Es mutete etwas überraschend an, als Bundestrainer Hansi Flick am vergangenen Freitagabend BVB-Profi Marco Reus mit einem Startelf-Einsatz gegen Rumänien (2:1) bedachte – und dafür seinen langjährigen Bayern- und DFB-Spieler Thomas Müller auf die Bank beorderte.
Nicht etwa, weil Flick die Qualitäten des Dortmunder Kapitäns nicht schätzen würde. Kurz nach Amtsantritt hatte der neue Coach dem 32-Jährigen verbal den Roten Teppich ausgerollt, intensiv um dessen Rückkehr in die Nationalmannschaft geworben, nachdem Reus freiwillig auf die Europameisterschaft im Sommer verzichtet hatte.
"Marco Reus ist für mich einer der besten Spieler im letzten Drittel, der eine enorme Technik hat, den letzten Pass geben kann", sagte Flick Anfang August auf einer Pressekonferenz und ergänzte: "Er versteht es, sich freizulaufen, er kann durch seine Art und Weise, Fußball zu spielen gegnerische Abwehrreihen aufreißen."
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Im Rahmen der letzten Länderspielpause zahlte Reus, der in Abwesenheit des angeschlagenen Müllers die Zehnerposition bekleidete, das Vertrauen zurück, zeigte vor allem beim 6:0 über Armenien eine ansprechende Leistung.

Flick rechtfertigt Reus-Einsatz

Warum es dennoch verwunderlich war, dass er nun den Vorzug gegenüber Müller erhielt? Flick setzte wider Erwarten nicht vollumfänglich auf die viel zitierte und eingespielte Bayern-Achse aus Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Leroy Sané, Serge Gnabry und eben Müller, die derzeit unter Trainer Julian Nagelsmann für Furore sorgt.
Seine Mannschaft habe zuletzt "gut gespielt". Dementsprechend habe es "keinen Grund gegeben, Änderungen vorzunehmen", rechtfertigte Flick seine Entscheidung pro Reus. Müller kam hingegen nach 67 Minuten für den einmal mehr glücklosen Timo Werner ins Spiel und avancierte prompt zum Matchwinner, indem er eine Kopfballverlängerung seines Bayern-Teamkollegen Goretzka in klassischer Mittelstürmer-Manier zum entscheidenden 2:1 über die Linie bugsierte.
"Ich habe ihn ganz gut reingedrückt. War geil", freute sich Müller im Anschluss an die Partie. Er ergänzte: "Ich liebe dieses Gefühl." Dass er sich dabei über die Vorgaben seines Trainers hinweggesetzt und Flick "in Alarmbereitschaft" versetzt hatte, weil er bei Kimmichs Ecke vor dem Tor entgegen sämtlicher Absprachen zunächst kurz kommen wollte und grundsätzlich "etwas freier unterwegs war", wie der Urbayer es ausdrückte, war schließlich nur noch eine Randnotiz. Müller als Freigeist, eine Tatsache, um die Flick aufgrund der langen Zusammenarbeit weiß.
Müllers Auftritt bringt seinen Übungsleiter allerdings nun in die Bredouille, im Vorfeld des nächsten WM-Qualispiels in Nordmazedonien am Montagabend (20:45 Uhr im Liveticker) ist ein Kampf um den begehrten Platz auf der Zehnerposition entbrannt, es wird medial spekuliert, dass Müller bei der geplanten Revanche für das 1:2 im Hinspiel zurück in die Startelf kehrt.

Matthäus: Darum sollte Müller spielen

Aus Sicht von Lothar Matthäus müsse Flick besagte Änderung vornehmen. "Thomas ist einer, der immer alles gibt, die Mannschaft mitreißt und auf dem Platz organisiert, der Tore schießt und Vorlagen gibt. Eigentlich ist er nicht wegzudenken", sagte der Rekordnationalspieler. Für Müller spreche auch der Umstand, dass er mit Kimmich und Goretzka zwei FCB-Mitspieler im Rücken habe: "Das passt. Die kennen sich und wissen seit Jahren, was sie zu tun und zu lassen haben."
Und der Bundestrainer? "Wir sind froh, dass wir auf dieser Position so viel Qualität haben", sagte Flick mit Blick auf den Platz hinter der Spitze. Auch für Reus, der Müllers Atem im Nacken spürt, sei "der Konkurrenzkampf auf jeden Fall da. Wir haben qualitativ sehr gute Spieler im offensiven Bereich. Da muss man sich immer anbieten. Das gehört dazu, das brauchen wir auch, um wieder nach oben zu kommen."
Als Nachteil bewertet er das Gerangel um die vakante Position nicht: "Es geht nur im Miteinander. Das betrifft jeden Einzelnen." In eine ganz ähnliche Kerbe schlug auch Müller: "Da wird es keine persönlichen Befindlichkeiten oder Ego-Spielchen geben."

Florian Wirtz (l.) und Jamal Musiala - Wer zieht im Topspiel den Kürzeren?

Fotocredit: Getty Images

Obwohl Flick zuletzt betonte, dass die Nationalmannschaft "nicht nur auf der Zehn gut besetzt" sei, ist eines offensichtlich: Auf wohl keiner anderen Position verfügt das DFB-Team über eine derart hohe Gesamtqualität. Neben Müller und Reus, denjenigen, die sich derzeit eine Art Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, hat Flick weitere Optionen.
Allen voran Champions-League-Sieger Kai Havertz vom FC Chelsea. Der ehemalige Leverkusener hat aktuell zwar mit einer kleinen Formdelle zu kämpfen, dass er über fußballerisch herausragende Fähigkeiten verfügt, hat er in der Vergangenheit nachhaltig unter Beweis gestellt. Dahinter lauern mit den beiden Top-Talenten Florian Wirtz und Jamal Musiala zwei hochveranlagte, vielversprechende Youngster.

Müller und Reus zusammen? Das sind die Optionen

Die Entscheidung, wer künftig die Kreativzentrale leitet, liegt einzig und allein bei Flick. Dabei bestünde sogar die theoretische Möglichkeit, weder auf Müller noch auf Reus verzichten zu müssen.
Da Werner als Mittelstürmer mitunter nur wenig überzeugend auftritt, wäre auch eine Lösung mit Müller oder Reus an vorderster Front denkbar. Das routinierte Duo ist – ähnlich wie beispielsweise Havertz – im Offensivbereich flexibel einsetzbar.
Eine andere Alternative wäre, Gnabry, der in der Vergangenheit schon häufiger im Nationalteam die falsche Neun gegeben hatte, stürmen zu lassen. Die freiwerdende Stelle auf der Außenbahn könnte von Reus besetzt werden, während Müller den Raumdeuter in der Mitte verkörpert. Umgeht Flick also seine Zwickmühle?
In die Karten ließ er sich diesbezüglich wie gewohnt nicht schauen. "Wir werden auf jeden Fall eine Mannschaft hinstellen, die in der Lage ist, Nordmazedonien zu schlagen", sagte er. Zur Not auch wieder mit der einen oder anderen Überraschung – eine Startelf-Berufung von Thomas Müller wäre hingegen keine.
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