Im ersten Spiel des Olympia-Qualifikationsturniers lag die deutsche Mannschaft gegen starke Schweden in der ersten Halbzeit fast durchgehend in Führung und im zweiten Durchgang fast durchgehend in Rückstand.
Dass die Partie mit einem 25:25-Unentschieden endete, wirkt nur auf dem Papier folgerichtig. Mitte der zweiten Halbzeit sah die schwedische Nationalmannschaft von Trainer Glenn Solberg wie der sichere Sieger aus. In der 48. Minute traf Niclas Ekberg zum 23:19 für die Skandinavier, die sich am Ende über das Remis ärgern müssen.
Die Chancen für Deutschland, das Ticket für die Olympischen Spiele zu lösen, sind dagegen weiter intakt.
Olympic Qualification Tournament
Jubel in der letzten Sekunde: DHB-Team holt Remis gegen Schweden
12/03/2021 AM 15:46
Drei Dinge, die auffielen.

1. Torhüter-Duell Palicka gegen Bitter prägt Spiel

In der ersten Halbzeit war die Partie sehr rasant, beide Mannschaften spielten mit hohem Tempo und erzielten viele Tore. Doch schon im ersten Durchgang zeigte Schwedens Torhüter Andreas Palicka, warum beim DHB-Team Spieler und Trainer im Vorfeld vor den Qualitäten des Schlussmanns der Rhein-Neckar Löwen warnten: Der 34-Jährige hielt in der 5. Minute einen Sieben-Meter von Uwe Gensheimer, in der 11. Spielminute entschärfte Palicka einen freien Wurf nach einem Tempogegenstoß des DHB-Kapitäns.
Weil Bitter in der ersten Halbzeit nicht so richtig ins Spiel kam, kam zu Beginn des zweiten Durchgangs Silvio Heinevetter ins deutsche Tor. Doch nach Wiederanpfiff kam dessen Gegenüber Palicka so richtig in Fahrt. Der Schwede hielt einen Distanzwurf von Julius Kühn (32.), einen freien Wurf von Hendrik Pekeler (33.) und einen Versuch aus acht Metern von Kai Häfner (36.). Damit ermöglichte Palicka, dass sein Team die Führung erobern und die Deutschen den Zwei-Tore-Rückstand lange nicht ausgleichen konnten. "Nachdem Palicka zwei, drei freie Würfe in kurzer Zeit weggenommen hat, haben wir gehemmt gespielt", sagte Bundestrainer Alfred Gislason nach dem Spiel.
Doch auch im weiteren Verlauf der zweiten Halbzeit blieb der schwedische Torwart stark und hielt gegen Gensheimer (41.), Julius Kühn (42.) und Timo Kastening (46.). Insgesamt sammelte der 34-Jährige 14 Paraden in den 60 Minuten – und zwar von allen Positionen: Er vereitelte drei Würfe von Außen, drei vom Sechs-Meter, sechs aus der Distanz und einen Sieben-Meter.
Dass es doch nicht zum Sieg reichte, lag zum einen daran, dass ihm der letzte Wurf von Marcel Schiller durch die Beine ging, und zum anderen an Johannes Bitter. In der 43. Minute wurde er wieder eingewechselt. In den letzten Minuten vernagelte Bitter das Tor, hielt zwei Tempogegenstöße und zwei Würfe aus dem Rückraum. "Wir können uns bei Jogi bedanken", sagte Kreisläufer Patrick Wiencek nach dem Spiel. "Die zwei, drei Paraden von Jogi Bitter haben uns die Möglichkeit gegeben, wieder ranzukommen", befand auch DHB-Vizepräsident Bob Hanning.
Bitter selbst sagte nach dem Spiel am ARD-Mikrofon: "Handball ist auch oft Kampf und wir haben uns wieder reingekämpft." Möglich machten das die Paraden des 38-Jährigen.

