Ein Kommentar von Sigi Heinrich
Ein Küsschen gab es noch. Weit nach Mitternacht war der Lord noch wach und empfing die Marathonsiegerin Ruth Chepngetich aus Kenia. Sebastian Coe, der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) wusste wohl, was er denen schuldig war, die er in einen Wettkampf schickte, der alles andere als eine Werbung für seinen Sport war.
Mit Rollstühlen und Tragen wurden 41 Prozent der Teilnehmerinnen von der Strecke gebracht. Schuldgefühle ob der Tortur, die den Athletinnen aufgezwungen wurde: Fehlanzeige. Stattdessen ein Stich ins Herz. Blasphemie fast. "Keine einzige Aufgabe ist auf einen Hitzeschlag zurückzuführen" schrieb die IAAF. Keine Toten, das Leben geht weiter.
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Klimaverbrechen während der Klimadebatte

Die Leichtathletik, die Kerndisziplin olympischer Spiele, ist jahrelang von den Vorgängern des Briten Coe in einen korrupten Sumpf gesteuert worden. Eines der Ergebnisse ist der Austragungsort Doha, der sich auch angesichts der Klimadebatte weltweit wie ein schlechter Witz präsentiert.
Kalte Luft bläst den Athleten aus riesigen Lüftungsrohren im Stadion ins Gesicht. Bitte eine Daunenjacke. Außerhalb des Stadions kommt der Hitzehammer. Wettkämpfe um Mitternacht bringen den Bio-Rhythmus durcheinander. Bei den Gehern, die vor Geisterkulisse zur Geisterzeit starteten und bis vier Uhr morgens ihre irren Runden drehten, kam auch nur 28 von 46 mutigen Startern ins Ziel. Weltklasseathleten gaben entkräftet auf.

Nächtlicher WM-Marathon 2019 in Doha

Fotocredit: Getty Images

Zuschauer? Mangelware!

Kaum jemand schaut zu. 10.000 Zuschauer verfolgten im Stadion das 100m-Finale der Männer, das zu Beginn der Weltmeisterschaft ein Knaller werden sollte, am Sonntag bei den Frauen waren es nicht einmal mehr halb so viele. Beim Halbfinale der Volleyball-Europameisterschaft in Slowenien waren 11.500 Zuschauer in der Halle. Der Wert des prestigeträchtigsten Wettbewerbes der Leichtathletik, ist auf den tiefsten Wert jemals gefallen. Zumal mit Christian Coleman aus den USA ein US-Amerikaner gewann, der jüngst damit aufgefallen ist, dass er bei drei Dopingproben, die man von ihm haben wollte, nicht anzutreffen war.
Dass er dennoch starten durfte, lag an einem Formfehler im zeitlichen Ablauf. Zweiter wurde Justin Gatlin, der Oberdoper der Sprintelite, der sich auch noch mit seinem Trainer Denis Mitchel zeigte, von dem er sich angeblich getrennt hatte. Mitchel, Olympiasieger in Barcelona, war nämlich auch mal gedopt.

WM 2019: 100-m-Finale

Fotocredit: Getty Images

Firlefanz statt Reformen

Mit viel Brimborium wird versucht, viele Schwächen der Leichtathletik zu kaschieren. Lichtblitze zucken durchs Stadion. Digitale Lasershows lenken ab von den vielen Problemen. Unnützer Firlefanz.
Neue Kameraeinstellungen sollen die Zuschauer an den TV-Geräten fesseln. Dabei ist man weit übers Ziel hinausgeschossen. Die Kameras in den Startblöcken vermitteln das Bild einer Peepshow. Es ist unappetitlich. Die deutschen Läuferinnen Gina Lückenkemper und Tatjana Pinto haben das deutlich formuliert. Sie fühlen sich unangenehm beobachtet. Und dieser neue Startblock konnte im Vorfeld nicht mal getestet werden.

IAAF ohne jedes Feingefühl

Dass auch noch der 5000m-Läufer Jonathan Busby aus Aruba nachträglich disqualifiziert wurde, nachdem ihn Braima Suncar Dabo aus Guinea-Bissau ins Ziel geschleppt hatte, was für Standing-Ovation sorgte, passt ins Bild. (Regel 144.3, unerlaubte Hilfe in Anspruch genommen).

Braima Suncar Dabo (r.) schleppt Jonathan Busby ins Ziel

Fotocredit: SID

Die Leichtathletik ist auf dem besten Weg, ihre Ausnahmeposition im olympischen Sport zu verspielen. Den Austragungsort Doha hätte Sebastian Coe sofort nach seiner Amtsübernahme vom Terminkalender löschen müssen.
Stattdessen hielt er noch eine Lobesrede auf seinen Vorgänger Lamine Diack, der immer noch als Ehrenpräsident fungiert obwohl er in Frankreich auf seinen Gerichtsprozess wartet. Und sein Sohn Papa Diack wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Ersatz für Doha wäre bestimmt zu finden gewesen. Barcelona hatte sich ja auch beworben.
Stattdessen setzt man nur zehn Monate vor den olympischen Spielen in Tokio die Gesundheit vieler Athletinnen und Athleten aufs Spiel, zwingt sie in Wettkämpfe, von denen sich viele lange nicht erholen werden.
Möglicherweise werden diejenigen am Ende die Gewinner sein, die nicht in Doha am Start sind.
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