Olympia 2021 - Das Drama im Modernen Fünfkampf um Annika Schleu und Saint Boy
Publiziert 06/08/2021 um 19:37 GMT+2 Uhr
Es war das Thema schlechthin an Tag 14 der Olympischen Spiele in Tokio: Vom Modernen Fünfkampf gingen Bilder um die Welt, die kein gutes Licht auf den Wettbewerb warfen. Im Mittelpunkt: Fünfkämpferin Annika Schleu und das Pferd Saint Boy. Es gab Tränen, skandalöse Kommandos, Schläge und einen Shitstorm. Ein Millionenpublikum vor dem TV war schockiert. Das kann nicht ohne Folgen bleiben.
Annika Schleu auf Saint Boy - Tokyo 2020
Fotocredit: Getty Images
Es waren Szenen, die der Moderne Fünfkampf so schnell nicht wieder loswerden wird.
In den Hauptrollen: Fünfkämpferin Annika Schleu und das Pferd Saint Boy.
Sportsoldatin Schleu hatte das Reiten mit 24 Punkten Vorsprung auf die ROC-Athletin Juliana Bataschowa in Angriff genommen.
Auf dem Rücken von Saint Boy, auf dem Bataschowas Landsfrau Gulnas Gubaidullina bereits ohne Punkte geblieben war, lief dann aber nichts mehr.
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Tränen-Drama! Schleu verliert fast schon sicher geglaubtes Gold
Quelle: Eurosport
Und es kam zu dramatischen Momenten.
Der Aufreger um Annika Schleu
Schleu war als Führende in die dritte Teildisziplin Reiten gestartet. Auf dem ihr zugelosten Saint Boy hatte zuvor schon Polina Gubaidullina mit drei Verweigerungen große Probleme gehabt. Damit Schleu ein Ersatzpferd hätte wählen können, wären vier Verweigerungen nötig gewesen.
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War es Tierquälerei? Das sagt Peking-Olympiasiegerin Schöneborn
Quelle: Eurosport
Schleu hielt Rücksprache mit einem Veterinär und holte sich Tipps von der Besitzerin ein. Auf dem Abreiteplatz habe man sich "sehr gut verstanden", erklärte die 31-Jährige: "Es gab keinen Fehler."
Noch bevor die Sportsoldatin aber auf den Parcours reiten konnte, blockte das Tier ab. "Ich war kurz davor, abzugrüßen, bevor es losging, weil ich gemerkt habe, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt", sagte Schleu. Dann startete sie dennoch und ihre Verzweiflung wuchs mit jeder Sekunde.
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Tränen-Drama! Schleu verliert fast schon sicher geglaubtes Gold
Quelle: Eurosport
Sie weinte zunächst. Dann eilte Bundestrainerin Kim Raisner heran und rief: "Hau drauf, hau richtig drauf!" Schleu tat es, schlug mit der Gerte auf den Rücken des Pferdes, rammte dem Pferd die Sporen in die Seite, doch nichts brachte die panisch wirkende Athletin und den völlig verunsicherten Saint Boy noch in Einklang.
Das Millionenpublikum vor dem TV war größtenteils schockiert.
Olympia-Eklat: Die heftigen Reaktionen
Der Shitstorm kam mit Ansage: Raisners indiskutable Zurufe wurden in den sozialen Medien zerrissen, Schleu erreichten schon beim Umziehen für den Laser-Run "diverse Hassnachrichten". Statt Jubel herrschte bei den deutschen Fünfkämpfern kollektives Entsetzen. "Warum mein Pferd so verunsichert war, weiß ich nicht", sagte Schleu, die beim Olympiasieg der Britin Kate French letztlich nur den 31. Platz belegte.
Schleus Augen waren noch lange nach dem abschließenden Laser-Run gerötet und feucht. Auch die vielen tröstenden Umarmungen der Rivalinnen halfen kaum - schließlich hatten Schleu auch wütende Kommentare aus der Heimat erreicht. "Es ist tragisch", sagte die grenzenlos enttäuschte Schleu: "Ich werde wohl eine Weile brauchen, um darüber hinwegzukommen."