2. DHB-Team beweist Moral

Nach Abpfiff überwog bei allen Akteuren des deutschen Teams die Erleichterung. "Das war ziemlich glücklich", sagte Kreisläufer Wiencek nach dem Spiel und Kai Häfner ergänzte: "Speziell nach dem Spielverlauf in der zweiten Halbzeit ist das ein gewonnener Punkt." Auch Hanning sprach vom "nötigen Quäntchen Glück". Von der 14:13-Halbzeit-Führung bis zum 14:16-Rückstand vergingen keine fünf Minuten. Diesen Rückstand konnte das DHB-Team lange nicht aufholen.
Doch während die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Ägypten in den entscheidenden Momenten gegen Spanien oder Ungarn nicht abgezockt genug spielte und die Partien noch aus der Hand gab, gelang dieses Mal die Aufholjagd. In der Schlussphase konnten die Deutschen in der Abwehr die Leistung steigern, im Angriff wurden die entscheidenden Würfe verwandelt.
"Es war klar, dass das Spiel nur noch auf eine Seite kippen kann", sagte DHB-Torwart Bitter. "Wir hatten das Spiel schon fast verloren und dann geht es noch einmal bei null los, man versucht sich voll reinzuhauen und alles andere zu vergessen. Das klappt nicht immer, aber heute hat es geklappt." Bitter war mit seinen Paraden und seiner Mentalität das Gesicht dieser Aufholjagd.
Durch dieses Unentschieden hat die deutsche Mannschaft nun gute Chancen auf das Erreichen der Olympia-Qualifikation. Mit zwei Siegen gegen Slowenien am Samstag und Algerien am Sonntag hat der DHB das Ticket sicher. Der Punkt bedeute, "dass wir noch leben", sagte Hanning nach dem Spiel. "Wir haben den vermeintlich größten Gegner hinter uns, aber das Spiel gegen Slowenien wird ein richtiger Hammer."
Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Aufholjagd kurz vor Schluss eine Mannschaft beflügelt. Die deutschen Nationalspieler strahlten in den Interviews nach dem Spiel neben der Erleichterung auch Siegeslust für die kommenden Aufgaben aus. "Wir müssen morgen gewinnen, dann sieht es schon viel besser aus", sagte Linksaußen Schiller.

3. Rückkehrer sind noch nicht die Heilsbringer

Nach Abpfiff wurde Hendrik Pekeler am "ARD"-Mikrofon gefragt, wie zufrieden er mit seiner eigenen Leistung und jener der anderen Rückkehrer sei. "Ich glaube, ich kann es besser. Aber es geht nicht um uns, sondern um die Mannschaft", sagte der Kreisläufer. Die Rückkehrer Pekeler, Wiencek, Steffen Weinhold und Fabian Wiede verliehen dem deutschen Spiel zwar Stabilität, sie waren aber nicht so sehr die prägenden Figuren, wie man das im Vorfeld erwarten konnte.
Fabian Wiede erzielte in seinen gut sechs Minuten Einsatzzeit zwar kein Tor, lieferte aber in der Schlussphase wichtige Impulse für das Offensivspiel. "Er kam zwar spät rein, aber ich bin zufrieden mit Fabian", sagte Gislason nach dem Spiel im "ARD"-Interview.
Auch Rückraumspieler Weinhold bekam mit knapp 18 Minuten Spielzeit nicht besonders viel Einsatzzeit. Er erzielte ein Tor. Im Rückraum setzten eher Kai Häfner, der drei Tore erzielte und viel Torgefahr ausstrahlte, Philipp Weber und Julius Kühn die Akzente. Die beiden Kieler Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler dagegen spielten viel, erzielten zwei (Pekeler) beziehungsweise drei Tore (Wiencek) - doch die im Vorfeld beschworene Defensivstärke konnten sie nicht vollends zeigen.

Deutschland jubelt über Punkt bei der Olympia-Quali

Fotocredit: Getty Images

Über 60 Minuten fand das DHB-Team nie so richtig Lösungen gegen den starken Spielaufbau der Schweden. In der zweiten Halbzeit versuche es Gislason mit einer offensiveren Formation, bei der Schwedens Spielmacher Jim Gottfridsson eng gedeckt wurde. Trotzdem fanden die Gäste immer wieder den Weg durch die deutsche Abwehr. Bundestrainer Gislason monierte im "ARD"-Interview nach dem Spiel, dass es Schweden in der ersten Viertelstunde der zweiten Halbzeit "immer geschafft hat, frei durchzukommen. Da fehlte bei uns die Bewegung." Auch Pekeler sagte über die zweite Halbzeit: "Bis zur 55. Minute hatten wir keine Chance."
Dazu kam, dass Deutschland in der zweiten Halbzeit lange Zeit im Angriff zu hektisch spielte. "Wir haben in der ersten Viertelstunde der zweiten Halbzeit ungewöhnlich viele unvorbereitete Würfe genommen", sagte Gislason. Auch Bitter erklärte, dass dadurch "die Lockerheit ein bisschen flöten gegangen" sei. Man habe sich dann schwer getan und verkrampft gewirkt. Hannings Schlussfolgerung der spielerischen Schwächen: "Es war ein sehr schwieriges Spiel, wir brauchen gegen Slowenien eine Leistungssteigerung, um uns für Olympia zu qualifizieren."
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