Im Freudentaumel sprangen Victoria Carl und Katharina Hennig Hand in Hand auf das Siegerpodest, der in Tränen aufgelöste Bundestrainer Peter Schlickenrieder rang mit seiner Fassung. Nach einer der größten deutschen Sensationen bei Olympischen Winterspielen brachen bei den Skilangläuferinnen alle Dämme.
Es sind Momente wie die im Skilanglaufstadion von Zhangjiakou, die den Glauben an eine gute Sache wieder stärken. Momente, an denen noch echte Leidenschaft hervortritt. Momente wie das so unwirkliche Gold der krassen Außenseiterinnen Victoria Carl und Katharina Hennig. Momente, die echte Begeisterung, echte Freude wecken. Bei Mitwirkenden, bei Betrachtern. Die Essenz der Olympischen Idee.
Hier wurde ein Wintermärchen wahr.
Olympia - Skilanglauf
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UPDATE 12/02/2022 UM 22:48 UHR
Und tatsächlich gab es für das Team Deutschland einiger solcher Momente. Die Top Ten der emotionalsten Momente, zusammengestellt von der Eurosport-Redaktion Deutschland:

Platz 10 - Team-Silber rettet die Alpinen

Der eiskalte Sturm fegte das Silber-Quintett beinahe vom Podium, doch nicht nur Lena Dürr war nach dem befreienden Olympia-Finale so richtig warm ums Herz. "Es war gut auszuhalten", sagte die Team-Leaderin und lachte, in diesem Glücksmoment habe sie "puren Genuss und Freude" empfunden, "dass wir da stehen dürfen". Nach den medaillenlosen Spielen 2018 und all den Enttäuschungen am vermaledeiten Xiaohaituo war der Coup im Mannschaftswettbewerb für die gebeutelten Skirennläufer eine "Erlösung", wie Alpinchef Wolfgang Maier meinte. "Ende gut, alles gut", sagte er, "wir sind sehr happy, die Medaille tut uns extrem gut."

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Platz 9 - Geisenberger wird zur erfolgreichsten Winter-Olympionikin

Mit dem Sieg in der Teamstaffel haben die deutschen Schlitten-Asse die Winterspiele in Peking makellos abgeschlossen - und Natalie Geisenberger ein sportliches Denkmal gebaut. Mit dem insgesamt sechsten Winter-Gold ließ die Bayerin die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein als bislang beste Deutsche hinter sich.

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An der Spitze des Rankings thront sie nun ganz allein, weil sie zudem eine Bronzemedaille in ihrer Sammlung hat. Dieser historische Erfolg in Yanqing war zugleich ein Comeback: Erst im Mai 2020 hatte sie ihren ersten Sohn Leo zur Welt gebracht. "Olympia scheint ein bisschen meine Welt zu sein", sagte sie bescheiden. Wohl wahr.

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Platz 8 - Friedrich der Größte

Francesco Friedrich grinste breit in die Sonne über Yanqing, der King of Bob war bereit für die Krönung. Seine drei Anschieber hängten ihm die Goldmedaille um den Hals, und spätestens in diesem Moment war Friedrich endgültig der Größte in der Geschichte seines Sports. Der "Dominator", der "Killer", der "Alles-richtig-Macher" - er stellt mit seinem zweiten olympischen Double sogar Bob-Ikone André Lange in den Schatten. Friedrich hat seiner Rekordjagd damit nun auch die letzte Kategorie abgehakt. Bei Weltcups und Weltmeisterschaften war er zuvor schon unerreicht, nun gelang ihm auch bei Winterspielen Historisches: Wie schon in Pyeongchang 2018 gewann er im Zweier und im Vierer, niemand hatte je diesen doppelten Doppel-Triumph geschafft. Und nach Goldmedaillen liegt er nun mit Lange gleichauf, dem erfolgreichsten Bob-Piloten bei Winterspielen.

Finale im Viererbob: Friedrich und Lochner rasen zu Gold und Silber

Platz 7 - Der Kraftakt von Eric Frenzel

Eine Geschichte, an der sich Netflix wahrscheinlich schon die Rechte gesichert hat: Eric Frenzel, der beste Kombinierer der Geschichte, landet bei seinen letzten Winterspielen elf Tage in Quarantäne, kommt zur Staffel raus, bricht zusammen, gewinnt Silber, verpasst die Siegerehrung. Und: Nein, er hat kein Blut gespuckt, aber sehr viel an Respekt gewonnen.

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Platz 6 - Traumstart für Althaus

Katharina Althaus erlebte zum Auftakt ein Traum-Wochenende, holte die erste deutsche Medaille der Spiele von Peking und feierte ausgelassen. "Silber, Wahnsinn! Ich freue mich riesig", sagte die Bayerin nach zwei ganz starken Flügen. Dabei war in einem dramatischen Finale sogar Gold zum Greifen nahe: Die 25-Jährige führte nach dem ersten Durchgang, musste bei schwierigen Bedingungen aber die Slowenin Ursa Bogataj noch passieren lassen.

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"Als ich die '2' gesehen habe, war ich im ersten Moment ein bisschen enttäuscht. Aber Silber bei Olympia, das ist einfach mega", sagte Althaus, die schon vor vier Jahren in Pyeongchang Zweite geworden war. Die Medaille dürfte sie zumindest etwas über die Farce um ihre Disqualifikation im Team-Mixedwettbewerb hinwegtrösten.

