WM 2022 - Drei Dinge, die bei Argentinien gegen Kroatien im Halbfinale auffielen: Die fabelhafte Welt des Lionel Messi

Angeführt von einem famosen Lionel Messi stürmt Argentinien bei der WM 2022 ins Endspiel. Beim 3:0 gegen Kroatien im Halbfinale genießt der 35 Jahre alte Superstar seine eigene Show in vollen Zügen. Julián Álvarez entpuppt sich als genialer Sidekick, ist aber noch längst nicht alles, was die Albiceleste zu bieten hat. Bei Kroatien war der Akku dagegen restlos leer. Was uns in Lusail auffiel.

WM 2022: Lionel Messi (Mitte) feiert mit Argentinien das 3:0 im Halbfinale gegen Kroatien

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Um 1:00 Uhr Ortszeit feierten sie immer noch. Gemeint: Der argentinische Block im Lusail Iconic Stadion in Katar, nicht rauszubewegen von den Ordnern. Singend, jubelnd, umarmend feierte der harte Kern des argentinischen Anhangs auch zwei Stunden nach Abpfiff noch das überzeugende 3:0 (2:0) im Halbfinale der WM 2022 gegen Kroatien.
Lionel Messi hatte wie so oft den Weg bereitet (34./Foulelfmeter) und dann auch bei den folgenden Treffern von Julián Álvarez (39., 69.) seine Füße im Spiel.
"Wir freuen uns riesig", meinte der 35-Jährige nach der Partie und grinste breit: "Es hat uns unglaublich Spaß gemacht, so weit zu kommen. Wir haben auf unsere Stärke vertraut, wir haben aber auch unsere Fans um Vertrauen gebeten - und wir haben es geschafft. Jetzt sind wir im Finale und das werden wir genießen."
Nach dem 1:2 zum Auftakt gegen Saudi-Arabien hat sich die Albiceleste tatsächlich bis ins Finale gespielt, behielt gegen Kroatien ihre weiße Weste in WM-Semifinals.
"Die Leute singen draußen noch weiter, das sind pure Emotionen", meinte Rodrigo De Paul ganz ergriffen in den Katakomben: "Die Fans wissen, dass wir für diesen Traum alles gegeben. Wir sind ganz nah dran, aber wir müssen noch einen Schritt machen."
Drei Dinge, die uns im Halbfinale auffielen.

1.) Die fabelhafte Welt des Lionel M.

Dieses Spiel war seine Bühne. Elfmetertor zum 1:0 (34.), Wegbereiter beim 2:0 (39.), genialer Vorlagengeber beim 3:0 (69.) - ganz Lusail lag Lionel Messi, dem kleinen Mann mit der Zehn auf dem Rücken, am Dienstagabend zu Füßen. Und er genoss es sichtlich.
2006 im Viertelfinale vom eigenen Trainer verschmäht, auch 2010 und 2014 von Deutschland düpiert, 2018 gegen Frankreich auf verlorenem Posten - seine fünfte WM könnte ihn nun endlich ans ersehnte Ziel bringen und ihm den Goldpokal bescheren.
Es wirkt fast so, als habe er sich die vergangenen vier Jahre nur für diese WM konserviert, aufgespart. So spielt Messi mit 35 Jahren immer noch extrem leichtfüßig. Nicht mehr ganz so schnell wie früher ist er vielleicht, aber der Ball klebt eng am Fuß wie eh und je, der Kopf bleibt stets oben, das Spiel lesend, sezierend - wie bei seinem Solo vor dem 3:0. Wenn Messi zockt, ist Fußball einfach.
"Ich bin ganz ehrlich: Ich hätte es ihm nicht zugetraut, nochmal auf so einem hohen Niveau so eine starke Rolle bei einer WM zu spielen", sagte 2014er-Weltmeister Sami Khedira in der "ARD". "Es ist unfassbar, was für ein peripheres Sehen er hat, in welchen Situationen er Mitspieler wahrnimmt", staunte Thomas Broich als Co-Kommentator.
An neun der zwölf argentinischen Tore dieser WM war Messi direkt beteiligt - viermal legte er vor, fünfmal traf er selbst (allerdings drei davon vom Elfmeterpunkt). Mit seinem Elfmetertor gegen Kroatien markierte er seinen insgesamt elften WM-Treffer, zog damit an Gabriel Batistuta (10) vorbei auf Platz eins der argentinischen Hitliste. Nur fünf Spieler trafen häufiger (Klose/16, Ronaldo/15, Gerd Müller/14, Fontaine/13, Pelé/12).
"Mir gehen so viele Dinge durch den Kopf, ich weiß gar nicht, wie ich meine Gefühle beschreiben soll, wenn ich die Fans sehe, unsere Familien - alle, die uns die ganze Zeit begleitet haben und uns treu zur Seite stehen", sagte Messi nach seinem zweiten Finaleinzug.
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WM 2022: Lionel Messi (vorne) jubelt vor der argentinischen Kurve

Fotocredit: Getty Images

Mit 25 WM-Einsätzen hat La Pulga nun den Rekord von Lothar Matthäus eingestellt - am Sonntag, beim Finale, wird er der alleinige Rekordhalter werden, falls nicht noch irgendwas Fürchterliches dazwischenkommt. Doch am meisten will er den Pokal. "Er ist nur noch einen Schritt von der Krönung entfernt", sagte Real-Star Toni Kroos bei "MagentaTV", wo er vor allem mit seinem Teamkollegen Luka Modric mitgelitten hatte.
Dabei ist es anno 2022 egal, ob Argentinien 4-4-2, 4-3-3 oder 5-3-2 spielt - Messi ist immer Messi, genießt offensiv alle Freiheiten. Hatte Lionel Scaloni gegen die Niederlande noch auf eine Fünferkette gesetzt, verteidigte die Albiceleste gegen Kroatien wieder aus einer 4-4-2-Grundordnung heraus mannorientiert fast über den ganzen Platz - nur Messi musste nicht mitmachen.
Zur fabelhaften Welt des Lionel M. gehört das Privileg, von allen defensiven Aufgaben entbunden zu sein. Die irre Laufarbeit, die Rodrigo De Paul, Enzo Fernández und Alexis Mac Allister verrichten, leisten diese auch für ihn. Doch der König ist La Pulga. "Argentinien hatte Messi - er hat gezeigt, was ihn schon seine gesamte Karriere ausmacht", meinte Kroatiens Borna Sosa, auf den Unterschied in diesem Spiel angesprochen.

2.) Kroatien verteidigt katastrophal

Zum kroatischen Erfolgsgeheimnis dieser WM gehörte eine disziplinierte Defensivarbeit. Nur je ein Gegentor gegen Kanada, Japan und Brasilien hatte Kroatien bis ins Halbfinale zugelassen. Unter teilweise extremem läuferischen Aufwand - Marcelo Brozovic lief in fünf Spielen 72 Kilometer - hatte sich das 4-3-3-System von Trainer Zlatko Dalic defensiv immer brutal schnell zusammengezogen und wie ein Bollwerk präsentiert.
Am Dienstag allerdings bröselte dieses Bollwerk auseinander. 30 Minuten lang hielt der WM-Finalist von 2018 sehr gut mit, war phasenweise sogar feldüberlegen. "Die erste halbe Stunde war Kroatien für mich die bessere Mannschaft, aber dann hat Argentinien eiskalt zugeschlagen", analysierte Bastian Schweinsteiger in der "ARD".
Zwei Situationen reichten dazu. Vor dem 0:1 war es Dejan Lovren, der das Unheil heraufbeschwor: Statt mit seinem Innenverteidigerkollegen Josko Gvardiol auf einer Höhe zu bleiben, bog er in die Tiefe ab, orientierte sich dabei aber unerklärlicherweise nach außen und gab so den Passweg für Fernández auf Álvarez frei. "Er verteidigt im Niemandsland, ich weiß nicht, was er da sucht", sagte Schweinsteiger.
Álvarez lief in der Folge gegen das ausgestellte rechte Bein von Torwart Dominik Livakovic und holte damit den Elfmeter zum 1:0 raus (32.), was die Kroaten auf die Palme brachte. "Wo soll er hin?", fragte nicht nur Borna Sosa. Co-Trainer Mario Mandzukic sah auf der Bank die Rote Karte, aber Schiedsrichter Daniele Orsato war sich ganz sicher - ebenso wie direkt zuvor, als er auf Abstoß Argentinien statt Ecke Kroatien entschieden hatte (womit er allerdings falsch lag).
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Kroatien tobt nach Halbfinalaus wegen Schiedsrichter Daniele Orsato

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Beim 0:2 war die Fehlerkette noch länger. Nach einer Ecke der Kroaten wurde eine verunglückte Flanke von Marcelo Brozovic zum Boomerang: Über zwei Stationen kam der Ball zu Álvarez, der einfach gerade aus zum Tor lief und verwandelte (39.). Brozovic hätte dabei Messi taktisch foulen können oder zumindest danach beschleunigen müssen, um Álvarez noch vor der Strafraumgrenze stellen zu können. So aber war dessen Laufweg frei.
Dass das Bundesliga-Duo Gvardiol und Sosa als Restverteidigung im Strafraum jeweils Álvarez bei ihren Klärungsversuchen anschossen, half auch nicht. "Das ist zweimal Doppelpass mit einem Kroaten, das pure Glück", meinte Toni Kroos, der bei "MagentaTV" auf einem Extra-Kanal mit seinem Bruder Felix ("LuppenTV") kommentierte.
Damit war das Spiel quasi gelaufen, in der zweiten Halbzeit legte nur noch Messi sein Traumsolo samt Vorlage für Álvarez hin (69.), bei der Gvardiol abermals zu bemitleiden oder aber auch zu tadeln war - je nach dem, mit welcher Seite man es hielt.

3.) Argentinien ist mehr als nur Messi

Hatte Deutschland bei der WM 2014 die Ochsenabwehr, hat Argentinien acht Jahre später das entsprechende Mittelfeld dazu: Rodrigo De Paul, Leandro Paredes, Enzo Fernández und Alexis Mac Allister sind alles eigentlich zentrale Mittelfeldspieler, machen bei dieser WM aber einen Bombenjob in Sachen Laufarbeit und Raumaufteilung.
Aus einer defensiven 4-4-2-Grundordnung heraus verteidigte Argentinien aggressiv mannorientiert fast über den ganzen Platz - ein immenser läuferischer Aufwand für die genannten Vier, vor allem, weil Messi vor ihnen ja überhaupt nicht mitmacht.
Gegen Kroatien ergaben sich daraus fast schon irrwitzige Muster auf dem Platz, mal war's eine Mittelfeldraute, dann ein 4-3-3, dann wieder flach 4-4-2 - egal, denn der Gegner konnte nie durchbrechen, immer standen die Argentinier magisch richtig.
Im Halbfinale von Lusail stellte sich nun auch Álvarez endgültig der Weltöffentlichkeit vor. Mit seinen Treffern zum 2:0 (39.) und 3:0 (69.) markierte er bereits seine Turniertore drei und vier - und dass obwohl der Haaland-Edeljoker von Manchester City vor der WM gerade mal vier Länderspiele von Beginn an gemacht hatte.
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Lionel Messi jubelt mit Julián Álvarez (Argentinien)

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"Ich freue mich total, wir haben super gespielt", sagte der 22-Jährige. Sein Traumtor zum 2:0 schilderte er so: "Ich habe meine Kollegen links gesehen, aber ich konnte sie nicht anspielen. Also bin ich einfach geradeaus durchgelaufen."
In Katar spielt Álvarez, der nach dem Mexiko-Spiel den glücklosen Lautaro Martínez im Angriff ablöste, so gut, dass selbst Messi von ihm schwärmt.
"Julián Álvarez hat sich wirklich hervorgetan", meinte der Kapitän: "Er hat ein ganz großartiges Spiel gespielt. Er ist viel gelaufen und hat uns den Weg bereitet. Er ist ein ganz wichtiger Spieler, schon die ganze WM."
Zur argentinischen Herrlichkeit der WM 2022 gehört aber auch in Émiliano Martínez ein tadelloser Torwart, in Cristian Romero ein moderner Innenverteidiger, der mit Oldie Nicolás Otamendi eine perfekte Symbiose bildet, und wahnwitzige Aktionen wie die von Rechtsverteidiger Molina, der beim 2:0 in Mittelstürmermanier vor Álvarez kreuzte und damit die kroatischen Verteidiger überhaupt erst so richtig durcheinanderbrachte.
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