Nur wenige Kilometer nach dem Start in Grado an der Nordküste der Adria ereignete sich das Unheil.
"Es war ein dramatischer Start, viele Fahrer haben auf dem Boden gelegen. Das war schon eine kleinere Katastrophe. Etwas, was wir hier schon lange nicht mehr in dieser Dramatik gesehen haben", kommentierte Eurosport-Experte Jens Voigt den Massensturz auf der 15. Etappe des Giro d'Italia, der für insgesamt vier Fahrer das Aus bedeutete.
Einer von ihnen: Die deutsche Hoffnung Emanuel Buchmann.
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"Es ist ein fürchterlicher Tag", ordnete Jens Zemke, Boras sportlicher Leiter, die Geschehnisse später im Interview ein: "Vor allem nach seiner Performance bisher, dem sechsten Platz in der Gesamtwertung."

Buchmann benommen: "Rennarzt hat sofort entschieden, ihn rauszunehmen"

Auf den TV-Bildern war die genaue Ursache des Crashs nicht zu erkennen, laut den Aussagen einiger Fahrer sei jedoch der hohe Anfangsspeed des Pelotons und der Positionskampf zu Beginn der Etappe der Grund für den schweren Sturz gewesen.
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"Keiner hatte wirklich die Kontrolle", meinte der Kolumbianer Juan Sebastian Molano (UAE): "Viele wollten bei einer Attacke dabei sein, deshalb wurde es ziemlich voll und eng. Ich bin sicher, dass das der Auslöser war."

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Buchmann stand nach dem Sturz zwar sehr schnell wieder auf, lehnte sich dann aber an die Leitplanke und verharrte dort etwas benommen.
"Als wir von seinem Crash gehört haben, waren wir sofort da", gab Zemke Einblicke in die Minuten danach: "Wir haben direkt gesehen, dass er aus dem Mund geblutet hat und alles nur verschwommen wahrgenommen hat. Der Rennarzt hat sofort entschieden, ihn rauszunehmen." Später bestätigte sich der Verdacht auf eine leichte Gehirnerschütterung, der angesichts seines gebrochenen Helmes schnell auf der Hand lag.
"Nach dem Sturz wurde Emu direkt ins Krankenhaus gebracht. Durch einen CT-Scan konnten Knochenbrüche ausgeschlossen werden", erklärte Bora via Teamarzt Christopher Edler. Neben der Gehirnerschütterung habe Buchmann "mehrere Prellungen im Gesicht und an der Hüfte davongetragen. Zudem hat er eine Wunde im Mund an der Innenseite der unteren Lippe."

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Bora nach Buchmann-Aus bestürzt: "Einfach sehr traurig"

An ein Weiterfahren war nicht zu denken. Für Bora ein harter Schlag. "Wir hatten das große Ziel, ihn aufs Podium zu hieven", so Zemke: "Er hat sich gut gefühlt, war fokussiert und bereit für die finale Woche. Wir sind einfach sehr traurig, dass er sein Ziel nicht mehr erreichen kann."
Noch am Vortag hatte der 28-Jährige auf der 14. Etappe über den schneebedeckten Monte Zoncolan in den Karnischen Alpen einen starken Eindruck hinterlassen. Mit Rang 13 hatte er seinen sechsten Rang im Gesamtklassement gehalten, zum drittplatzierten Italiener Damiano Caruso (Bahrain-Victorious) fehlten nur 45 Sekunden.
Chancen, sich den Traum vom ersten Podiumsplatz bei einer großen Landesrundfahrt zu erfüllen, hätte der Deutsche noch genug besessen.

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Pechvogel Buchmann: Nicht der erste folgenreiche Sturz

Auch Buchmanns Teamkollegen zeigten sich bestürzt: "Es ist ein schlechter Tag. Schon letztes Jahr hatte er vor der Tour einen Sturz, jetzt ist es wieder passiert", sagte Felix Großschartner am Eurosport-Mikro: "Das Wichtigste ist aber, dass es ihm einigermaßen gut geht."
Im August 2020 war Buchmann beim Critérium du Dauphiné gestürzt, hatte schwere Prellungen und Hautabschürfungen davongetragen. Bei der anschließenden Tour de France hatte der Gesamtvierte aus dem Jahr 2019 deshalb nicht an seine Erfolge anknüpfen können, landete auf einem enttäuschenden 38. Rang.
Im Jahr 2021 hatte er nun extra auf einen Start bei der Frankreich-Rundfahrt verzichtet, um sich auf den Giro zu konzentrieren. Vergeblich.
"Er war unser Team-Kapitän und gut positioniert. Fünf der noch anstehenden Etappen sind für Kletterer wie ihn gemacht. Es ist eine schlimme Sache", meinte auch Peter Sagan, auf dem jetzt der Fokus des deutschen Radsportteams liegt.

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Boras Fokus liegt jetzt alleine auf Sagan

Der slowakische Sprinter liegt aktuell mit 135 Punkten im Rennen um das Maglia Ciclamino, im Kampf um die Punktewertung vorne.
"Jetzt hat man Buchmann nicht mehr dabei, der bestimmt noch einen Rennfahrer an seiner Seite gebraucht hätte. Jetzt kann man anders fahren und hat nicht mehr das geteilte Interesse", erklärte Eurosport-Experte Rolf Aldag die veränderte Ausgangslage für Bora-hansgrohe: "So bitter das ist, die Linie ist jetzt klar. Du brauchst keinen mehr, der aufs Gesamtklassement aufpasst."
Dort wiederum liegt der Kolumbianer Egan Bernal vom Team Ineos Grenadiers weiter über eine Minute vor der Konkurrenz um Simon Yates (Team BikeExchange).
Dass der Sturz und das frühzeitige Ausscheiden Buchmanns als Fußnote am Gesamterfolg des späteren Giro-Siegers haften werden, glaubt Jens Voigt derweil nicht. "Es gab auch schon eine Tour de France, in der Chris Froome gestürzt ist. Da hat auch keiner gefragt, ob die Tour nur die Hälfte wert ist", so der Eurosport-Experte:
"Alle waren glücklich über einen großartigen Sieg von Vincenzo Nibali damals (2014; Anm. d. Red.). So tragisch das ist für die ausgeschiedenen Fahrer, the show must go on. Der Giro behält die Bedeutung, die er immer hatte."
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