WM 2022: Frankreichs Spielstil in Katar sorgt für Diskussionen - unsexy zur Titelverteidigung?
Frankreich ist in Katar nur noch einen letzten Schritt von einem geschichtsträchtigen Erfolg entfernt. Die Équipe Tricolore steht nach dem 2:0-Sieg über Marokko erneut im WM-Finale und hat damit die große Chance, den Titel zu verteidigen. Für Begeisterung sorgte der Auftritt von Kylian Mbappé und Co. im Halbfinale aber nicht. Stattdessen entbrannte eine Diskussion über den Spielstil der Franzosen.
Frankreich-Trainer Deschamps: "Das hätte man heute nicht gedacht"
Quelle: MagentaTV
Kylian Mbappé waren die Anstrengungen der vorausgegangenen 96 Minuten deutlich anzusehen.
Während die französische Bank nach Abpfiff im Al-Bayt Stadion jubelnd den Rasen stürmte, stützte sich der Superstar von Paris Saint-Germain zunächst erschöpft auf seine Oberschenkel.
Keine Frage, es war ein hartes Stück Arbeit für die Équipe Tricolore, um den zweiten WM-Finaleinzug perfekt zu machen und damit den Traum von der erfolgreichen Titelverteidigung, was bislang nur Italien (1934 und 1938) und Brasilien (1958 und 1962) gelang, aufrecht zu erhalten.
"Das war wieder wichtig und ein gewaltiger Schritt - aber ein Spiel kommt noch. Die Spieler sollen diesen Moment genießen dürfen. Wir streben wieder den Titel an", verkündete Nationaltrainer Didier Deschamps hocherfreut nach dem 2:0 (1:0)-Erfolg seiner Schützlinge im Halbfinale über Marokko.
Das erhoffte Offensivspektakel von dem mit Stars gespickten französischen Kader blieb dabei jedoch abermals aus, weshalb die eine oder andere kritische Stimme zum recht konservativen Auftritt des amtierenden Weltmeisters laut wurde.
Kramer klagt: "Das reicht mir nicht"
"Die Franzosen kommen durch mit ihrem Weg und der wird sich auch nicht mehr ändern. Zurzeit ist er noch erfolgreich", bilanzierte "ZDF"-Experte Per Mertesacker trocken.
In der Tat blieben spielerische Glanzpunkte der französischen Offensivstars um Mbappé, Ousamane Dembélé und Olivier Giroud Mangelware. Stattdessen überließ der Favorit wie bereits in einigen Partien zuvor dem Gegner größtenteils die Initiative (rund 61 Prozent Ballbesitz für Marokko) und lauerte auf Umschaltmomente.
Einzig beim Treffer zum 2:0-Endstand durch den Frankfurter Randal Kolo Muani (79.) ließ Mbappé, der bereits beim Führungstor von Theo Hernández (5.) seine Füße im Spiel hatte, seine spielerische Klasse aufblitzen. Der 23-Jährige beschäftigte mit einem Dribbling im gegnerischen Sechszehner gleich die halbe marokkanische Mannschaft und ermöglichte Kolo Muani so sein erstes Tor im Nationaltrikot.
Bei Gladbach-Profi Christoph Kramer sorgte die Darbietung des Titelverteidigers dennoch für wenig Begeisterung. "Frankreich spielt seit 2018 bieder aus meiner Sicht. Mir reicht es nicht, wenn du so tolle Spieler hast. Da ist so viel mehr drin, weil Frankreich ein Spielermaterial hat, was es auf der Welt sonst nirgends gibt, und als Fan möchte ich schönen Fußball sehen", klagte der Weltmeister von 2014 in seiner Rolle als "ZDF"-Experte.
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Jules Koundé (l./Frankreich) lässt Abdessamad Ezzalzouli (Marokko) entwischen - doch Frankreich-Keeper Hugo Lloris rettet
Fotocredit: Imago
Frankreich zu konservativ? Experten uneins
Speziell in der zweiten Halbzeit zog sich die Deschamps-Elf mit der Führung im Rücken weit zurück und beschränkte sich zeitweise auf die Arbeit gegen den Ball. Marokko dagegen wurde nahezu von Minute zu Minute selbstbewusster und erhöhte den Druck. In der Folge hatte Frankreich einige Mühe, brandgefährliche Hereingaben an den Fünfmeterraum zu entschärfen.
"Bei den beiden Toren, die Frankreich geschossen hat, war auch viel Glück dabei, was Marokko auf der anderen Seite eben nicht hatte", legte Kramer nach. Sein ehemaliger Teamkollege Mertesacker attestierte Les Blues dagegen eine herausragende Effizienz. "Frankreich ist in diesen Momenten zielstrebiger und hat mehr Qualität. Marokko hat einige Dinge schlechter gemacht als in den letzten Spielen, deshalb würde ich das nicht nur am Spielglück festmachen", konterte der 38-Jährige.
Auch Fußball-Experte Julien Pereira von Eurosport in Paris verteidigte die taktische Ausrichtung der Équipe Tricolore. "Spielt Frankreich konservativ? Ja. Spielt Frankreich zu konservativ? Nein, weil sie im Finale stehen. Aktuell stellen sie den zweitbesten Angriff des Turniers und agieren definitiv nicht zurückhaltender als 2018", betonte er und ergänzte:
"Deschamps hat im Vorfeld versucht, offensiver spielen zu lassen mit einem neuen System (3-4-3) und einem Angriffstrio, bestehend aus Mbappé, Karim Benzema und Antoine Griezmann. Es hat nicht funktioniert, weshalb er zu dem zurückkehrt ist, was er kennt: gute Balance."
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Didier Deschamps (r.) umarmt Kylian Mbappé nach Frankreichs Finaleinzug in Katar
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Kramer und Voss-Tecklenburg adeln Deschamps
Wozu eine zu verspielte und sorglose Spielweise führen kann, musste Topfavorit Brasilien in Katar schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Nachdem der WM-Rekordchampion im Achtelfinale gegen Südkorea (4:1) mit einer Offensiv-Gala - inklusive vier einstudierter Jubeltänze - begeisterte, musste er eine Runde später überraschend gegen Kroatien die Segel streichen (3:5 n.E.).
"Man muss diesen Fußball nicht mögen oder gar lieben, aber er ist eben sehr erfolgreich. Deschamps schafft es immer wieder, gegen jeden Gegner an den richtigen Stellschrauben zu drehen. Er hat einen klaren Matchplan und schafft es, diesen an seine Superstars zu transportieren", bilanzierte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg im "ZDF".
Auch Kramer räumte ein, dass der Erfolg letztlich für Frankreichs Coach spreche. "Du bekommst diese Superstars vielleicht nur, wenn du einen klaren defensiven Plan hast und sagst: Du musst diese Defensivarbeit leisten, sonst kannst du nicht spielen. Ich halte Deschamps für einen hervorragenden Trainer. Wer zweimal in Folge im WM-Finale steht, macht alles richtig", adelte der Gladbacher den 54-Jährigen.
Getreu dem Motto "never change a running system" wird Deschamps auch im Hinblick auf das Finale gegen Argentinien (Sonntag, 20:00 Uhr im Liveticker) nicht von seiner Philosophie abweichen. Der Erfolg gibt ihm bislang zweifelsohne recht.
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Torschütze Hernández nach Finaleinzug: "Unfassbar"
Quelle: MagentaTV
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