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Platz 5 - Biathlon: Gold für Denise Herrmann im Einzel

Mit dem Triumph im Einzelrennen krönte sich die Biathletin völlig überraschend zur Olympiasiegerin. "Dass ich das geschafft habe, macht mich unglaublich stolz und glücklich", sagte die völlig überwältigte Sächsin, die am Ziel ihrer Träume zahlreiche Freudentränen vergoss: "Es war das perfekte Rennen."
Mit 19 Treffern hatte sich Herrmann in den siebten Biathlon-Himmel geballert.
Der Gold-Coup bedeutete für Herrmann den größten Erfolg ihrer Karriere, 2019 hatte sie bei der WM in Östersund den Titel in der Verfolgung gewonnen. Zuletzt hatte Andrea Henkel 2002 in Salt Lake City Olympia-Gold in der Königsdisziplin für die deutschen Biathletinnen geholt.
"Olympiasiegerin", sagte Herrmann überglücklich, "das klingt wirklich gut."

Am Ende reicht es zu Gold: Der Zieleinlauf von Herrmann im Einzel

Platz 4 - Nordische Kombination: Gold für Vinzenz Geiger von der Normalschanze

Vinzenz Geiger schüttelte immer wieder fassungslos den Kopf vor lauter Glück und Stolz brachte der wohl unwahrscheinlichste Olympiasieger von Peking kaum einen Satz heraus. "Unglaublich, ich weiß nicht, wie das funktioniert hat", sagte der Kombinierer-König aus Oberstdorf, nachdem er praktisch direkt aus der Corona-Isolation mit einem Endspurt für die Ewigkeit zu Gold gestürmt war: "Besser geht es nicht - man darf eben niemals aufgeben."

Kombi-Wahnsinn! Geiger rollt das Feld von hinten auf und stürmt zu Gold

Mit dem Rennen seines Lebens vollendete der 25-Jährige ein einzigartiges Wintermärchen: Als Kontaktperson des infizierten Rekord-Weltmeisters Eric Frenzel musste sich Geiger bis zum Wettkampf vom Rest des Teams isolieren, skurrilste Schikanen über sich ergehen lassen - und war dennoch nicht zu schlagen.

Olympiasieger Geiger exklusiv: "Es ist immer noch unglaublich"

Platz 3 - Skispringen: Bronze im Team-Wettbewerb

Hand in Hand sprangen die vier DSV-Adler mit einem letzten mächtigen Satz auf das Siegerpodest und schrien ihre Freude in die chinesische Nacht hinaus: In einem wahren Krimi haben Karl Geiger, Markus Eisenbichler, Constantin Schmid und Stephan Leyhe mit einer unglaublich hart erkämpften Bronzemedaille ein Happy End der zuvor für viele DSV-Adler enttäuschenden Winterspiele gefeiert - nach acht Durchgängen gab die Winzigkeit von 44 Zentimetern den Ausschlag.

Krimi im Teamspringen! So holte Deutschland Bronze und Österreich Gold

"Es ist so cool, es war unglaublich knapp", sagte Geiger, der Norwegens Olympiasieger Marius Lindvik hauchdünn abfing: "Ich habe befürchtet, es reicht nicht. Bei Lindviks Sprung dachte ich nur 'bitte, bitte, bitte, bitte, bitte'. Jetzt bin ich heilfroh, weil es echt wichtig für das Team gewesen ist."

Platz 2 - Skeleton: Gold für Hannah Neise

Hannah Neise raste fast aus dem Nichts auf den Olymp. Mit der flachen Hand hämmerte die 21-Jährige auf ihren Schlitten, als erste deutsche Olympiasiegerin im Skeleton hat sie Geschichte geschrieben. "Ich kann es noch nicht realisieren, das braucht auf jeden Fall Zeit", sagte Neise vor den TV-Kameras.

Noch nie Top 3 und Last-Minute-Quali: So kam es zum Neise-Märchen

Noch nie stand sie zuvor im Weltcup, wo sie erst seit zwei Jahren unterwegs ist, auf dem Podest. Erst bei der Europameisterschaft in St. Moritz drei Wochen vor Olympia-Start hatte die Polizeianwärterin mit Platz acht die interne Norm für die Winterspiele erfüllt - und anschließend wegen einer Corona-Infektion doch um ihren Olympia-Traum bangen müssen. Ihre Nervenstärke zahlte sich aus.

Platz 1 - Langlauf: Gold im Teamsprint

Es war der Wahnsinn auf vier Skiern: Die Langläuferinnen Katharina Hennig und Victoria Carl wurden Olympiasiegerinnen im Teamsprint!
"Wir sind doch hier im falschen Film! Ich bin so stolz", sagte Hennig: "Dass wir hier nach dem Staffelsilber noch einen draufsetzen können, ist Wahnsinn." Bundestrainer Schlickenrieder war kaum noch einzufangen. "Ich könnte die ganze Zeit heulen, so intensiv ist das. Hier geschieht etwas Einmaliges."

Packendes Finish: So holten Hennig und Carl Gold im Teamsprint

Die Cinderella-Story ist deshalb so schön, weil der Langlauf generell zum Stiefkind des Wintersports geworden war.
Biathlon und Skispringen stehen hoch in der Gunst, die Langläufer versanken oftmals im Nirgendwo. Die notorische Erfolglosigkeit, die Machtlosigkeit gegen Topnationen wie Norwegen oder Schweden, das Fehlen bekannter Gesichter wie einst Evi Sachenbacher oder Tobias Angerer, dazu aber auch Wettkampf-Formate, die für den Normalzuschauer eher unsexy sind - das alles führte zum Sturz in die Nähe der Bedeutungslosigkeit.
Ausgerechnet Peking brachte nun die Wende: Der deutsche Skilanglauf wird davon profitieren.
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