eine mitreißende erste Hälfte und eine zweite, die für jede Videoanalyse nicht besser geeignet sein könnte. Nagelsmann war so frei, dies nachher auch sofort vor all den Mikrofonen preiszugeben.
"In der ersten Halbzeit war es sehr unterhaltsam", sagte Nagelsmann fröhlich untertreibend, "in der zweiten war es auch sehr interessant, nur ein bisschen zu spannend am Ende." Ebenfalls etwas verniedlichend dargestellt.
"Oh, wie ist das schön! So was hat man lange nicht gesehen!" sowie "Die Nummer eins der Welt sind wir!" sangen die Heimfans nach der 3:0-Führung durch die Treffer von Joshua Kimmich (Foulelfmeter), Jamal Musiala sowie Tim Kleindienst und verabschiedeten die Spieler mit stehenden Ovationen in die Halbzeit.
Tatsächlich war es wohl eine der besten Halbzeiten seit dem WM-Triumph 2014 in Brasilien. Spielfreudig, aggressiv, dominant, trickreich, clever.

"Beste Halbzeit meiner Amtszeit"

Die Halbzeit war "sehr beeindruckend, die beste meiner Amtszeit", bestätigte Nagelsmann, sagte aber auch: "Ein Fußballspiel ist nie perfekt. Es war aber unfassbar ansehnlicher Fußball."
Laut Kapitän Kimmich seien die ersten 45 Minuten "sehr, sehr sexy anzugucken" gewesen, "da haben wir einen sehr guten Ball gespielt."
picture

Nagelsmann über Tor nach Blitzecke: "Kann man nicht einstudieren"

Quelle: Perform

Nico Schlotterbeck schwärmte: "Wir haben eine brutale erste Halbzeit gespielt, waren unfassbar dominant, haben sie komplett an die Wand gepresst." Mit dem 2:1 vom Hinspiel vor vier Tagen in Mailand war das DFB-Team ins Rückspiel gestartet, zur Pause stand's also insgesamt 5:1.
Was sollte da noch schiefgehen gegen gedemütigte Italiener. Die Azzurri aber resignierten nicht – vielleicht, weil das Spiel an Ort und Stelle eines ihrer größten Siege stattfand. Gegen Deutschland, mit 2:0 im WM-Halbfinale 2006.

Nationalmannschaft: Faden reißt komplett

Nach dem Seitenwechsel kippte das Spiel. Wie ein Zug, der in einen Kopfbahnhof einfährt und nach kurzer Wartezeit die Fahrtrichtung ändert, um den Bahnhof wieder zu verlassen.
Zu lässig, zu locker gingen es die DFB-Kicker nun an, im Gefühl des sicheren Sieges. 3:1, 3:2, dann riss der Faden komplett, (Versagens-) Angst kam dazu.
Der Fußballlehrer Nagelsmann erkannte: "Der große Unterschied war, dass wir in der zweiten Halbzeit fast nur noch nach hinten gespielt haben und fast nur noch durch die Mitte. Es lag nicht nur an dem Fehlpass vor dem ersten Gegentor (Leroy Sané und Kimmich patzten, Anm. d. Red.). Es war zu viel Freestyle. Wenn du die Struktur verlierst, dann tut ein Fehlpass noch viel mehr weh. Wenn es länger 3:0 steht, dann kapituliert der Gegner. So kippt das Momentum."
Vom Kipppunkt der Partie sprach auch Kimmich: "Nach dem 3:1 bekam der Gegner ein Momentum, da waren wir zu fehleranfällig. Man merkt, dass wir noch sehr viel dazulernen müssen."

Auswechslungen als Auslöser?

