Gerade einmal 256 Tage ist es her, dass stolze Azzurri den EM-Pokal in Wembley in die Höhe reckten. Nur 256 Tage zwischen Ekstase und bodenloser Enttäuschung. Zwischen London und Palermo.
Dort, auf dem Rasen des Stadio Renzo Barbera, herrschte am Donnerstagabend Ungläubigkeit. Ein Land war binnen Minuten in Schockstarre verfallen.
Fußballzwerg Nordmazedonien hat Italien in der Nachspielzeit des WM-Playoff-Halbfinals ins Herz getroffen. Aleksandar Trajkovski traf in der 92. Minute zum entscheidenden 1:0. Ein Ex-Palermo-Kicker, ausgerechnet.
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Italien wird zum zweiten Mal in Folge die WM verpassen – und plötzlich ist Wembley nur noch eine blasse Erinnerung. Viel präsenter ist die traumatische Nacht aus dem November 2017 in Mailand. Ein vor laufender Kamera hemmungslos weinender Gianluigi Buffon. Damals hatte Schweden die Italiener bezwungen und war statt des viermaligen Weltmeisters zur Endrunde nach Russland gefahren.
Ein Schreckgespenst, das man in Italien nach der magischen Nacht von London für immer weggesperrt geglaubt hatte. Das WM-Trauma, es ist zurück.

Presse tobt: "Niedrigstes Niveau aller Zeiten"

Die italienische Presse sparte nicht mit Hohn und Spott. "Die Nationalmannschaft nicht bei der Weltmeisterschaft, der italienische Fußball erreicht sein niedrigstes Niveau aller Zeiten", titelte der "Corriere della Sera". Ausgeknockt von "einer Nation, Nordmazedonien, von der viele nicht wussten, dass sie existiert."
"La Repubblica" schrieb von einer "schlimmeren Enttäuschung als Schweden", von einer "Kernschmelze". Die "Gazzetta dello Sport" gar von der "Apokalypse". In Zeiten eines russischen Angriffskrieges auf die Ukraine sicher keine angebrachte Wortwahl, doch sie zeigt, wie groß der Schmerz im stolzen Fußballland ist.
"Es tut weh, es tut sehr weh", erklärte Jorginho. Trainer Robert Mancini, der Architekt des EM-Coups von London, sprach nach dem Spiel von der "größten Enttäuschung" seiner Karriere.

Italien verpasst die Weltmeisterschaft in Katar

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Italien und die WM: Die Jahres des Leidens gehen weiter

Italien wird vier weitere Jahre keinen WM-Fußball sehen. 2014 in Brasilien hatten die Azzurri zuletzt in einer Endrunde gestanden, waren dort jedoch genau wie 2010 bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Das letzte K.o.-Spiel bei einer WM bestritten sie 2006 in Deutschland. Damals wurde man im Finale gegen Frankreich Weltmeister. 2026, wenn Italien die nächste Chance hat, bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein, wird das 20 Jahre zurückliegen.
Es ist überhaupt erst das dritte Mal, dass sich die Squadra Azzurra nicht für eine WM qualifiziert. 2022, 2018 und 1958 sind die schwarzen Flecken in der so rühmlichen Fußball-Geschichte der Stiefel-Nation. 1930 hatte das Land freiwillig auf eine Teilnahme verzichtet.
Vor diesem Hintergrund klingt es fast surreal, dass Italien von 2018 bis 2021 einen neuen Weltrekord von 37 Spielen ohne Niederlage aufgestellt hat. 30 Siege und sieben Remis – bei 93 Toren und nur 12 Gegentoren. Liebend gerne würden sie diese Bestmarke nun gegen eine Teilnahme an der WM in Katar eintauschen.

Italien: Eine Nation auf der Suche nach Gründen

"Es ist schwer zu erklären, schwer Antworten zu finden", meinte ein ratloser Jorginho. Eine Nation sucht nach Gründen. Chancen hatten die Italiener genug. Allein am Donnerstag gab das Mancini-Team 32 Schüsse ab – und wirkte irgendwie dennoch harmlos.
Einen verlässlichen Zielspieler suchte man vergebens. Ciro Immobile war im azurblauen Trikot einmal mehr eine Enttäuschung. Die Kaltschnäuzigkeit fehlte. Ein Problem, das Italien seit der EM mit sich herumträgt. "Wir haben seit September Fehler gemacht, und dafür haben wir jetzt bezahlt", erklärte Kapitän Giorgio Chiellini.
Auch in den entscheidenden WM-Quali-Spielen gegen Bulgarien, Nordirland und die Schweiz hatten die Azzurri zu viel liegengelassen. Jorginho vergab in den beiden Spielen gegen die Eidgenossen (0:0, 1:1) gleich zweimal vom Elfmeterpunkt. "Daran werde ich mein Leben lang denken", so der Chelsea-Star.

Verband möchte mit Mancini weitermachen

Nun von einem gescheiterten Projekt zu sprechen, kommt in der Analyse aber zu kurz. 2021 wurde der Europameister noch als neuer Blueprint für den internationalen Fußball gefeiert, spielte besonders in der Vorrunde groß auf.
Auch deshalb möchte Verbandschef Gabriele Gravina gerne mit Trainer Mancini weitermachen. "Ich wünsche mir, dass Mancini bei uns bleibt. Wir haben uns für ein Projekt verpflichtet", sagte der 68-Jährige bei "RAI". Mancinis Vertrag läuft noch bis 2026. Der Ex-Inter-Coach selbst ließ seine Zukunft vorerst offen.
Genau wie Kapitän Chiellini, dessen Nationalmannschaftskarriere sich mit 37 Jahren ebenfalls dem Ende zuneigt. Auch sein kongenialer Partner in der italienischen Abwehr, Leonardo Bonucci (34), wird 2026 bei einer potenziellen Endrunde in Kanada, Mexiko und den USA wohl nicht mehr dabei sein.

Roberto Mancini scheitert mit Italien im WM-Playoff-Halbfinale

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Sacchi analysiert schonungslos: "Das Problem liegt im System"

Qualitativ bange muss den Azzurri aber nicht sein. Mit Alessandro Bastoni, Gianluca Mancini, Nicolo Barella, Matteo Pessina oder dem aktuell verletzten Federico Chiesa stehen talentierte Spieler bereit, um in Zukunft voranzugehen.
Für den ehemaligen Nationaltrainer Arrigo Sacchi liegt das Problem ohnehin tiefer. "Die wenigste Schuld an dieser Situation trifft die Spieler und den Trainer. Das Problem liegt im System", sagte er der "Gazzetta dello Sport" nach dem blamablen Aus gegen Nordmazedonien: "Unsere Jugendabteilungen sind voll mit Spielern aus dem Ausland, die gekauft werden wie Obst und Gemüse, die Klubs sind höchstverschuldet, die Teams gewinnen außerhalb Italiens nichts mehr und niemand sagt etwas?"
Italien sei "rückständig" – und das nicht nur im Fußball. "Die anderen Nationen entwickeln sich, wir sind auf dem Stand von vor 60 Jahren geblieben", so Sacchi, der nun auf grundlegende Reformen hofft.
Der italienische Verband wird sich diesen Fragen in den nächsten Wochen und Monaten stellen müssen. Eines wollen die Verantwortlichen auf und neben dem Platz nämlich ganz sicher vermeiden: Dass das WM-Schreckgespenst sie in vier Jahren erneut heimsucht.
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