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"Fiese Nachrichten in meine Richtung": Schleu von Emotionen übermannt
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Die Berlinerin war um Klarstellung bemüht. Eigentlich würden die deutschen Fünfkämpfer "als sehr einfühlsame Reiter" gelten. "Es bricht uns das Herz, dass wir es nicht zeigen können", sagte Schleu: "Ich denke, die Leute können es einfach nicht richtig einschätzen."
Trainerin Raisner zeigt null Einsicht
Bundestrainerin Kim Raisner stand hinterher zu ihrer heftig kritisierten Aussage. "Ich hab' gesagt, hau' drauf. Aber sie hat das Pferd nicht gequält, in keinster Weise. Dass man mal mit der Gerte hinten draufhaut, ist jetzt keine Quälerei. Sie hat dem Pferd nicht im Maul gerissen. Sie hatte keine scharfen Sporen dran. Pferde quälen sieht anders aus."
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Eurosport-Experte erklärt: Regeldetail verhinderte Pferdtausch bei Schleu
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Volle Breitseite von Dressur-Fraktion
Die siebenmalige Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth sah sich derweil in ihrer Bewertung der Disziplin Reiten im Fünfkampf bestätigt. "Fünfkampf hat nichts mit Reiten zu tun", sagte sie: "Die Pferde sind ein Transportmittel, zu denen die Athleten keinerlei Bezug haben. Denen kann man genauso gut ein Fahrrad oder einen Roller geben." Und sie schimpfte weiter: "Es gibt im Fünfkampf keinerlei Miteinander zwischen Reiter und Pferd."
Debatte um Modernen Fünfkampf
Ist die Idee beziehungsweise der Wettkampf selbst überholt und noch tragbar? Einem Meldereiter wird im feindlichen Gelände das Pferd getötet, er verteidigt sich zunächst mit dem Degen, bahnt sich dann den weiteren Weg mit der Pistole, muss durch einen Fluss schwimmen und legt die letzte Strecke bis zum Ziel querfeldein laufend zurück - so formulierte einst Baron Pierre de Coubertin, Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, das Wesen des Modernen Fünfkampfs.
Das ist lange her. Möglicherweise zu lange, um im 21. Jahrhundert in der aktuellen Form noch länger bestehen zu können. Der Fünfkampf ist längst nicht mehr modern, nichts könnte das besser verdeutlichen als das krampfhafte Festhalten an der Disziplin Reiten - die 2016 in Rio de Janeiro schon Lena Schöneborn und nun Schleu Gold kostete.
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Bereits vor Schleu-Ritt: Saint Boy verweigert mehrfach bei ROC-Reiterin
Quelle: Eurosport
Dazu werden Athleten, die keine Reiter sind, Pferde zugelost. Das hat schon bei den Springreitern nicht funktioniert, die ihr Finale mit Pferdewechsel 2016 abschafften, weil es einer Wettbewerbsverzerrung gleichkam.
Reiten soll das perfekte Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier sein. Weder den Athleten, deren jahrelange Arbeit in einem einzigen Moment kaputtgemacht wird, noch den Pferden, die unsicher und verstört auf die fremden Eindrücke reagieren, wird der Fünfkampf noch gerecht, sagen die Kritiker.
Was nun passieren könnte
Mit den schockierenden Bildern und den heftigen Reaktionen weltweit, steckt der Moderne Fünfkampf vor einer Sinnkrise. Es war nichts anderes als ein Skandal.
Der Druck ist hoch und sowohl Offiziellen als auch Athleten wird klar sein, dass dieser Vorfall eine Zäsur darstellt. Negative Schlagzeilen möchte niemand. Es führt wohl kein Weg daran vorbei, dass die Disziplin zumindest modifiziert oder gar ganz abgeschafft wird. Zwei deutsche Verbände wagten sich bereits aus der Deckung und forderten vehement, das Regelwerk zu ändern
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