Man sei "unsauber" geworden, so Schlotterbeck, habe "zu viele Fehler gemacht". Tim Kleindienst meinte: "Die Zuordnung hat nicht mehr gepasst, wir sind nicht mehr ins Pressing gekommen."
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die deutsche Mannschaft ihre Stabilität im Zentrum durch Nagelsmanns Auswechslungen (Leon Goretzka, Angelo Stiller und Sané) verlor – weil die auch im Gefühl des sicheren Sieges geschahen?
Der Bundestrainer verteidigte seine Entscheidungen so: "Leon hatte Oberschenkelprobleme. Es war klar, dass er nur bis zur 60. Minute spielen kann. Angelo hatte eine Gelbe Karte, es stand 3:1. Warum soll ich da ins Risiko gehen? Wenn wir ein Tor gebraucht hätten, hätte ich ihn nicht ausgewechselt."
Als auch Jamal Musiala nicht mehr konnte und Antonio Rüdiger angeschlagen runter musste, konnten die eingewechselten Pascal Groß, Nadiem Amiri und Karim Adeyemi sowie später Robert Andrich und Debütant Yann Bisseck den Qualitätsverlust nicht auffangen. Der zunächst furiose Auftritt mutierte zur bedenklichen Zitterpartie. Mit Happy End.

Ein Remis, drei Erkenntnisse

Und ganz großem Erkenntnisgewinn: Nummer eins wie am Donnerstag in Mailand bewiesen. Die Mannschaft kann nach einem Rückstand zurückkommen. Nummer zwei, O-Ton Nagelsmann: "Wir können tollen Fußball spielen." Nummer drei, wieder der Bundestrainer: "Ein Spiel ist in der Halbzeit noch nicht vorbei. Wir wissen, dass wir es über das ganze Spiel zeigen müssen."
Ergo: "Daher war es für unsere Entwicklung vielleicht besser, als wenn wir 4:0 gewonnen hätten. Die Erkenntnis aus beiden Spielen ist Weltklasse und für unsere Entwicklung super." Das hilfreichste 3:3 der DFB-Geschichte. Ein Schiffbruch ohne unterzugehen.
Auch die Spieler sprachen von einem heilsamen Schock, der Lerneffekt macht die Würze für große Turniere – wenn er denn einsetzt. "Am Ende mussten wir sehr leiden, vielleicht hilft es uns für die nächsten Spiele", hoffte Schlotterbeck.

Deutschland "ein Land der Meckerer"

Abwehrchef Antonio Rüdiger fand: "Das müssen wir lernen: Solche Spiele gut runterzuspielen. Wir sind auf einem guten Weg, haben aber auch noch einen langen Weg."
Der diese Mannschaft nach dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-EM 2024 mit der Zwischenstation Nations-League-Endrunde zum WM-Titel 2026 in Nordamerika führen soll.
Vor dem nächsten Wiedersehen mit seinen Auserwählten nach Ende der Klub-Saison zog Nagelsmann noch ein Zwischenfazit seiner nun eineinhalbjährigen Amtszeit seit dem Start in das DFB-Abenteuer im Herbst 2023.
"Ich habe immer den Anspruch, dass unser Fußball auch unterhält", sagte der 37-Jährige und wurde – wie schon so oft grundsätzlich und dabei gesellschaftskritisch: "Wir sind ja ein bisschen ein Land der Meckerer, aber wir können stolz sein auf die Einheit zwischen Fans und Mannschaft. Die Mannschaft wirft alles rein. Das ist vielleicht die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre."

Nations League: "Titel würde uns guttun"

Bei der Mini-Endrunde im Juni kann man den ersten DFB-Titel seit dem Confed Cup 2017 gewinnen. "Wir freuen uns auf das Turnier im eigenen Land", sagte Nagelsmann, "ein Titel würde uns guttun."
Im Halbfinale geht es am 4. Juni in der Allianz Arena von München gegen Portugal. Nach Schlusspfiff werden sie wieder im Mittelkreis stehen. Nagelsmann und Glück. Berauscht oder bedient.
picture

"Kane ist der Wahnsinn": Rice schwärmt von England-Kapitän

Quelle: Perform


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung