Aus Wolfsburg berichtet Patrick Strasser
Einer für alle, alle Neune für einen - für Jogi. Gut, die zwei Eigentore der Liechtensteiner kann man natürlich nicht wirklich mitzählen bei den Ehrerweisungen für den ehemaligen Bundestrainer Joachim Löw. Am Ende des launigen Abends in der Wolfsburger Arena stand ein 9:0 gegen den krassen Außenseiter aus dem Fürstentum, der höchste Sieg der deutschen Nationalelf seit 15 Jahren.
Im WM-Qualifikationsspiel gegen den sechstkleinsten Staat der Erde mit lediglich knapp 40.000 Einwohnern - darunter 2000 Fußballer, von den überhaupt nur drei Profis sind - war ohnehin ein Schützenfest eingeplant.
WM-Qualifikation
Lahm und Schweinsteiger fehlen: Nur elf 2014er-Weltmeister bei Löw-Abschied dabei
12/11/2021 AM 08:53
Wurde es auch. Mit dem 9:0 "korrigierte" das DFB-Team den schwachen Hinspiel-Auftritt vor rund zwei Monaten, als beim Debüt von Bundestrainer Hansi Flick nur ein mageres 2:0 geglückt war.
Der unterhaltsame Kick gegen die Nummer 190 der FIFA-Weltrangliste war der Show-Act beim fußballerischen Zapfenstreich für Löw.

La Ola für den Neunerpack

"Wir sind sehr zufrieden mit der Art und Weise. Das Ziel war, Jogi Löw zum Abschied ein schönes Fußballspiel zu zeigen, das ist der Mannschaft gelungen. Es freut mich, dass Jogi neun Tore sehen konnte", gab Bundestrainer Hans-Dieter Flick zu Protokoll.
Die 26.000 Fans in der Arena des VfL Wolfsburg wurden für ihr Kommen (und Frösteln) belohnt. Zwischenzeitlich feierten sie das Spiel - und vor allem sich - mit einer langanhaltenden La Ola.
Bayerns Flügelstürmer Leroy Sané traf doppelt, Thomas Müller und die zehn bemitleidenswerten Liechtensteiner nach der frühen Roten Karte für Jens Hofer (9.) ebenso – ins eigene Netz.
Dazu Ridle Baku, Marco Reus und Ilkay Gündogan, der den Torreigen per Elfmeter eröffnet hatte.
Neben dem netten Spielchen, in dem der Wolfsburger Mittelstürmer Lukas Nmecha nach der Pause zu seinem DFB-Debüt kam und Maximilian Arnold (ebenfalls VfL) zu seinem zweiten Länderspiel nach 2014 (!), stand die Verabschiedung des Weltmeistertrainers im Vordergrund, die jedoch noch ein bisschen üppiger hätte ausfallen können.

Nur elf Weltmeister von 2014 da

Für feuchte Augen und Emotionen reichte es dennoch beim 61-Jährigen. Unter den Klängen von Andreas Bouranis WM-Hymne "Ein Hoch auf uns" standen Spalier für ihren ehemaligen Chef: Mittlerweile zurückgetretene Profis wie Sami Khedira, Per Mertesacker, Miroslav Klose oder Mario Gomez (einziger Nicht-Weltmeister) sowie Noch-Aktive wie Lukas Podolski, Julian Draxler (der wegen einer Verletzung auf einen Einsatz verzichten musste) sowie Mats Hummels.
Von den 23 Weltmeistern des 2014er Kaders kamen aber gerade einmal elf.

Beim Abschied von Joachim Löw standen zahlreiche Weltmeister von 2014 Spalier

Fotocredit: Getty Images

Wo war Philipp Lahm, der Kapitän der Helden von Rio, der Organisationschef der Heim-EM 2024? Er feierte am Donnerstag Geburtstag - darauf hätte er auch in Wolfsburg anstoßen können. Auch Löw-Vertraute und Rio-Größen wie Bastian Schweinsteiger oder Christoph Kramer waren nicht vor Ort.
Dennoch: Löw drückte und herzte jeden, natürlich auch Oliver Bierhoff, der mit Löw 2004 beim DFB als Sportdirektor angeheuert hatte. Man wollte Löw "einen gebührenden Abschied bereiten", sagte der heutige DFB-Direktor Bierhoff vorher. Wertung: Geht so, die Würdigung fiel etwas dünn aus.
"Es war nicht immer ganz so einfach, weil ich nach so vielen Jahren und der langen Reise Abstand gewinnen und einiges verarbeiten musste. Das letzte Turnier war für uns alle enttäuschend, aber jetzt geht es mir wieder gut und ich freue mich auf Fußball", sagte Löw 135 Tage nach seinem letzten Spiel (dem 0:2 im EM-Achtelfinale gegen England) bei "RTL". Ein Comeback auf der Trainerbank könne er sich vorstellen: "Die Lust und die Motivation kommt allmählich zurück."

Neuer wird gegen Armenien geschont - wer noch?

Die hat Flick ins DFB-Team zurückgebracht. Fehlt noch Sieg Nummer neun im zehnten Spiel der Qualifikation am Sonntagabend (18:00 Uhr im Liveticker) in Armenien. Antonio Rüdiger darf wegen seiner zweiten Gelben Karte aus dem Liechtenstein-Spiel auf den Trip zum Jahresabschluss verzichten. Auch Kapitän Manuel Neuer bleibt in Absprache mit dem FC Bayern zu Hause. Somit dürfte dessen Stellvertreter Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona zum Einsatz kommen.
Wer sonst noch am Samstagnachmittag die weite Reise mit dem Flug von Hannover nach Jerewan antreten wird, will Flick noch entscheiden. Kandidaten für eine Schonung: Müller, Gündogan, Reus und Goretzka, der nach acht Minuten einen üblen Tritt gegen den Hals (Übeltäter Hofer sah die Rote Karte) verkraften und länger auf dem Rasen behandelt werden musste.
"Leon hätte nach der Halbzeit weiterspielen können, aber wir wollten kein Risiko eingehen und haben ihn rausgenommen", erklärte Flick, "er ist nochmal untersucht worden. Ich gehe davon aus, dass er am Samstag mit nach Armenien kann. Leon ist ein Spieler, den wir brauchen - gerade in der aktuellen Situation. Er ist wichtig, weil er die Defensive stärkt."
Mit dem 9:0, dem sechsten Sieg im sechsten Spiel, überbot Flick den von seinem Vorgänger 2006 aufgestellten Startrekord von fünf Siegen. Das in dieser Zeit herausgeschossene 13:0 gegen San Marino dürfte jedoch nicht überboten werden.
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